Hintergrund

«Alle 40 Stunden wird jemand gelyncht»

In New York schiessen Polizisten am helllichten Tag auf der Strasse einen verwirrten Kiffer tot. Einen Schwarzen. Ein Fall in einer Reihe von Exzessen, die in den USA Tradition haben.

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Die Amerikaner wissen es. Jeder, der regelmässig amerikanische Filme oder Serien schaut, weiss es: Wer nicht sofort, am besten innert Sekunden, den Anweisungen eines US-Polizisten Folge leistet, riskiert, «niedergebracht» zu werden. «To put down» nennt man das in den USA. Und es bedeutet nicht, einen Schuss ins Bein zu kriegen.

Auch Darius Kennedy in New York wurde «niedergebracht». Als der 51-Jährige, angeblich mit Joint im Mund, sich nicht von Polizisten anhalten lassen wollte, wurde er von über 20 Polizisten und mehreren Polizeiwagen verfolgt, eingekreist und dann erschossen. Mit über 15 Schüssen, heisst es. Mindestens 7 davon Treffer, in Brust, Arme und Leiste.

«Wie es dem Polizeitraining entsprach»

«Hätte ein Schuss in die Beine nicht gereicht?», fragte danach Kennedys Familie. Inzwischen hat sie die Antwort von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. Die Aktion auf der Midtown-Strasse sei «verantwortungsvoll» gewesen. Die angekündigte Untersuchung wird das bestätigen. Daran zweifelt in den USA niemand.

Ein Routinefall. Die Polizei in Ausübung ihrer Pflicht. Schliesslich fuchtelte der bekiffte Sonderling mit einem Küchenmesser herum. Zweifel kommen erst auf, wenn man hört, dass keiner der beteiligten Polizisten zuvor je im Dienst die Waffe einsetzen musste. Keiner? «Sie handelten, wie das ihrem Training entsprach», betonte der Polizeichef. Werden US-Polizisten trainiert, benebelte Messerfuchtler totzuschiessen?

Es gibt noch eine andere Dimension, die für viele Amerikaner kein Zufall ist: Darius Kennedy war schwarz. Die Bürgerrechtsorganisation Malcom X Grassroots stellte vor Wochen bereits eine Liste zusammen von allen tödlichen «Niederbringungen» von schwarzen Männern, Frauen und Kindern von Januar bis Juli 2012 durch Polizei, Sicherheitsleute oder «selbst ernannte Gesetzesvollstrecker». David J. Leonard, Professor für Rassenstudien an der Universität Washington State, fasste es bitter zusammen: «Alle 40 Stunden wird jemand gelyncht.»

Die genauen Zahlen sind umstritten, nicht aber das Problem: Viele US-Polizisten sind brutal, neigen buchstäblich zu Schnellschüssen und gehen dabei vor allem auf Minderheiten los: Schwarze, Latinos, Prostituierte oder Obdachlose.

Sechsmal mehr als in der Schweiz

Da es keine offiziellen Statistiken gibt, ist die Dimension schwer fassbar. Aber es gibt Schätzungen. Das US-Justizministerium untersuchte 2006 über 26'500 Beschwerden von Bürgern gegen Polizisten und befand 2000 davon als legitim. Allerdings weiss die Regierung, dass die meisten Fälle nie angezeigt werden. In einer früheren Studie kam das Ministerium zum Schluss, dass 1999 gut 422'000 Personen von 16 Jahren und älter Kontakt mit der Polizei hatten, bei dem Gewalt angewendet oder angedroht wurde.

Das wäre, über den Daumen gepeilt, etwa jede 450. Person in dieser Altersgruppe. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl der Schweiz wären das 11'700 Fälle pro Jahr. Zahlen gibt es auch für die Schweiz nicht. Aber selbst in ihren pessimistischsten Annahmen kommt eine Studie der Anwaltszeitschrift «Plädoyer» zum Schluss, dass es in der Schweiz jährlich etwa 2000 vergleichbare Fälle von Polizeiübergriffen gibt. Fast sechsmal weniger als in den USA.

Nimmt die amerikanische Polizeibrutalität zu? Auch das ist schwer zu sagen. Unbestritten ist, dass sie immer besser dokumentiert wird. Die Erschiessung von Darius Kennedy wurde gestern von Dutzenden Passanten gefilmt. Aber schon vor der Allgegenwart von Handys zückten immer mehr Augenzeugen ihre Videokameras. «Police Shows» verfolgen die Polizei mit Hubschraubern und filmen mit. Schliesslich lassen Verkehrspolizisten selber bei Kontrollen die Einsatzwagenkamera laufen. Solche Videos müssen in den USA dank Informationsrecht veröffentlicht werden.

Eine Nacht lang halb tot geprügelt

So machte ein Fall Schlagzeilen, dessen genaue Dokumentation im Juni auf Youtube gestellt wurde. Ein schockierter Ex-Polizist hatte sich das verstörende Polizeivideo besorgt. Es zeigt, wie der 31-jährige Robert Leone in Pennsylvania von zwei Polizeiwagen gestoppt, aus dem Auto gezerrt, zusammengeschlagen, getreten und mit Elektro-Tasern traktiert wird. Festgezurrt im Polizeiwagen und in Handschellen wird er weiter verprügelt. Zweimal bringt ihn die Polizei in dieser Nacht ins Spital und holt ihn von dort wieder ab, um ihn dazwischen im Gefängnis weiter zu tasern, zu verprügeln und mit Pfefferspray zu besprühen.

