Die Angst der Brüder Castro vor Obama
Von Oscar Alba, Havanna. Aktualisiert am 23.10.2008
David kämpft gegen Goliath. Seit 50 Jahren. Fidel Castros kleines Kuba gegen die grossen Vereinigten Staaten von Amerika. Goliath hat neun Präsidenten verbraucht - keiner konnte Castro in die Knie zwingen. Am 4. November wird der zehnte gewählt, der mit Kuba fertig werden muss.
Für die sozialistische Insel in der Karibik sind diese US-Wahlen äusserst wichtig. Nachdem der 82-jährige Fidel Castro die Macht vordergründig an seinen 77-jährigen Bruder Raúl abgegeben hat, ist die Zukunft des Landes offener denn je. Der nächste Präsident der USA könnte diese Zukunft mitentscheidend prägen.
Obama weckt bei den Kubanern Hoffnung
John McCain oder Barack Obama. Könnte das kubanische Volk wählen, hiesse der Sieger Obama. Junge und Alte, Leute vom Land und aus der Stadt, Revolutionstreue und Dissidenten: Auf die Wahlen in den USA angesprochen, sagen sie, für Kubas Zukunft wäre dieser junge Schwarze, der Demokrat, gut. Die Kubanerinnen und Kubaner haben mitbekommen, dass Obama gewillt ist, einen neuen Weg mit Kuba zu suchen. Dass er die für Amerikaner kubanischer Herkunft geltenden Restriktionen für Reisen und Geldsendungen aufheben möchte. Und er weckt bei vielen Menschen auf der Insel die Hoffnung, dass er es als Präsident vielleicht wagen würde, das seit fast 50 Jahren bestehende Wirtschaftsembargo zur Diskussion zu stellen.
McCain hätte in Kuba keine Chance. Der Vietnamveteran und ehemalige Kampfpilot flog während der Raketenkrise zwischen den USA und der Sowjetunion im Oktober 1962 über Kubas Küsten und wartete nur darauf, seine Bombenladung abzuwerfen. Kuba sieht in McCain einen alten Scharfmacher und Rechtsextremen wie George W. Bush. Bush wird mit Hitler gleichgesetzt und als schlimmster «Terrorist» und «Faschist» auf freiem Fuss bezeichnet.
Raúl Castro schweigt (wie fast immer) zu den US-Wahlen, wie es sich für einen Staatspräsidenten gehört. Den Ton gibt Fidel an, wie eh und je. Der Comandante en cama (im Bett) kommandiert und kommentiert mittels seiner «Reflexionen», die alle Staatsmedien drucken und vorlesen. Bereits im Frühling widmete er McCain eine fünfteilige Serie (ausgedruckt 33 A4-Seiten). Darin machte er deutlich, was er vom Republikaner hält: nichts.
Je intelligenter, desto gefährlicher
In seinen Kolumnen lässt Fidel durchblicken, dass Barack Obama zwar intelligenter und ausgeglichener sei als McCain - doch ebenfalls eine Gefahr für Kuba darstellen würde. Dieser Ansicht sind auch die Meinungsführer in den Medien. Einer von ihnen ist Armando Hart Dávalos, Fidels Freund und ehemaliger Bildungsminister. In einem seiner Leitartikel warnte er: Falls Obama an die Macht komme und die Beschränkungen für Reisen und Geldsendungen aufhebe, bedeute dies «ein neues ideologisches Gefecht zwischen der Revolution und dem Imperialismus». Kuba müsse dann ein noch «stärkeres Konzept an Theorie und Ideologie» entwickeln, um nicht dem Geld und den importierten Träumen aus dem kapitalistischen Norden zu erliegen.
Was Fidel und die Ideologen der alten Garde mehr oder weniger verklausuliert schreiben, sprechen politische Beobachter und Kubaner auf der Strasse offen aus: Fidel und sein Gefolge haben Angst vor Obama, hoffen heimlich sogar auf McCain. Oscar Espinosa Chepe, Ökonom, freier Journalist und ehemaliger politischer Gefangener, sagt: «McCain wäre der bessere Feind. Den braucht das kubanische Regime, hat ihn immer gebraucht, um politisch zu überleben.» Chepe, einst persönlicher Mitarbeiter von Fidel und Spitzenfunktionär in der nationalen Wirtschaftsplanung und der Nationalbank, sagt: «Fidel hat 50 Jahre lang alle ausgetrickst und getäuscht. Er tat stets alles, um die US-Präsidenten gegen sich zu haben. Er tat dies mit Erfolg, weil er gescheiter war als alle seine Gegner.»
Demokraten ins Leere laufen lassen
Fidel Castro selber gab 1965 offen zu: «Die Revolution braucht den Feind.» Geht der verloren, ist Fidel verwundbar. Jedes Mal, wenn ein amerikanischer Präsident vorsichtig auf Castro zuging und die Hand ausstreckte, liess dieser seinen Widersacher mit einem gewieften Schachzug ins Leere laufen. Dies mussten vor allem Demokraten erfahren, die gegenüber Kuba eine weniger harte Haltung einnehmen wollten als die Republikaner.
