.

Armes Amerika

Mikrokredite sind beinahe so gefragt wie in Bangladesh – die Infrastruktur ist in desolatem Zustand: Die USA tragen immer mehr Züge eines Drittweltlandes.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Chinesen mästen rund die Hälfte aller Schweine auf diesem Planeten. Das reicht allerdings nicht, um den Fleischhunger der bald 1,4 Milliarden Menschen im riesigen Land zu stillen. Aus diesem Grund hat die chinesische Shuanghui International Holdings Limited soeben den grössten amerikanischen Schweinezüchter Smithfield Foods erworben, der in Tar Heel, im Bundesstaat North Carolina, das grösste Schlachthaus der Welt betreibt. Das war ein glänzendes Geschäft für die Smithfield-Aktionäre. Weniger Freude daran dürften die Einwohner des US-Bundesstaats North Carolina haben. Die Fleischzucht ist eine für die Umwelt äusserst schädliche Industrie. Um ein Pfund Schweinefleisch zu erzeugen, braucht es rund 2000 Liter Wasser. Und die mit Kraftfutter vollgepumpten Tiere hinterlassen Jaucheseen und Fäkalienberge.

China hat weder genügend Wasser noch ausreichend Land für noch mehr solcher Fleischfabriken. Daher greifen die Chinesen immer öfter zum Mittel des Land-Grabbing: Sie kaufen oder leasen Land in Entwicklungsländern – oder eben in North Carolina. Beim Smithfield-Geschäft treten die Chinesen wie Kolonialisten auf – sie verfahren mit den Amerikanern genau gleich wie mit den Afrikanern.

Millionen an der Armutsgrenze

Wer genauer hinschaut, entdeckt in den USA heute überraschende Parallelen zu Entwicklungsländern. Seit der Finanzkrise 2008 kommen zum Beispiel Mikrokredite immer öfter zum Einsatz. Der Bangladesher Muhammad Yunus hat dieses Instrument einst für die Ärmsten in seiner Heimat entwickelt – und dafür den Nobelpreis erhalten. Inzwischen hat die von ihm gegründete Grameen Bank sechs Filialen allein in New York – und weitere in Los Angeles, Omaha und Charlotte.

18 000 Amerikanerinnen und Amerikaner haben allein im letzten Oktober das Angebot genutzt und Mikrokredite im Wert von insgesamt 100 Millionen Dollar aufgenommen, wie die «New York Times» berichtete. «Afrikanische Bauernfamilien sind US-Familien sehr viel ähnlicher, als man gemeinhin glaubt», erklärt Jonathan J. Morduch, Finanzspezialist an der New York University. «Die versteckte Ungleichheit in Amerika ist auf das Fehlen einer fundamentalen Sicherheit – der Möglichkeit, zu planen – zurückzuführen.»

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die USA sind nach wie vor das reichste Land mit der grössten Volkswirtschaft. Rund ein Viertel aller Güter und Dienstleistungen weltweit werden von amerikanischen Konsumenten in Anspruch genommen. Gleichzeitig tragen die USA aber zunehmend Züge eines Drittweltlands. 15 Prozent der Bevölkerung – rund 50 Millionen Menschen, 13 Millionen von ihnen Kinder – leben an der Armutsgrenze und sind auf die karge Sozialhilfe angewiesen. Diese kommt meist in Form von Food Stamps daher: Lebensmittelmarken.

Die Arbeitslosenunterstützung wird laufend gekürzt. Rund 1,3 Millionen Arbeitslose sind Ende 2013 ausgesteuert worden, etwa 1 Million wird es Mitte 2014 treffen. Obwohl die Wirtschaft wieder wächst, verharrt die Arbeitslosigkeit bei 7 Prozent. Was das bedeutet, fasst die «New York Times» wie folgt zusammen: «Wir haben ein halbes Jahrhundert technischen Fortschritts und Phasen mit sehr robustem Wirtschaftswachstum hinter uns. Trotzdem kann der Arbeitsmarkt heute weniger Menschen aus der Armut befreien als zur Zeit, da Neil Armstrong seinen Fuss auf den Mond setzte.»

Sinkende Löhne

Viele der Ärmsten sind Gelegenheitsarbeiter und leben unter prekären Verhältnissen. Selbst wer einen festen Job hat, entkommt der Armutsfalle nicht mehr unbedingt. Ein Grossteil des amerikanischen Mittelstands verdient heute weniger als vor der grossen Krise 2008. Wer seinen Lebensunterhalt in einem Fast-Food-Restaurant oder hinter einer Warenhauskasse verdient, hat grösste Mühe, sich finanziell über Wasser zu halten. Inflationsbereinigt sind die Löhne dieser Angestellten seit den 70er-Jahren um rund ein Drittel gefallen. Auch immer mehr von ihnen greifen – trotz einer festen Arbeit – auf Food Stamps und Medicaid zurück, um ihren Familien einen minimalen Standard zu sichern.

