Autistischer Hacker stoppt Nachschub für US-Flotte
Gary McKinnons private Leidenschaft macht momentan Weltgeschichte. (Bild: Keystone)
Die britische Regierung bemüht sich um Schadensbegrenzung, nachdem ein Justizfall zum Politikum wurde. Gary McKinnon, ein 43-jähriger britischer Staatsbürger, soll in die USA ausgeliefert werden, nachdem er sich 2001 in amerikanische Militärcomputer eingehackt hatte. Was zuerst wie ein Routine-Auslieferungsverfahren aussah, hat sich mittlerweile zu einem öffentlichen Skandal entwickelt: Die Mutter startete eine Kampagne, die Medien und Prominente unterstützen sie, und jetzt meldete sich auch noch ein Kabinettsminister zu Wort. Peter Hain sprach sich dafür aus, dass McKinnon in Grossbritannien verbleiben solle. Vizepremierministerin Harriet Harman, die zurzeit Premierminister Gordon Brown vertritt, versuchte derweil die Wogen zu glätten.
Pazifist jagt Ufos
Worum geht es? McKinnon selbst behauptet, dass es ihm immer nur darum gegangen sei, Beweise für die Existenz von Ufos zu sammeln. Von seinem Schlafzimmer in Nordlondon aus startete der Pazifist und Vegetarier im Jahr 2000 seine Suche nach Ausserirdischen, zu seinem Unglück allerdings bevorzugt auf Computern der US-Regierung. Er soll in 97 streng geheime Datensysteme des US-Militärs eingebrochen sein, rund 950 Passwörter gestohlen, zeitweise den Munitionsnachschub für die US-Atlantikflotte lahmgelegt und insgesamt einen Schaden von etwa 800 000 Dollar angerichtet haben. Die kriminellen Aktivitäten brachten ihm den Ruf ein, «der grösste Militär-Hacker aller Zeiten» zu sein.
McKinnon wurde 2002 von der britischen Polizei verhaftet – aus Mangel an Beweisen aber nicht angeklagt. Die Amerikaner verlangten erst 2004 die Auslieferung, nachdem ein neues Gesetz in Kraft getreten war, das die Beweislast für die Auslieferung von Briten sehr tief ansetzte.
Der Fall geriet endgültig in die Schlagzeilen, als sich schliesslich im vergangenen Jahr herausstellte, dass McKinnon am Asperger-Syndrom leidet – einer milden Form von Autismus.
Damit schienen die Fronten klar: Auf der einen Seite ein versponnener Ufo-Jünger, der zwar genial mit dem Computer umgehen kann, aber ansonsten völlig harmlos scheint – auf der anderen Seite die US-Justiz, die McKinnon als Terroristen auf eine Stufe mit Osama Bin Laden stellt und ihn im Falle einer Verurteilung bis zu 60 Jahre zu inhaftieren droht.
Suizidgefahr
Am vergangenen Freitag entschied der London Highcourt, dass McKinnon an die USA ausgeliefert werden darf. Allerdings räumte das Gericht ein, dass in diesem Fall «seine mentale Gesundheit leiden wird und es grössere Risiken gibt, einschliesslich Selbstmord». Ausserdem stellten die Richter fest, dass ein Verfahren in den USA zwar «zu bevorzugen» sei, er aber auch in Grossbritannien vor Gericht gestellt werden könnte.
Das war Wasser auf die Mühlen von Mutter Janis Sharp und der Zeitung «Daily Mail», die dafür streiten, dass McKinnon sich für seine Taten im Königreich und nicht vor einem US-Gericht verantworten soll. Der Innenminister Alan Johnson erklärte am Wochenende, dass seine Hände gebunden seien und er laut dem Auslieferungsgesetz von 2003 nicht intervenieren dürfe. Genau das aber wird jetzt von McKinnons Freunden – zu denen Menschenrechtler, Oppositionspolitiker und weite Teile der Öffentlichkeit gehören – infrage gestellt.
Der britische Pudel der Amerikaner
Der Fall McKinnon wächst sich zum Politikum aus, weil er ein massives Ungleichgewicht offenlegt: Während die USA lediglich Verdachtsgründe für eine Auslieferung angeben müssen, haben britische Behörden nachzuweisen, dass der angebliche Täter mit Wahrscheinlichkeit schuldig ist. Das britische Justizsystem als der Pudel der Amerikaner, der Innenminister als Büttel der US-Gerichte – das ist eine Vorstellung, welche die Briten auf die Palme bringt.
Vizepremierministerin Harriet Harman versuchte am Wochenende die Gemüter zu beschwichtigen: Falls Gary McKinnon in den USA verurteilt würde, sagte sie, werde man alles daransetzen, dass er seine Strafe in einem britischen Gefängnis absitzen dürfe. Es gibt bislang kein Zeichen, dass ihre Intervention die Gemüter beruhigt hätte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.08.2009, 13:48 Uhr
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