Wenn der König den Revoluzzer gibt

Erreicht der revolutionäre Frühling auch Marokko? König Mohammed VI. hat einige Trümpfe für die Herrschaft.

König der Armen: «M6» – der marokkanische Monarch Mohammed VI.

König der Armen: «M6» – der marokkanische Monarch Mohammed VI. Bild: AFP

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Ein kleines Kürzel macht den grossen Unterschied: «M6». So nennen die Marokkaner ihren Monarchen Mohammed VI., auf dem Thron seit 1999. Er ist zwar mittlerweile 47 Jahre alt, doch es hängt ihm auch im zwölften Jahr seiner Regentschaft noch immer eine Aura der unverbrauchten Jugendlichkeit an.

Wenn die Experten der arabischen Welt nun die Länder in der Region Revue passieren lassen, die ebenfalls von der revolutionären Verve erfasst werden könnten, gehört Marokko zwar immer dazu. Theoretisch wenigstens. Praktisch aber scheint in Marokkos Gleichung «M6» der entscheidende Faktor zu sein – gegen die Dominotheorie.

Das wissen auch die Marokkaner der «Bewegung des 20. Februar», die am Sonntag zu einer ersten Kundgebung «für die Würde der Marokkaner», «für demokratische Reformen» und sogar «für die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie» aufrufen – hauptsächlich über zwei Profile auf Facebook. Gegen 20'000 haben sich eingeschrieben, unter ihnen auch viele Marokkaner aus der spanischen und französischen Diaspora. Wie viele von ihnen tatsächlich auf die Strasse gehen werden, um vor dem Parlament in Rabat und vor den lokalen Amtshäusern in der Provinz zu demonstrieren, ist ungewiss. Die Regierung gibt sich jedenfalls gelassen. Der revolutionäre Wind wird Marokko wohl nur ein bisschen kräuseln.

Das ärmste der Maghreb-Länder

Dabei hätten gerade die Marokkaner viele Gründe für einen lauten Protest, eigentlich mehr noch als ihre maghrebinischen Nachbarn – die Algerier, Tunesier und Libyer. Marokko ist das ärmste der vier Länder. Es hat kein Erdöl wie Libyen und Algerien. Und es ist mit seiner schieren Grösse schwerer verwaltbar als das kleine Tunesien, das ebenfalls zu einem schönen Teil vom Tourismus lebt. Nirgendwo im westlichen Teil Nordafrikas ist die soziale Kluft zwischen Arm und Reich so gross wie in Marokko – immer noch, trotz einiger Jahre mit stattlichem Wirtschaftswachstum.

Es gibt denn auch regelmässig Hungerrevolten, die die Regierung jeweils mit schnellen Preissenkungen für die wichtigsten Nahrungsmittel abzuwürgen versucht. Sie sichert so den sozialen Frieden. 15 Prozent des Staatsbudgets werden jedes Jahr dafür aufgewendet, die Preise von Speiseöl, Zucker, Brot und Benzin tief zu halten. Gerade dieser Tage entschied die Regierung, die Subventionen zu verdoppeln. Präventiv sozusagen. Unzufrieden sind auch viele Akademiker dieser jungen Gesellschaft, die nach ihrer Ausbildung keinen Job finden. Vor den Regierungsgebäuden der Hauptstadt demonstrieren täglich 1800 arbeitslose Universitätsabgänger. Sie fordern Beamtenjobs, und wahrscheinlich werden bald etliche von ihnen einen kriegen. Damit sie aufhören zu demonstrieren, damit wieder Ruhe einkehrt.

Grund zum Zorn haben die Marokkaner aber auch wegen der drückenden Korruption, der Vetternwirtschaft und der Willkür in den lokalen Behörden. Kritische Geister nennen ausserdem den kolossalen Reichtum des Königshauses, die Paläste und die Banken, zusammengefasst in einer Holding. Sie tun das jedoch nur hinter vorgehaltener Hand oder aus dem sicheren Exil. Der König ist tabu, in allem, selbst im Positiven. Für Aufsehen sorgte kürzlich, als die unabhängige Zeitschrift «TelQuel» eine Umfrage über die Beliebtheit des Monarchen publizieren wollte. Die Studie ergab, dass beachtliche 91 Prozent ihren König mögen. Doch die Regierung liess die Ausgabe auf Geheiss des Königshauses einstampfen und verklagte die Verantwortlichen. Über «Sa Majesté» wird nicht debattiert, in keiner Weise.

«Bleierne Jahre»

Als direkter Nachfahre des Propheten Mohammed, wie sich die Mitglieder der Alawiten-Dynastie sehen, ist «M6» der Oberkommandierende der marokkanischen Muslime. So steht es in der Verfassung. Das macht ihn stark, das entrückt ihn von der Alltagspolitik, obschon er letztinstanzlich entscheidet. Als Schlagsack dient dem Volk die Regierung, der fast alle Parteien im Land angehören, von weit links bis recht weit rechts. Auch der König selbst haut gerne auf das Kabinett ein, rügt es zum Beispiel für die mangelhaften Fortschritte beim Kampf gegen die Korruption und lässt sich dann als Vorkämpfer feiern.

Noch immer sehen viele Marokkaner in ihrem Herrscher einen «König der Armen», obschon seine Initiativen zur Linderung der Misere nur langsam zu fruchten beginnen und die vielen Nichtregierungsorganisationen im Land nicht alle Löcher im sozialen Netz zu stopfen vermögen. Er gilt in der Vorstellung seiner Bürger gewissermassen als Revoluzzer von oben, der sein Möglichstes versucht, den Wandel mit Macht anstrebt und an vermeintlich unbeeinflussbaren Hindernissen scheitert. Viel Gunst gewann Mohammed VI. auch mit der Aufarbeitung der «bleiernen Jahre» – der Epoche unter seinem gefürchteten Vater, Hassan II., der das Land 38 Jahre lang mit harter und folternder Hand regiert hatte.

«Pol der Stabilität»

Der Sohn modernisierte den alten Familienkodex, verbesserte die Stellung der Frauen. Gegen alle Widerstände. Ein Teil der Islamisten, die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), ist im Parlament vertreten und gibt sich royalistisch. Die grosse ausserparlamentarische Bewegung für Gerechtigkeit und Spiritualität von Scheich Abdessalam Yassine dagegen ficht die religiöse Rolle des Monarchen an, opponiert gegen die gesellschaftliche Liberalisierung, bleibt aber trotz Verbot geduldet – und unter Kontrolle.

Auch den Medien gab der König mehr Freiheit, zumindest zu Beginn seiner Herrschaft. In den letzten Jahren schränkte er sie allerdings wieder kräftig ein, was viele Progressive ernüchterte. Für Washington bleibt Marokko der «Pol der Stabilität» in Nordafrika, das Land mit dem kleinen grossen Unterschied, zusammengefasst in einem Kürzel: «M6». (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.02.2011, 06:40 Uhr)

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