«Den Islam salonfähig machen»

Der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide lehrt seine Studenten im deutschen Münster eine menschenfreundliche Lesart des Korans.

Peace: Diese junge Muslimin nimmt in Los Angeles an einer Demonstration für den Religionsfrieden teil (2012).

Peace: Diese junge Muslimin nimmt in Los Angeles an einer Demonstration für den Religionsfrieden teil (2012).

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Die grossen Islamverbände halten Sie für nicht länger tragbar. Sie werfen Ihnen vor, einen weich- gespülten Islam zu dozieren und den Islam der Mehrheitsgesellschaft anzupassen. Was halten Sie dem entgegen?
Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich verstehe den Islam sogar strenger, als man ihn gemeinhin versteht. Der Islam darf nicht auf eine äussere Fassade reduziert werden, auf eine rein mechanische Ausübung von Beten und Fasten. Der Kern des Islam ist vielmehr die Vervollkommnung des Menschen als spirituelles und ethisches Wesen: dass man aufrichtig und gerecht ist, sich einsetzt für andere. Das vermisse ich bei einigen, die sagen, sie seien praktizierende Muslime.

Sie plädieren für einen angstfreien Islam. Ist der Glaube der Muslime so stark angstbesetzt?
Ich kann nicht für die Muslime allgemein sprechen. Aber man lernt meist an erster Stelle einen strafenden Gott kennen. Ich sage nicht, dass es keine Strafe gibt. Diese aber ist keine Rache Gottes, sondern eine pädagogische Massnahme, Ausdruck von Allahs Barmherzigkeit. Ich strebe an, dass die jungen Menschen nicht aus Angst beten, sondern um Gottes Liebe zu erwidern.

Dieser liebende Gott macht Sie für die muslimische Seite verdächtig.
Ja leider. Einige Muslime sagen, wenn das, was Khorchide über den Islam sagt, bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft so gut ankommt, dann kann etwas nicht stimmen. Das aber sagt vor allem etwas über die Muslime aus, die mir das vorwerfen: Sie haben offenbar ein Problem mit der Mehrheitsgesellschaft. Suspekt ist für sie, dass ich an einer nicht-islamischen Universität Islam unterrichte. Man unterstellt, es gebe eine Agenda des Staates, der den Islam kaputt machen will. Doch die jungen Studierenden sagen im Gegenteil, dass sie bei uns in der Religionspädagogik etwas lernen, das sie in ihrer religiösen Erziehung vermissten. Die Zahlen sprechen für sich: Im ersten Jahr haben sich 620 junge Muslime, letztes Jahr 1200 beworben. Wir haben insgesamt 400 Studierende aufgenommen.

Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Deutschland, behauptet, dass Sie nicht wie ein Theologe argumentieren, sondern wie ein Orientalist. Sind Sie kein gläubiger Muslim?
Das ist absolut unhaltbar: Würde man meine Bücher wirklich lesen, sähe man, dass ich mich auf die normativen Quellen des Koran und der Hadithe stütze. Das aber ist nicht die Methodik eines Orientalisten, er argumentiert von einer Aussenperspektive her. Mazyek hat weder Islamwissenschaft noch Theologie studiert. Es geht um einen politischen Konflikt. Deshalb platzierte er diesen Vorwurf im Vorfeld des Besuches von Bundespräsident Joachim Gauck, der das Zentrum für Islamische Theologie vergangenen November besucht hatte.

Gauck aber gibt Ihnen Schützenhilfe.
Ja, der Bundespräsident sagte mir, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft Werke brauche wie mein Buch «Islam ist Barmherzigkeit». Es ist ein Buch, das die schöne Seite des Islam betont und diesen in Europa salonfähig macht. Ich vertrete einen menschenfreundlichen Islam, der den Menschen ins Zentrum stellt. Es geht folglich um die Deutungshoheit des Islam in Deutschland. Die islamischen Verbände verfechten nur eine von vielen Lesarten des Islam. Ich würde mir wünschen, dass wir den Islam in seiner grossen Vielfalt wahrnehmen.

Die Salafisten predigen einen Angst erregenden Gott, der den Geist der Unterwerfung fördert. Ist es also kein Zufall, dass Salafisten wie Pierre Vogel lauthals Ihren Rücktritt fordern?
Es geht auch hier um die Deutungshoheit des Islam, die die Salafisten für sich beanspruchen. Es geht um Macht und um ein soziales Phänomen: Viele junge Menschen, vor allem von der Gesellschaft marginalisierte Schulabbrecher oder Arbeitslose, fühlen sich dort wohl. Die Salafisten geben ihnen ein Wir-Gefühl, eine Identität und Heimat. Die Mehrheitsgesellschaft schafft es nicht, den Muslimen zu vermitteln, dass sie dazugehören. Die Salafisten nehmen diese Polarisierung auf, indem sie sagen: wir Muslime und ihr Europäer. Unsere Ausbildung ist für sie eine Konkurrenz, da bei uns so viele junge Menschen Religionslehrer werden wollen. Ich bin Pierre Vogel aber dankbar, dass er uns in seinen Kreisen thematisiert. So habe ich Zugang zu den jungen Salafisten. Sie lesen meine Bücher und mailen mir: Wir finden Sie in Ihrer unpolemischen Art überzeugender als Vogel, der immer nur schimpft.

