Wer hat Angst vor «Arschblocher»?

Das SRF hat Somuncu als Satiriker falsch eingeschätzt. Doch das ist nicht der einzige Lapsus in dieser Geschichte – das SRF ist generell unsicher.

Serdar Somuncus Auftritt am Arosa-Humorfestival.

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Politische Zensur beim Schweizer Fernsehen? Ein Auftritt von Serdar Somuncu am Arosa-Humorfestival wurde nicht in der Aufzeichnung von SRF gezeigt. Darauf erhob der deutschtürkische Satiriker auf Facebook schwere Vorwürfe. Das SRF habe seinen Beitrag gestrichen, weil er sich mit «den nationalistischen Auswüchsen der eidgenössischen Tagespolitik» befasst habe. Dazu zitierte er aus seinem Auftritt: Die Deutschen wären gerne wie die Schweizer – «gepflegt ausländerfeindlich». Auch von «Christoph Arschblocher» war die Rede. Worauf diese Schlagwörter gestern und heute medial die Runde machten.

Somuncu ist ein streitbarer Satiriker. Bekannt wurde er mit seiner szenischen Lesung «Nachlass eines Massenmörders», in der er ausgewählte Textstellen aus Hitlers «Mein Kampf» vortrug. Manchmal vor 300 Rechtsradikalen. Der Mann stellt Fragen, sucht die Debatte. Inzwischen ist sein gesamter, sechsminütiger Auftritt aus Arosa online zu sehen. Ausser den erwähnten Schlagworten geht es darin nicht um Schweizer Politik, sondern um das nationalistische Verhalten von verschiedenen Ländern.

«Eine redaktionelle Auswahl nach sendungsrelevanten Kriterien zu treffen, ist keine Zensur» verteidigte sich das Schweizer Fernsehen. Tatsächlich sind noch andere Künstler, die in Arosa auftraten, aus der Sendung gefallen. Der Fall Somuncu wirft allerdings andere Fragen auf als jene nach gelungener Satire. Wollte das Schweizer Fernsehen mit Serdar Somuncu nicht bei der mächtigen SVP anstossen? Wieso hat es Andreas Thiel, ein politischer Satiriker aus der rechten Ecke, in den SRF-Zusammenschnitt geschafft?

Vorauseilender Gehorsam

Der politische Druck auf das gebührenfinanzierte SRF ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Man versucht im Leutschenbach deshalb, möglichst keine Angriffsfläche preiszugeben. Zum Beispiel verschob das SRF vor den Nationalratswahlen einen Dokumentarfilm mit dem österreichischen Schriftsteller und dezidierten EU-Befürworter Robert Menasse sowie einen Film über die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Einen solchen vorauseilenden Gehorsam liess auch ein Schweizer «Tatort»-Film vermuten, der verschoben worden war, nachdem die Kulturabteilung eine nationalkonservative Figur als zu klischiert befunden hatte.

Spätestens seit der knappen Abstimmung über ein neues Radio- und Fernsehgesetz im Juni ist offensichtlich, dass sich das Schweizer Fernsehen in einer politisch unangenehmen Lage befindet – die sich nun an einem eigentlich harmlosen Fall manifestiert hat: Streicht das SRF Somuncu aus dem Programm, wird es der Zensur bezichtigt. Lässt man ihn drin, könnte es zu Vorwürfen der Parteinahme kommen. Es ist eine Lose-lose-Situation, die im Leutschenbach für Nervosität sorgt. Statt das Programm von Serdar Somuncu genau anzuschauen, hat die Unterhaltungsredaktion offenbar nur «Arschblocher» gehört und den Stecker gezogen. Das ist zwar keine politische Zensur aus der Chefetage, sondern eher eine Angsthandlung. Das Resultat bleibt dasselbe. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.01.2016, 11:01 Uhr)

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