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Beängstigende Beobachtungen

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 14.04.2011 7 Kommentare

Das Schlimmste ist dem Golf von Mexiko vorerst erspart geblieben. Ein Jahr nach der von BP verursachten Ölpest sind Bevölkerung, Umwelt und Wirtschaft auf dem Weg zur Besserung – zumindest vordergründig.

Nahe an einer totalen Katastrophe: Aufräumarbeiten am Golf von Mexiko im Juni 2010.

Nahe an einer totalen Katastrophe: Aufräumarbeiten am Golf von Mexiko im Juni 2010.
Bild: Keystone

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Präsident Barack Obama nannte die Explosion der BP-Bohrplattform und das Auslaufen von 650 Millionen Litern Rohöl «ein möglicherweise noch nie gesehenes Umweltdesaster». Meereswissenschafter befürchteten, der Ölteppich könnte sich vom Golf von Mexiko ausbreiten und die Atlantikküste bis hinauf nach New York verdrecken. Die Bevölkerung sah einen erneuten Kollaps der Wirtschaft voraus, die sich gerade von den Schäden des Wirbelsturms Katrina zu erholen begann. Fischer und Tourismusindustrie glaubten ihre Existenzgrundlage zerstört.

Das war vor einem Jahr. Doch die schlimmen Befürchtungen haben sich bisher nicht bewahrheitet, wie Fischer, Fremdenverkehrsexperten, Umweltschützer und Behördenvertreter in New Orleans, im Mississippi-Delta und an der Küste übereinstimmend erklären. Auch wenn alle vor voreiligen Schlüssen warnen, so glauben sie, dass sich die Region noch einmal – wie schon nach Katrina 2005 – erholen wird. «Wir sind bedeutend besser dran, als letztes Jahr befürchtet», räumt Billy Nungesser ein, Präsident der Plaquemines Parish, eines Regierungsbezirks von Louisiana, in dem über 30 Prozent der Ölvorkommen des Staates gefördert werden. Nungesser war vor einem Jahr einer der unnachgiebigsten Kritiker von BP, (BPAM 5.073 -0.47%) der Küstenwache und der Regierung Obama. Seine Auftritte bei CNN, sagt er rückblickend, hätten der Sache des bedrohten Deltas «gewaltig genützt». Ohne die intensive Berichterstattung der Medien «wäre die Katastrophe von den Verantwortlichen total heruntergespielt worden». Am 20. April 2010 war die Offshore-Plattform Deepwater Horizon explodiert; elf Arbeiter wurden getötet. Es dauerte fünf Monate, bevor das Leck gestopft und die grösste Ölpest des Landes kontrolliert werden konnte.

Unabsehbare Spätfolgen

Aber so wie die Bewohner des Deltas und der Küsten am Golf von Mexiko gibt sich auch Nungesser mit dem Ausbleiben einer totalen Katastrophe nicht zufrieden. Zu viele Fragen sind offen und zu viele Naturereignisse ungeklärt. Auf längere Sicht machen den Anwohnern vor allem die möglichen Folgen der Ölpest für Fische, Vögel und Krustentiere im Delta – einem der fragilsten Lebensräume der USA – zu schaffen. Zwar fahren die Fischer wieder wie gewohnt aus und bringen prall gefüllte Netze ein. Dies aber will wenig heissen, da vor allem resistentere, ältere Meerestiere gefangen werden, wie Ryan Lambert erklärt. «Die Jungfische sind eine grosse Sorge. Die volle Wirkung der Ölverseuchung wird erst in drei bis vier Jahren zu sehen sein, wenn der Lebenszyklus der Forellen etwa geschlossen ist.»

Lambert verweist auf die von der leckgeschlagenen Exxon Valdez 1989 verursachte Ölpest in Alaska. Ein Jahr später freuten sich die Fischer über gute Fänge; doch nach vier Jahren blieben die Heringe aus; ihr Bestand hat sich bis heute nicht erholt. Ein ähnliches Schicksal befürchtet Lambert für die Fischerei im Delta. «Zwar sind die Austern noch hier, aber die Ölpest hat den Zerfall des Marschlandes noch einmal beschleunigt und deren Lebensgrundlage weiter ausgedünnt.»Die anhaltende Zerstörung des Deltas habe ihn zum Umweltschützer gemacht, sagt Lambert. «In Louisiana bestreiten wir unseren Lebensunterhalt vom Land und Wasser. Wenn die Zerstörung der Sümpfe so weitergeht, frage ich mich, wovon unsere Kinder leben sollen.» Lambert betreibt eine Fischer-Lodge in Buras (im südlichen Delta), einen Golfplatz und organisiert Exkursionen für Jäger und Fischer. Stolz erwähnt er, dass sein Unternehmen heute – nach teuren und von ihm selber finanzierten Aufräumarbeiten und Reparaturen – von einem Fachmagazin zu einem der fünf besten des Landes gekrönt wurde. Seit kurzem mehren sich die Zweifel, dass die Fauna die Katastrophe gut überstanden hat. Wissenschafter der Regierung bestätigten letzte Woche, dass seit der Ölpest schon über 400 tote junge Delfine angeschwemmt worden seien, wovon ein Teil Ölreste aufwies. Offiziell ist die Todesursache noch unbekannt, auffällig aber ist, dass die meisten Tiere zu früh oder tot geboren wurden.