Es war alles ganz anders gedacht. In den 60er-Jahren erklärte der demokratische Präsident Lyndon Johnson den Kampf gegen die Armut zu seinem wichtigsten politischen Ziel. Er versprach den Aufbau einer «grossen Gesellschaft». In den 80er-Jahren machte sich Johnsons Nachfolger, der Republikaner Ronald Reagan, über die sogenannten Sozialhilfe-Königinnen lustig – junge Mütter, die auf Kosten des Staates lebten: «Wir haben der Armut den Krieg erklärt, und die Armut hat gewonnen», sagte er fröhlich.

Das grösste Übel der USA

Und der amtierende Präsident Barack Obama? In einer viel beachteten Rede Ende letzten Jahres bezeichnete er die Ungleichheit und Armut als die beiden grössten Übel der USA und ihre Bekämpfung als vorrangiges Ziel seiner verbleibenden Amtszeit.

Obama sprach Klartext: «Weil die guten Industriejobs entweder automatisiert oder ausgelagert worden sind, haben die Arbeiter an Bedeutung und Einfluss verloren. Sie verdienen heute deutlich weniger als früher.» Und weiter: «Die reichsten 10 Prozent der Erwerbstätigen begnügen sich nicht mehr mit einem Drittel aller Einkünfte, sie nehmen heute die Hälfte. Und während früher ein Konzernchef 20- bis 30-mal mehr verdiente als ein gewöhnlicher Arbeiter, sind es heute 273-mal mehr.»

Selbst ein kräftiger Wirtschaftsaufschwung dürfte an diesen Zuständen wenig ändern. «Auch wenn die Rezession vorbei ist, werden die guten Mittelstandsjobs nicht zurückkehren», konstatiert der Ökonom Tyler Cowen in seinem aktuellen Kultbuch «Average Is Over» (Mittelmass ist vorbei). Cowen ist alles andere als ein linker Aktivist, er bezeichnet sich selbst als Konservativer und Marktliberaler. Trotzdem beschreibt er die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt schonungslos.

Hollywood entdeckt das Thema

«Unsere Bevölkerung wächst, aber die Zahl der Erwerbstätigen nimmt ab. Vor allem Männer scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus – oder werden hinausgeworfen –, und zwar in einem erschreckenden Mass. Die wenigsten der nicht Arbeitenden sind reiche Playboys», hält er fest. «Es ist kein Zufall, dass junge Männer in der Populärkultur heute das Image von Versagern haben. Sie hängen zu Hause herum, spielen Videogames, haben kein Interesse mehr an einem festen Job und interessieren sich nicht einmal mehr besonders für Frauen.»

Bankrotte Städte wie die Automobilmetropole Detroit sind bezüglich Verwahrlosung und Kriminalität heute schon mit Slums in der Dritten Welt vergleichbar. Dasselbe gilt auch in Sachen Einkommenskluft. Hollywood hat das Ganze bereits zu einem beliebten Filmsujet gemacht. Der Blockbuster «The Hunger Games» zum Beispiel schildert eine Welt, in der eine neue Oligarchie in Luxus schwelgt, während die grosse Mehrheit im wahrsten Sinn des Wortes um ihr Überleben kämpft.

Der Film trifft offenbar den Nerv der Zeit – die zweite Folge der Trilogie ist mit grossem Erfolg in den Kinos gelaufen. Auch «The Circle», der neue Roman von Dave Eggers, spielt in einer Welt, in der sich eine IT-Elite vom Rest der Menschheit absetzt. Die junge Protagonistin Mae Holland erlebt die Entwicklung so: «Durch San Francisco oder Oakland oder San Jose oder irgendeine andere amerikanische Stadt zu wandern, schien immer mehr zu einer Drittwelt-Erfahrung zu werden mit unerklärlichem Dreck und unnötigen Streitereien und unerklärlichen Fehlleistungen – mit Tausenden von Problemen an jeder Strassenecke, die sich mit einfachen Algorithmen und leicht verfügbarer Technologie in einer digitalen Gemeinschaft schnell beheben liessen.»