In Österreich sind Sie in Ungnade gefallen, als Sie die Haltung der dortigen muslimischen Religionslehrer untersuchten: Ein Drittel lehnte rechtsstaatliche Grundsätze ab, ein Fünftel die Demokratie.
In Deutschland sind die Lehrer Beamte des Staates. In Münster bilden wir Beamte aus. In Österreich hingegen mischt sich der Staat nicht ein, die Muslime sind selber verantwortlich für den Religionsunterricht. Viele Lehrer gehörten damals zu einer demokratiefeindlichen Partei. Natürlich haben sich viele über meine Studie aufgeregt und mich als Nestbeschmutzer beschimpft. Das hat auch eine gute Seite: Man hat seither in Österreich den islamischen Religionsunterricht reformiert und die Bildungsangebote professionalisiert.

In der Schweiz will der Staat im Herbst an der Universität Freiburg eine Ausbildung für Imame installieren. Was muss er dabei beachten?
Die Ausbildung der Religionslehrer sollte theologisch, pädagogisch und didaktisch sehr professionell sein. Man muss darauf achten, dass sich die Lehrer nicht einfach als Sprachrohr ihrer Theologie verstehen, sondern schülerorientiert unterrichten. Sie müssen ihre Theologie und den Lebenskontext der Studierenden in Einklang bringen. Das heisst, dass der Staat für entsprechende Qualifikationsmassnahmen sorgen muss.

In Ihrem neuen Buch fordern Sie eine Abkehr von der Scharia als juristisches Regelwerk. Ist das nicht gerade ihr Wesen?
Die Scharia als juristisches Regelwerk ist ein Konstrukt der Gelehrten und nicht im Sinne des Koran. Lediglich 80 der 6234 Verse sprechen juristische Massnahmen an. Verstünde sich der Koran als juristisches Regelwerk, würde er aus lauter Paragrafen mit juristischen Geboten bestehen. Deshalb sind manche Scharia-Gebote zu hinterfragen. Zum Beispiel: Wenn ich meiner Frau verbiete, Auto zu fahren, komme ich dann Gott näher? Das Verhältnis zu Gott darf doch nicht juridisch definiert sein, sondern durch eine Beziehung des Vertrauens.

Muss man die im Westen für die Bibel etablierte historisch-kritische Methode auf den Koran über- tragen?
Nicht eins zu eins. Die Bibel ist eine andere Literaturgattung als der Koran. In der Bibel gibt es viel historisches Material: Daten, Fakten, Namen, die man überprüfen kann. Im Koran gibt es so gut wie keine Daten, Namen und Orte. Trotzdem müssen wir den Koran historisch kontextualisieren, wenn es dort punkto Erbschaft etwa heisst, dass die Tochter nur die Hälfte erbt. Das wird zum Problem, wenn wir das als historisch gültig für alle Zeiten nehmen. Versuchen wir das im Kontext zu verstehen, sehen wir, dass in der Stammesgesellschaft vor Mohammed die Töchter gar nichts geerbt haben, weil mit der Heirat alles an den anderen Stamm gegangen wäre. Mohammed wollte die Stammesstruktur abschaffen und deklarierte, dass auch die Töchter etwas erben. Das war ein revolutionärer Schritt, darum konnte Mohammed die Gleichberechtigung nur sukzessive einführen.

Und die fehlende Aufklärung im Islam, ist das Realität oder Klischee?
Wenn wir von Aufklärung sprechen, ist nicht die europäische Aufklärung gemeint im Sinne der Emanzipation des Islam von einer Kirche. Die gibt es nicht. Unser Problem ist ein anderes. Von den Mutazilliten bis zu den Salafisten – stets wurde der Islam politisch instrumentalisiert. Bei uns hat nicht eine religiöse Instanz die Politik verändert, sondern umgekehrt. Der Islam muss sich selber schützen, indem er sich von der Politik löst. Politiker sollten religiöse Menschen sein, nicht aber die Deutungshoheit des Islam für sich beanspruchen, weil sie ihn immer so deuten, dass er ihren Interessen dient. Bis heute fehlt im Grossteil der arabischen Welt diese Emanzipation von der Politik.

War das nicht das Ziel des Arabischen Frühlings?
Soll der Arabische Frühling Früchte tragen, müsste er die Trennung von Religion und Politik einfordern. In Ägypten war es umgekehrt. Der Islam wurde durch die Muslimbrüder erst recht instrumentalisiert. Das aktuelle Militärregime erinnert stark an Mubarak und stärkt wiederum die Seite, die den Islam instrumentalisiert. Man wird aus diesen Erfahrungen lernen. Bei den nächsten Wahlen werden die Menschen reflektierter sein. Das ist ein Prozess.

(Der Bund)

Erstellt: 01.05.2014, 11:17 Uhr

Der 42-Jährige Mouhanad Khorchide ist in Saudiarabien aufgewachsen, hat im Libanon studiert und in Wien promoviert. Seit 2010 ist er Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. Als Leiter des Zentrums für islamische Theologie bildet er islamische Religionspädagogen aus – so wie das seit zwei Jahren in Deutschland an vier Hochschulstandorten geschieht. Khorchide entwirft in seinen Büchern «Islam ist Barmherzigkeit» und «Scharia, der missverstandene Gott» (Herder) einen modernen Islam. (mm.)

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