3,8 Millionen Liter Chemie

«Diese Beobachtungen sind sehr beängstigend», sagt Olivia Graves, eine pensionierte Hochschulprofessorin und Hobby-Biologin. Sie hat an diesem sommerlich-warmen Samstag eine Gruppe von Ornithologen auf die Sea Island gebracht, eine paradiesische Inselgruppe vor der Küste von Gulfport. Der Tod der Delfine müsse mit dem Ölteppich zusammenhängen, sagt Graves: «Ich lebe seit über 60 Jahren hier und habe vor dem Unfall höchstens eine Handvoll toter Delfine gesehen». Sie ist überzeugt, dass die Tiere an Folgeschäden der Aufräumarbeiten zugrunde gehen, namentlich dem Versprühen von über 3,8 Millionen Litern eines geheim gehaltenen Dispersionsmittels, das den Ölteppich schneller verdunsten lassen sollte. «Aus den Augen, aus dem Sinn», nennt Louis Skrmetta die Methode der chemisch beschleunigten Ölvernichtung. «Vielleicht ist die Situation auf den ersten Blick besser als vor einem Jahr befürchtet. Das Öl ist fürs Erste verschwunden, genau so, wie die Regierung Obama es wünschte. Aber was passiert, wenn der nächste Wirbelsturm die Ölmassen auf dem Meeresboden aufwirbelt und nach oben treibt?», fragt Skrmetta, der an diesem Tag den Fährbetrieb hinaus zum 17 Kilometer entfernten Ship Island aufnimmt, einem beliebten Badeort mit blendend weissen Stränden, die vor einem Jahr völlig verdreckt waren.

Einerseits freut er sich, dass er bereits wieder über 500 Passagiere befördern kann, mehr als letztes Jahr, aber weit weniger als vor der Ölpest. Anderseits weiss er, dass viele Menschen dem Zweck-Optimismus der Politiker und von BP misstrauen: «Wir wissen, dass immer mehr Leute über Hautausschläge klagen und Atemschwierigkeiten haben. Wer damals den Ölgestank und die Lösungsmittel gerochen hat, kann sich darauf einen Reim machen.» Auch er vermutet, dass das von BP versprühte Corexit flüchtige organische Verbindungen aus dem Rohöl freisetzte. Die Verbindungen gelten aber als krebserregend und könnten die Anwohner stärker belastet haben, als bisher angenommen. Klarheit dürfte erst in einigen Jahren herrschen, wenn die eben erst gestarteten Langfrist-Studien an den Patienten abgeschlossen sind.

Ungeklärte Schuldfrage

Worum die Diskussionen mit den Anwohnern sich auch immer drehen, sei es um die Gesundheitsprobleme, tote Delfine und Pelikane oder die Verluste der Shrimp- und Austernfischer, am Schluss bleibt immer die Frage nach der Verantwortung von BP. Zwar ist die Schuldfrage noch ungeklärt und BP ist nach wie vor bemüht, mit ganzseitigen Zeitungsinseraten, TV-Spots und Wohltätigkeitsveranstaltungen Goodwill zu schaffen. Das Vertrauen in den Konzern ist und bleibt dennoch ausserordentlich gering. Und dies selbst vonseiten jener, die an sich voll und ganz hinter der Offshore-Ölförderung stehen. «Ich weiss, was ich gesehen habe, und ich weiss, wie nahe wir an einer totalen Katastrophe waren», sagt Mark Cognevich, Kapitän der Marine Spill Response Corporation, einer von den Ölgesellschaften nach dem Exxon-Valdez-Debakel gebildeten Einsatzgruppe mit 15 Spezialschiffen. Cognevich fuhr letztes Jahr Dutzende von Einsätzen, um Öl abzusaugen. Von der Verteidigungsstrategie der BP, wonach die Katastrophe «systembedingt» war, hält Cognevich nichts: «BP kann sich nicht rausreden. BP war Kapitän der Ölplattform und voll verantwortlich, so wie ich voll verantwortlich wäre, wenn ich einen Unfall verursache.»

