Besserer Klimaschutz schafft Arbeitsplätze
Es ist eine bekannte Anekdote der Wirtschaftsgeschichte: Bis in die Siebzigerjahre hinein fuhren auf Englands Elektrolokomotiven Heizer mit, weil sich ihre Gewerkschaft erfolgreich gegen jede Strukturanpassung gewehrt und für die Heizer der Dampflok-Ära Jobgarantien herausgeschlagen hatte.
Heute stehen wir wieder am Übergang zu einer neuen Ära: zum postfossilen Zeitalter. Und wieder wird verbissen gegen die absehbaren Strukturanpassungen gekämpft. Nur sind es diesmal nicht die Gewerkschaften, sondern die Wirtschaftsverbände, die sich an den Interessen ihrer wenig zukunftsfähigen Mitglieder orientieren und sich deshalb gegen einen wirksamen Klimaschutz wehren. Wo Bundesrat und Parlament einen Schritt vorwärtsmachen wollen, verlangt der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse Stillstand. Nötig sind aber mindestens drei Schritte vorwärts – bei den UNO-Klimaverhandlungen, die heute Montag in Cancún beginnen; und genauso bei der Revision des CO2-Gesetzes in der Schweiz.
Ölpreis bleibt hoch
Denn es gibt kein Zurück: «Der Übergang wird ohnehin passieren. Wir haben vielleicht noch für 20 Jahre billiges Erdöl. Bis dann muss unser Transportwesen umgestellt sein», hat Hans Joachim Schellnhuber, der Klimaexperte und Chefberater der deutschen Regierung, kürzlich festgestellt. Was das heisst, zeichnet sich in der Schweizer Aussenhandelsstatistik längst ab: Noch 1998 flossen gut 3 Milliarden Franken für Erdöl und Gas ins Ausland, 2008 waren es schon 13 Milliarden. Letztes Jahr ist der Wert zwar wieder leicht unter 10 Milliarden gefallen. Doch niemand zweifelt daran, dass die immer aufwendigere Förderung sowie der Energiehunger Chinas, Indiens und anderer Schwellenländer den Ölpreis hoch halten werden.
Die Fortschritte reichen nicht
Zum Glück erkennen das immer mehr Menschen. In der Schweiz wächst die Zahl der Plusenergiehäuser, die mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Laufend gibt es neue Automodelle, die nur noch halb so viel Treibstoff schlucken wie der heutige Flottendurchschnitt. Doch das ist noch nicht die breite Masse: Die Neuwagen der Schweizer stossen ein Viertel mehr CO2 aus als die der Franzosen, und die CO2-Emissionen pro Wohneinheit bleiben traurige Spitze in Europa. Die Erfahrung zeigt, dass sich Private wie Unternehmen bei Investitionsentscheiden eher am tiefen Ölpreis der Vergangenheit orientieren als an jenem, der in Zukunft zu erwarten ist.
Viele Firmen handeln
Die Politik muss klare klimaverträgliche und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen. Nur so ist die Masse zu erreichen, und nur so lassen sich die Vorteile einer energieeffizienten Zukunft voll ausschöpfen. Die Beratungsfirma McKinsey hat es ausgerechnet: Wenn die Schweiz jetzt auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien setzt, bringt das bis in zehn Jahren netto über 25 000 zusätzliche Arbeitsplätze. Unser Land kann mit der heute verfügbaren erprobten Technik fast die Hälfte ihrer CO2-Emissionen vermeiden – und dabei noch Geld sparen. Gäbe es in der Schweiz höhere CO2-Reduktionsziele und grössere Anstrengungen zu ihrer Erreichung, würde der positive Effekt auf die Wirtschaft linear ansteigen, meint McKinsey. Kurz: je mehr Energieeffizienz, desto besser für die Wirtschaft.
Gute Vorbereitung für neues Zeitalter
Das erkennen auch immer mehr Firmen. 29 grosse Unternehmen von Alstom bis Swiss Re, von Sony bis BNP Paribas sind kürzlich bei der EU vorstellig geworden und haben eine Reduktion der CO2-Emissionen verlangt, die über die geltenden Ziele der EU hinausgeht. Auch in der Schweiz haben sich im Frühling 70 Firmen von Coop bis Allianz Suisse ans Parlament gewandt und gefordert, dass sowohl der Klimaschutz als auch die klimapolitischen Rahmenbedingungen verbessert würden. Warum sollten sie das tun, wenn Klimaschutz der Wirtschaft schadet?
Die englische Heizergewerkschaft hätte gut daran getan, ihre Macht und Energie für die Umschulung ihrer Mitarbeiter einzusetzen. Die Wirtschaftsverbände würden gut daran tun, den Umbau der Wirtschaft für die Zeit nach dem Öl mit voller Kraft voranzutreiben. Die Industrieländer und damit auch die Schweiz müssen ihren CO2 bis 2020 um 40 Prozent senken. Je schneller der Umbau geschieht, desto besser vorbereitet werden wir für das bald einsetzende postfossile Zeitalter sein.
Hans-Peter Fricker ist Chef des WWF Schweiz. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.11.2010, 22:54 Uhr
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