Ausland
Amerikas gnadenlose Schattenkrieger
Von Martin Kilian. Aktualisiert am 07.01.2010
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Sie sind die Schattenkrieger des Hegemons, deren Einsätze niemals publiziert und nur gelegentlich im Nachhinein bekannt werden. Sie stehen an vorderster Stelle im amerikanischen Krieg gegen radikale Islamisten in Afghanistan, sie klären auf in Somalia und bilden aus im Jemen oder in Westafrika: die amerikanischen Special Forces, jene Sonderkräfte, deren sich die Weltmacht bedient, wenn besonders riskante Einsätze anstehen.
Ihre Mitglieder stellen Mordkommandos, sind notfalls Entführer und jagen die Topkader der Terrororganisation al-Qaida. Beim zivilen Auslandgeheimdienst CIA arbeiten sie in der Special Activities Division, bei den Streitkräften unterstehen sie dem Joint Special Operations Command (JSOC) in Fort Bragg im Bundesstaat North Carolina. Und flankiert sowie bei ihren Operationen unterstützt werden sie von Söldnern der umstrittenen Firma Xe, vormals Blackwater – eine rechtlich fragwürdige Privatisierung von Kriegseinsätzen, die derzeit vom nachrichtendienstlichen Ausschuss des Repräsentantenhauses untersucht wird.
Brutale Ausbildung
Dabei gäbe es noch viel mehr zu untersuchen: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington wertete die Regierung Bush die Sonderkräfte ungemein auf – und entzog sie wenn immer möglich der Aufsicht des Kongresses.
Während CIA-Operationen von den zuständigen parlamentarischen Gremien abgesegnet werden müssen, darf das JSOC im Dunkeln schalten und walten. Es wurde in der Amtszeit von Bush an regulären militärischen Kommandostrukturen vorbei direkt vom Weissen Haus und insbesondere von Vizepräsident Dick Cheney gelenkt.
Etwa 55'000 Soldaten unterstehen dem JSOC, das mit der Special Support Branch sogar über eigene und sowohl der CIA als auch dem militärischen Geheimdienst DIA entzogene nachrichtendienstliche Kapazitäten verfügt. Die Armee stellt dem JSOC Rangers und Green Berets sowie die ultrageheime Delta Force zur Verfügung, die Marine die berühmten Seal-Teams, und die Luftwaffe steuert mehrere Verbände für Sonderoperationen bei. In teilweise brutalen Ausbildungslehrgängen werden die Freiwilligen – sie stammen aus regulären Einheiten der Streitkräfte – auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet.
Viele tote Zivilisten
Während des Irakkrieges entwickelte sich die Arbeit von JSOC zu einem Modell, das nun auch in Afghanistan und womöglich im Jemen zur Anwendung kommen soll: JSOC-Teams jagten Al-Qaida-Mitglieder und ihren Anführer Abu Musab al-Zarqawi. «Das Ziel war, die mittleren Strukturen des Netzwerks zu zerstören; wir haben daraus eine Kunst gemacht», beschrieb der damalige Kommandant von JSOC, General Stanley McChrystal, das Vorgehen der Sonderkräfte im Irak.
Nun ist McChrystal als Oberbefehlshaber für den Krieg in Afghanistan verantwortlich und setzt dabei auf vermehrten Einsatz der Schattenkrieger, obschon ihr Vorgehen im vergangenen Jahr zu harter Kritik geführt hat. Weil bei den Operationen der Special Forces viele Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, ums Leben kamen, wurden die Aktionen im Februar 2008 vorübergehend eingefroren und untersucht.
Jetzt aber gibt es kein Halten mehr: Besonders im schwer zugänglichen Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan sind die Eliteeinheiten aktiv und jagen Talibanführer sowie Al-Qaida-Mitglieder.
Menschenjagd ohne Grenzen
Die sogenannte Taskforce 714 etwa besteht aus kleinen Gruppen von Rangers, die laut einem Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats «hingehen, wo immer sie hingehen wollen» – und dabei notfalls auch die Grenze zu Pakistan überqueren. Ein Geheimabkommen zwischen Islamabad und Washington erlaubt amerikanischen Sonderkräften die Verfolgung von Al-Qaida-Führern in Pakistan – was die pakistanische Regierung jedoch strikt dementiert. Bei der Jagd auf Osama Bin Laden stützen sich die JSOC-Gruppen sowie der paramilitärische Arm der CIA überdies auf Abhörspezialisten des elektronischen Nachrichtendienstes NSA vor Ort in Afghanistan und in Pakistan.
Während allgemein bekannt ist, dass die CIA in Pakistan unbemannte Drohnen mit Hellfire-Raketen gegen mutmassliche Taliban- und Al-Qaida-Aktivisten einsetzt, behaupten Washingtoner Geheimdienstkreise, dass das JSOC ebenfalls über Drohnen in Pakistan verfügt: Wenn die «Kollateralschäden» besonders gross seien, handle es sich um einen JSOC-Einsatz. Selbst der Betrieb von geheimen Gefängnissen wird zusehends von der CIA auf JSOC und deren Taskforce 435 übertragen.
Mordkommandos weltweit
In der Bush-Ära führten CIA und JSOC überdies auch Mordanschläge durch. «Sie gingen in andere Länder, ohne den Botschafter oder den CIA-Repräsentanten vor Ort zu unterrichten, haben Leute auf einer Liste gefunden und sie umgebracht, ehe sie wieder ausflogen», beschreibt Enthüllungsreporter Seymour Hersh das Treiben der Mordkommandos. Die Zeitschrift «Vanity Fair» berichtet in ihrer neusten Ausgabe von einem CIA/Blackwater-Mordkommando, das ohne Wissen der deutschen Regierung 2005 nach Hamburg entsandt und dort auf den angeblichen Al-Qaida-Sympathisanten Mamoun Darkazanli angesetzt worden sei. Lawrence Wilkerson, ein enger Mitarbeiter des ehemaligen Aussenministers Colin Powell, behauptet, das Aussenministerium habe keinerlei Ahnung von diesen Operationen gehabt. «Wir haben das nur herausgefunden, wenn zufällig ein Botschafter bei uns anrief und fragte: Wer zur Hölle sind diese 1,90 Meter grossen weissen Kerle mit einem Bizeps von 40 Zentimetern Umfang, die in unseren Hauptstädten herummarschieren?», sagt Wilkerson, dem zufolge ein Kommandoangehöriger aus einem südamerikanischen Land eiligst evakuiert werden musste, nachdem er einen Taxifahrer ermordet hatte. Auch Wilkerson beklagt, dass die Kommandanten regulärer Einheiten im Irak und in Afghanistan keine Ahnung vom Vorgehen der Sonderkräfte hätten.
Dem Vernehmen nach hat die neue Regierung von Barack Obama die Sonderstellung der Schattenkrieger bisher nicht beschnitten. Im Gegenteil: Die mutmasslichen JSOC-Drohnen in Pakistan sind eine Folge der Anordnung des Weissen Hauses, den Einsatz der unbemannten, wiederverwendbaren Luftgeräte zu intensivieren.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.01.2010, 10:47 Uhr


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