«The Circle» ist ein fiktives IT-Unternehmen, das jedoch starke Ähnlichkeit zum Internetgiganten Google aufweist. Das dürfte kein Zufall sein. «Die Entwicklung geht letztlich dahin, dass sehr viele Jobs bald sehr ähnlich wie bei Google sein werden», sagt Ökonom Cowen. «Entweder man erfüllt gewisse Standards, oder man ist out.» Konkret bedeutet dies, dass die Supertüchtigen den Reichtum mehr oder weniger unter sich aufteilen, vielleicht sind das 15 Prozent. Die anderen haben mit zudienenden Funktionen – vom persönlichen Fitnesstrainer, über den Seelenberater bis zum Baby- und Hundesitter – die Möglichkeit, an diesem Reichtum ein wenig teilzuhaben. Der grosse Rest wird jedoch sehen müssen, wo er bleibt.

In der Not ziehen sie nach Texas

Was bedeutet es, wenn der Mittelstand verarmt? Die Menschen werden einfach dorthin wandern, wo sie sich noch einen bescheidenen Lebensstandard leisten können, glaubt Cowen. Als Beispiel führt er Texas an. Dort sind die Steuern tief, und das Leben ist billig. Dafür sind auch die Strassen voller Schlaglöcher, die Schulen und Spitäler lausig. Offenbar kümmert das kaum jemanden. «Texas hat einen beträchtlichen Überschuss an Zuwanderern», hält Cowen fest. «Das lässt darauf schliessen, dass die meisten Amerikaner lieber ein bisschen mehr Cash in der Tasche haben als einen besseren Service public.»

Der Umzug nach Texas ist wahrscheinlich bloss der Anfang. Bald werden auch dort die besten Plätze vergeben sein. «Einmal mehr werden die weniger Begüterten aus den schönen Wohngegenden verdrängt werden. Das wird über den Marktpreis und die staatliche Zonenplanung geschehen», prophezeit Cowen. Am Ende der Entwicklung würden die Vereinigten Staaten für die grosse Mehrheit der Einwohner tatsächlich zu einem Drittweltland werden.

Rückzug ins Provinzielle

«Wahrscheinlich werden Zonen entstehen, die Mexiko oder Brasilien gleichen, allerdings mit mehr technischen Spielzeugen und mit mehr Sicherheit», mutmasst Cowen. Überspitzt ausgedrückt: Die USA werden eine moderne Aristokratie mit einem neuen Geldadel; und die künftige Marie Antoinette wird auf die Forderung nach mehr Brot nicht mehr antworten, «dann esst halt Kuchen», sondern: «Lasst sie Internet schauen.»

Wird der amerikanische Mittelstand seinen Niedergang kampflos hinnehmen? Ohne Aufstände oder gar eine Revolution? Cowen winkt ab: «Ich erwarte eine Gesellschaft, die konservativer sein wird, insbesondere politisch.» Aufruhr wie in den 60er-Jahren sei unwahrscheinlich. Stattdessen würden sich die Menschen vermehrt wieder auf lokale Gemeinschaften zurückziehen und auf diesem Weg versuchen, sich vor wirtschaftlicher Unsicherheit zu schützen. «Wir werden zusehen, wie die Einkommen vieler Arbeitnehmer weiter sinken werden und eine neue Unterschicht entsteht», sagt Cowen. «Wir können diesen Prozess schlicht nicht stoppen. Und trotzdem wird es eine seltsam friedliche Zeit werden, mit einer älter werdenden Bevölkerung und viel billigem Vergnügen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.01.2014, 09:47 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Viele Menschen von Armut betroffen

Immer mehr Menschen in Europa und den USA sind vom Hunger bedroht. In den Vereinigten Staaten erhält inzwischen nahezu jeder Sechste staatliche Lebensmittelzuschüsse. Mehr...

Arbeiten bei Walmart, Leben in Armut

Walmart sorgt für negative Schlagzeilen: Kritiker beschuldigen den Kaufhausriesen, Hungerlöhne zu zahlen und Streiks mit Repressalien zu beantworten. Mehr...

Armut erreicht in den USA neuen Rekordwert

Einer von fünfzehn Amerikanern (6,7 Prozent) gehört mittlerweile zu den «Ärmsten der Armen», wie aus einer neuen Volkszählung hervorgeht. Besonders betroffen sind die Vorstädte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Mobil, personalisiert, emotional

Adaptives Lernen ist einer der Trends im Bildungsbereich.

Werbung

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Eis und Staub: Der Chasma Boreale Canyon am Mars-Nordpol gräbt sich 1400 Meter tief und 560 Kilometer weit durch Sand und Eis. Das Bild wurde rekonstruiert aus Datensätzen von der NASA-Mars-Mission «Odyssey». (28. Mai 2016)
(Bild: EPA/NASA/JPL/ARIZONA STATE UNIVERSITY/ R. LUK ) Mehr...