Zürcher Rauchverbotsmodell ist in Spanien gescheitert

Wirte von kleinen Beizen sollen selber entscheiden, ob sie das Rauchen weiter zulassen oder nicht. So will es der Kantonsrat. Doch nun sagt eine Studie: In Spanien funktioniert das nicht.

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Seit 2006 ist in Spanien ein Rauchverbot für Restaurants in Kraft. Wer das Land bereist, merkt davon allerdings – anders als in Italien oder Irland – nicht viel: Es mangelt offensichtlich an der Durchsetzung, und es gibt viele, auch regionale Ausnahmen. Eine dieser Ausnahmen lautet: Wirte mit Betrieben von weniger als 100 Quadratmetern Gastraum (ohne Küche, Theke, Büro usw.) können selber entscheiden, ob sie das Rauchen zulassen wollen oder nicht. Sie müssen dies am Eingang nur klar deklarieren.

Diese Ausnahme ist deshalb interessant, weil der Zürcher Kantonsrat mit seinem Gegenvorschlag zur Rauchfrei-Initiative der Lungenliga etwas Ähnliches fordert: Er will den Wirten von Kleinbetrieben mit bis zu 35 Sitzplätzen – eine vergleichbare Grenze wie in Spanien – den Entscheid überlassen, ob sie ihr Restaurant als Raucherkneipe oder als rauchfrei deklarieren.

Weiter paffen und schummeln

Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg hat nun in einer Übersichtsstudie dargelegt, wie sich das von der Tabaklobby gepriesene «spanische Modell» in der Praxis bewährt. Die unter der Ägide der Weltgesundheitsorganisation WHO forschenden deutschen Wissenschaftler bezeichnen es als «gescheitert»: Es sei «keine Lösung des Passivrauchproblems, sondern Anlass für langwierige Auseinandersetzungen um einen besseren Nichtraucherschutz und faire Wettbewerbsbedingungen in der Gastronomie». Die spanische Lösung sei «ein Auslaufmodell».

Die Wahlfreiheit für Kleinbetriebe – 80 Prozent der landesweit 300'000 Beizen – habe dazu geführt, dass in neun von zehn Kleinlokalen weiter geraucht werde, heisst es in der Studie. Und von den Betreibern grösserer Restaurants hätten viele die Auflagen «trickreich umgangen», indem sie die Nutzfläche verkleinert oder das Lokal aufgeteilt hätten. Zu spüren bekommt dies am stärksten das Personal: Es ist nach wie vor einer hohen Belastung durch krebserregenden Feinstaub als Folge des Rauchens ausgesetzt. Teilweise sogar noch stärker als zuvor, weil die Spanier seit 2007 am Arbeitsplatz nicht mehr rauchen dürfen und daher in der Beiz mehr paffen. Betreiber von grösseren Lokalen beklagen sich mit Blick auf die Flexibilität der Kleinbetriebe auch über eine Wettbewerbsverzerrung.

Alles anders im Kanton Zürich?

Otto Brändli, Arzt, Initiant und Präsident der Lungenliga Zürich, sieht sich auf Grund der Studie in seiner Haltung bestätigt, dass der Gegenvorschlag keine akzeptable Alternative zur Volksinitiative sei, die beide im Kanton Zürich am 28.September zur Abstimmung gelangen.

Anders FDP-Kantonsrat Urs Lauffer, der die Kommission präsidiert, die den Gegenvorschlag ausgearbeitet hat. Studien gebe es für alles, und die spanische Beizenstruktur lasse sich nicht mit der schweizerischen vergleichen. Lauffer ist überzeugt, dass es im Kanton Zürich keine Schummeleien geben werde wie in Spanien: «Die Kontrolle wird funktionieren», denn hierzulande würden Verstösse gemeldet, nicht nur von missgünstigen Konkurrenten. «Die Schweizer schauen genau hin, dass die anderen die Gesetze einhalten.»

Lauffer glaubt nicht, dass es im Kanton Zürich viele Raucherbeizen geben werde: «Die Erwartungshaltung des Publikums wird sich verändern. Vor allem Wirte, die auch Essen servieren, müssen es sich gut überlegen, ob sie das Rauchen weiter zulassen wollen.» Er sei sicher, dass der Markt spielen werde, sagt Lauffer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2008, 02:49 Uhr

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