Aboservice
Mit Auto und Helikopter auf den Uetliberg
Von Silvio Temperli, Stefan Häne. Aktualisiert am 04.02.2012 34 Kommentare
Artikel zum Thema
- Der Uetliberg war zu haben, doch die Zürcher haben ihn verschmäht
- Immer wieder Abbruch auf dem Uetliberg
- Fondue-Kino am Berg
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an
4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Zürich – In ungewohnt scharfen Worten hatte der rot-grüne Zürcher Stadtrat die Uetlibergpläne der kantonalen Baudirektion von Markus Kägi (SVP) im vergangenen September zerzaust. Er sah nicht ein, weshalb auf dem landschaftlich geschützten Gipfel auch künftig Helikopter landen sollten, um Hochzeitspaare, Geburtstagskinder oder Prominente zu beglücken. Die grüne Stadträtin Ruth Genner hielt die Flüge gar für völlig sinnlos. Ebenso wenig konnte der Stadtrat nachvollziehen, dass der Kanton weiterhin 4000 Autofahrten pro Jahr auf den Uto Kulm zulassen will, wo doch seit Jahren ein allgemeines Fahrverbot gilt.
Nun zeigt sich: In den Verhandlungen zum sogenannten Nutzungsvertrag für den Uto Kulm hat sich die Stadtregierung in keinem der beiden Punkte durchsetzen können. Künftig sind pro Jahr weiterhin zwölf Helikopterflüge erlaubt, die Zahl der Autofahrten wird bei 4000 belassen und nicht auf 3800 gesenkt, wie dies der Stadtrat verlangt hat. Kurz vor Vertragsunterzeichnung entzündete sich gemäss TA-Recherchen nochmals eine Kontroverse um das Verkehrsregime, weil das Fahrverbot ständig missachtet wird – nicht nur auf dem Uto Kulm, sondern am ganzen Berg: 30'000 Fahrten pro Jahr; dies haben Verkehrszählungen ergeben.
10'000 Franken Busse pro Fahrt
Trotzdem hat der Stadtrat das Dokument unterzeichnet. Ohne seine Unterschrift hätte er auf weniger Autos und auf einem Helikopterverbot beharren können. Dass der Regierungsrat den Stadtrat in die Knie gezwungen hat – davon will Baudirektor Kägi nichts wissen: Für ihn gibt es «nur Sieger, weil der Nutzungsvertrag endlich Klarheit schafft, was die Rechte und Pflichten aller Beteiligten auf dem Uto Kulm sind».
In diesem Sinn äussert sich auch der federführende Zürcher Stadtrat, Hochbauvorsteher André Odermatt (SP): «Wir haben gemeinsam eine Lösung gefunden, die Klarheit schafft.» Es habe einst die Forderung nach wesentlich mehr Autofahrten auf dem Tisch gelegen, schreibt er dem TA, ohne konkreter zu werden. Die nun vereinbarte Zahl sei nicht weit vom Wunsch der Stadt entfernt. Werde sie überschritten, gebe es eine Strafe. «Das ist wichtig.» Für jede Fahrt über dem Jahreskontingent von 4000 droht dem Unternehmer Fry eine Busse von 10'000 Franken. Um ihn zu kontrollieren, soll künftig eigens ein elektronisches Zählsystem jedes Auto zum Kulm hinauf erfassen (siehe Karte). Zu den Helikopterflügen meint Sozialdemokrat Odermatt: «Pro Monat ist im Durchschnitt gerade mal ein Helikopterflug möglich. Damit ist man dem Vorschlag des Kantonsrats gefolgt.»
SVP-Fraktionschef Mauro Tuena ist erleichtert, dass die Stadt auf «ihren unmöglichen Forderungen» nicht insistiert hat. «Der Vertrag bringt Fry auch so schon genug Einschränkungen», sagt er. Tuena warnt davor, mit immer neuen und strengeren Auflagen Unternehmern das Leben zu erschweren. Konsternation herrscht dagegen bei Margrith Gysel, Präsidentin von Pro Uetliberg: Die rot-grüne Stadtregierung nicke ein Vertragswerk ab, das dem Landschafts- und Umweltschutz völlig zuwiderlaufe und einzig auf einen Privateigentümer zugeschnitten sei. «Das ist bedenklich, das bringt uns auf die Palme.»
Heliflüge: «Schlechtes Signal»
«Die Stadt hätte weiterverhandeln sollen.» Das sagt Gian von Planta, Fraktionschef der Grünliberalen. Ihre finanzielle Beteiligung am Unterhalt des Aussichtsturms, mehrere Tausend Franken pro Jahr, hält er für einen Fehler. Der Turm sei das «Marketinginstrument Nummer eins» von Giusep Fry. Damit locke er seine Gäste an. Deshalb soll er dafür selber aufkommen. Dass sich die Stadt bei der Zahl der Autofahrten nicht durchgesetzt hat, ist für von Planta weniger gravierend. «Entscheidend ist, dass die Fahrtenkontrollen durchgesetzt werden.» Dies fordert auch CVP-Fraktionschef Christian Traber. Wie von Planta stört er sich an den Helikopterflügen – weniger mit Blick auf den Schadstoffausstoss, vielmehr im Hinblick auf die Symbolik. Traber spricht von einem «schlechten Signal» für eine ökologisch fortschrittliche Stadt wie Zürich. «Da hätte der Stadtrat ein Zeichen setzen sollen.»
Der grüne Gemeinderat Ueli Nagel ist enttäuscht, dass der rot-grüne Stadtrat seine Unterschrift unter ein Vertragswerk mit bürgerlicher Handschrift gesetzt hat. Die Folgen seien weitreichender als gemeinhin angenommen: Die Gestaltung des Uto Kulms habe Auswirkungen auf den gesamten Uetliberg, der im Bundesinventar schützenswerter Landschaften liege.
Hände weg von der Motorsäge
Kulm-Eigentümer Giusep Fry hingegen spricht laut seiner Medienstelle von einer «guten Ausgangslage für die Zukunft des Uetlibergs». Ob Fry recht behält, ist indes zweifelhaft. Baudirektor Markus Kägi rechnet mit Rekursen. Und tatsächlich: Pro Uetliberg wird gegen den Gestaltungsplan Einsprache erheben, wie Präsidentin Margrith Gysel ankündigt. Auch Gemeinderat Nagel sagt, Einsprachen seien so «sicher wie das Amen in der Kirche».
In einem anderen ökologischen Streitpunkt muss Fry aber ein absolutes Verbot in Kauf nehmen. «Er darf nicht mehr in den Wald eingreifen», wie Wilhelm Natrup, Chef des Amts für Raumentwicklung, sagt. Laut Natrup werden die Bäume in Zukunft nur noch zurückgeschnitten, dies «im Rahmen der üblichen forstlichen Bewirtschaftung». Fry hatte in der Vergangenheit mehrmals eigenmächtig im Gipfelbereich Bäume fällen lassen, um Touristen eine umfassende Aussicht zu garantieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.02.2012, 07:45 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
34 Kommentare
Traurig zu sehen, dass bürgerliche PolitikerInnen es scheinbar als Kavaliersdelikt anschauen, wenn Herr Fry - rechtskräftig verurteilt! - sich nicht an die Gesetze hält. Nach dem Motto: Der freie Markt darf alles. Und ihn nun so belohnen für sein Verhalten. Es ist zu hoffen, dass seine allfälligen weiteren Vergehen konsequent festgestellt und geahndet werden. Antworten

Bitte warten