Leone sitzt seit zwei Jahren. Er wird angeklagt, die Cops angegriffen zu haben. Etwas, das vom Video ad absurdum geführt wird. Seine Familie hat eine Zivilklage eingereicht, befürchtet aber, dass der Staat Pennsylvania ihn vier Jahre einbehält. Bis die Prügler nicht mehr belangt werden können. Ohnehin sind Polizisten rechtlich im Vorteil. Ihre Einschätzung vor Ort wird in der Regel von den Behörden vorbehaltlos gestützt. Das zeigt sich immer wieder:

  • Im Mai 2011 parkierte ein Team der Polizei von Arizona am Abend vor dem Haus von José Manuel Guerana und zündete Blitzgranaten. Der erschrockene 26-jährige Irak-Veteran griff sich sein Gewehr, kroch zum Fenster. Fünf Polizisten brachen die Tür ein und schossen 71-mal auf ihn. Ambulanz, Gueranas Frau und sein 4-jähriger Sohn wurden eine Stunde lang mit vorgehaltener Waffe daran gehindert, dem Sterbenden zu helfen. Als man sich endlich eingestand, im falschen Haus zu sein, war der Soldat verblutet. Die Polizei hatte Guerana für einen Drogendealer gehalten. Inzwischen wurden alle Beteiligten, hinauf bis zum Haftrichter, von jeder Schuld freigesprochen. Eine Entschuldigung gab es nicht.
  • Im März dieses Jahres erschoss die Polizei von Kalifornien den 19-jährigen Studenten Kendrec McDade. Ein Anrufer hatte behauptet, ein Schwarzer habe ihn in der Nähe überfallen. McDade hatte mit dem Überfall nichts zu tun. Er war aber schwarz. Er habe nach einer Waffe gegriffen, behaupteten die Cops. McDade war unbewaffnet.
  • Ebenfalls im März erschoss ein Polizeidetektiv in Chicago die 39-jährige Rekia Boyd aus dem Auto heraus. Der Detektiv, zu diesem Zeitpunkt nicht im Dienst, hatte einer Passantengruppe neben einem öffentlichen Park zugerufen, weniger Lärm zu machen. Da habe jemand eine Waffe erhoben. Der «Jemand» war nicht Boyd, und es war keine Waffe, sondern ein Handy.
  • Im Juli 2011 schlugen und taserten wahrscheinlich bis zu sechs kalifornische Polizisten den geistig verwirrten Obdachlosen Kelly Thomas halb tot. Erst fünf Tage später erlag der 37-Jährige seinen Verletzungen. Sein Kopf und sein Hals waren aber derart zerschlagen, dass er nicht mehr atmen konnte. Angeblich hatte Thomas, halb nackt herumirrend, sich gegen eine Kontrolle gewehrt. Gegen zwei Polizisten läuft ein Verfahren.
  • Im November 2011 ging das medizinische Alarmhalsband von Kenneth Chamberlain in seiner New Yorker Wohnung versehentlich los. Chamberlain, ein 68-jähriger Militärveteran, litt unter Herzbeschwerden. Die Sanität kam in Begleitung einiger Polizisten. Als diese an Chamberlains Tür polterten, liess er sie nicht ein. Die Polizei insistierte. Der Kranke rief, er habe Angst vor den Polizisten. Daraufhin brachen die Cops die Tür auf, beschimpften Chamberlain – einen Schwarzen – als «Nigger». Und, obwohl er keinen Widerstand leistete, wurde er getasert und es wurde ihm zweimal in die Brust geschossen. Er starb im Spital. Keine Polizisten wurden belangt.

Dies sind nur fünf Fälle aus einer länger werdenden Liste. Das Muster ist immer dasselbe: Das Vorgehen der Polizeikräfte ist völlig übertrieben. Einfachste Deeskalationsmittel – zum Beispiel höflich an der Tür läuten – werden unterlassen. Ob aus Unfähigkeit, Überforderung oder Absicht ist danach kaum mehr festzumachen. Entsprechend sind Strafverfahren gegen Beamte meist fruchtlos, selbst bei eindeutigen Videodokumenten.

Wen es trifft, der war eben gefährlich

Doch die amerikanische Gesellschaft wird selten wirklich erschüttert. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg stellte gestern zum Fall Darius Kennedy nüchtern fest: «Mit einem Messer auf Leute zugehen, vor allem auf Polizisten, ist nichts, was eine geistig gesunde Person tut.»

Die Logik ist bestechend: Die Polizei zu verunsichern, ist lebensgefährlich. Sich lebensgefährlich zu verhalten, ist geistesgestört. Und Geistesgestörte sind eine von der Polizei zu stoppende Gefahr. Kreis geschlossen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.08.2012, 16:23 Uhr

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