Betrügerische Profiteure

Der Ölkonzern kämpft an zwei Fronten, und an beiden muss er sich auf den Zorn der Fischer, Umweltverbände und Unternehmer der Region gefasst machen. Als erstes geht es um die Verteilung von 20 Milliarden Dollar Nothilfe, aus der die Lohnausfälle und Betriebsunterbrüche abgegolten werden sollen. Davon sind bisher erst 4 bis 5 Milliarden geflossen, wobei viele Zahlungen umstritten sind. Serviertöchter in Florida sollen Zehntausende Dollar für imaginär ausgebliebene Trinkgelder erhalten haben, Trunkenbolde in Louisiana sollen sich als Fischer ausgegeben und 70 000 Dollar kassiert haben; Spezis rund um Gouverneur Haley Barbour in Mississippi sollen von ungerechtfertigten PR-Millionenverträgen profitiert haben.

«BP wird bluten»

Es sind dies vor allem Gerüchte, aber das tief sitzende Problem ist die weit verbreitete Verunsicherung darüber, nach welchen Kriterien der Sachwalter Kenneth Feinberg Entschädigungen ablehnt oder bewilligt, und wie berechenbar die Auszahlungen erfolgen. Bisher sind erst 54 Prozent von mehr als 210'000 Gesuchen bearbeitet worden, und definitiv bereinigt ist nur eine kleine Minderheit. Der von allen Seiten kritisierte Feinberg verspricht heute zwar mehr Transparenz, doch seine Worte stossen auf grosse Skepsis. «Das ist so etwas wie Waterboarding», erklärt Louis Skrmetta. «Es ist wie die Folter. Ich stand letztes Jahr kurz vor dem Bankrott und musste zwei meiner drei Fährschiffe zum Verkauf ausschreiben, weil ich im Juni 2010 nur einen Check von 100'000 Dollar erhalten hatte. Danach habe ich nichts mehr von BP gehört.» Skrmetta beziffert den Schaden für seinen Fährbetrieb auf über eine Million Dollar. Überlebt hat er seit der Ölpest aber ausgerechnet dank einem Reinigungsauftrag der BP. Was ihn nicht daran hindert, gerichtlich gegen den Konzern vorzugehen: «Mein Fall ist so sonnenklar, dass er exemplarisch für weitere Fälle sein dürfte.»Ähnlich sieht dies Ryan Lambert, der letztes Jahr seinen Umsatz auf null einbrechen sah und dennoch ein Dutzend Angestellte auf der Lohnliste behielt. Das war nötig, um die Entschädigungsforderung geltend zu machen. Nach einer einmaligen Nothilfe von 150'000 Dollar hat auch Lambert nichts mehr von BP gehört. «Ich habe genug. Mein Anwalt will auf 12 Millionen Dollar Schadenersatz klagen. Und glauben Sie mir, BP wird bluten müssen.»

Daneben zieht ein zweiter, noch grösserer Konflikt auf, ein seit langem schwelender, aber wegen der Ölpest zugespitzter Streit um die langfristige Erhaltung des Mississippi-Deltas und der Marschgebiete, die einen natürlichen Puffer gegen Überschwemmungen und Wirbelstürme bilden. BP wird eine Strafe von 5 bis 20 Milliarden zahlen müssen, möglicherweise bis zu 30 Milliarden. In Washington wälzen konservative Politiker Pläne, diese Gelder in die Staatskasse umzulenken, um das Budgetloch zu stopfen. Derweil verlangen Umwelt- und Unternehmerkreise im Delta, dass 80 Prozent der BP-Busse direkt in die Erhaltung und den Schutz der Marschgebiete fliessen. «Die Region hat nach dem Katrina-Sturm mit der Ölpest nun zum zweiten Mal eine deutliche Warnung erhalten«, sagt Cindy Drucker, Beraterin des WWF und der von Barack Obama ernannten BP-Untersuchungskommission. «Es war dies die letzte Warnung. Wenn es diesmal nicht gelingt, die Lebensgrundlagen im Golf von Mexiko besser zu schützen, wann dann?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2011, 20:08 Uhr

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7 Kommentare

Parvaneh Ferhadi

14.04.2011, 09:03 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Das Öl wurde eben nicht vernichtet, oder aufgelöst, sondern lediglich in kleinste Tropfen zerlegt und verteilt. Das Öl ist immer noch da, allerdings oft kaum sichtbar und gerät, weil die Tropfen so klein sind, nun via Filtertiere auch in den Nahrungskreislauf. Corexit war kein Versuch, das Problem zu lösen, sondern es zu vertuschen. http://wp.me/pxfYX-pq Antworten


Boris Scavezzon

14.04.2011, 06:25 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Danke zuerst mal für diesen interessanten Bericht. Es ist wichtig auch über vergangene Katastrophen ab und zu wieder zu berichten. Doch die Schuldfrage sollte eigentlich klar sein und trägt den Namen BP! Wer da jemand anderes verdächtigt - arbeitet wohl bei oder für die BP! Beunruhigend sind die 3,8 Millionen Liter unbekannter Chemie - eine gewaltige Menge. Antworten



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