Der Demokrat Jimmy Carter wollte neue Wege gehen mit Castro. 1979 liessen die beiden Präsidenten Zehntausende Exilkubaner auf die Insel reisen. Sie brachten ihren Familienangehörigen Geld und Träume - und Fidel Probleme. Auf der Insel erhöhte sich der Druck nach Veränderungen. 1980 besetzten zehntausend Kubaner das Areal der peruanischen Botschaft in Havanna und verlangten die Ausreise in die USA. Carter verkündete: «Wir empfangen die Flüchtlinge mit offenen Herzen und Armen.» Ein politischer Fehler, den Castro sofort ausnutzte. Er öffnete die Tore von Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten, um neben Konterrevolutionären auch Ganoven und Verrückte loszuwerden. Über 125'000 Kubaner flüchteten in die USA, darunter viele Kriminelle und Kranke. Dieser Massenexodus trug bei den Präsidentschaftswahlen im gleichen Jahr unter anderem zu Carters Niederlage gegen Ronald Reagan bei. Die Republikaner warfen Carter vor, mit Castro kooperiert und ihm alle zwielichtigen Gestalten abgenommen zu haben, die er loshaben wollte.
Hirne und Muskeln
Das Ausreiseventil, um innenpolitischen Druck abzulassen, war stets ein wichtige Drohkeule in der Hand von Castro im Kampf gegen die USA. Den Verlust von Hunderttausenden Fachleuten hat er dabei in Kauf genommen - und gleichzeitig beklagt. Seit Jahren wettert er, das «Imperium raubt» der Insel die am besten ausgebildeten «Hirne und Muskeln».
Bill Clinton widerfuhr Ähnliches wie seinem Parteikollegen Carter. Er wehrte sich zuerst dagegen, die Schrauben gegenüber Kuba anzuziehen, und kündigte sein Veto an gegen das Helms-Burton-Gesetz, eine spürbare Verschärfung des Embargos. Clintons Widerstand brach, als 1996 Castro ohne Vorwarnung zwei Privatflugzeuge aus Miami abschiessen liess, die über seinem Territorium feindliches Propagandamaterial abwerfen wollten. Vier Piloten starben. Damit provozierte er in Washington eine Überreaktion. Clinton sah sich aus innenpolitischen Gründen gezwungen, das Helms-Burton-Gesetz zu unterzeichnen. Carter bezeichnete dieses Gesetz einmal als «einen der schlimmsten Fehler, die mein Land je begangen hat». Fidel ermöglichte es einmal mehr, sein Volk zu einen und gegen den mächtigen Feind im Norden zu mobilisieren («Das ist Krieg, das ist Verfolgung, das ist Quälerei»).
Fidels wahre Bestimmung
Kampf, Schlacht, Gefecht - der politische und rhetorische Krieg mit den USA, er ist das tägliche Brot der kubanischen Revolution. Seit 50 Jahren. 1958, mitten im Kampf gegen die Truppen des Diktators Fulgencio Batista, des Statthalters der USA, schrieb der damals 31-jährige Fidel in einem Brief an seine Gefährtin Celia Sánchez: «Als ich die Granateinschläge sah (. . .), schwor ich mir, dass die Amerikaner für das, was sie da tun, teuer bezahlen werden. Wenn dieser Krieg vorbei ist, wird für mich ein noch viel längerer und grösserer Krieg beginnen: der Krieg, den ich gegen sie führen werde. Mir ist klar, dass dies meine wahre Bestimmung sein wird.»
Kaum war der Revolutionsführer 1959 an der Macht, nahm er den Amerikanern alles weg, was sie auf Kuba hatten. Die USA wollten ihn dafür mit dem Tod bestrafen. Mit Komplotten, Bomben, Gift. Fidel überlebte alles, jeder gescheiterte Mordversuch machte ihn stärker. John F. Kennedy sagte 1960 in einer Rede: «Es war unsere eigene Politik, nicht die von Castro, welche schuld ist, dass sich unser früherer Nachbar gegen uns wandte.» Doch auch Kennedy bekämpfte Castro - und verlor. Der junge US-Präsident der Demokraten gab grünes Licht für die von seinem Vorgänger, dem Republikaner Eisenhower, geplante Invasion in der Schweinebucht. Ein Desaster für die USA, ein grosser Sieg für den kleinen David. Dieser provozierte die Grossmacht weiter. Er rief den Sozialismus aus und dockte seine Insel an die Sowjetunion an. Kennedys Reaktion: ein totales Wirtschaftsembargo. Heute weiss die ganze Welt: Dieses Embargo hat nur das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt war. Es hat Castro nicht geschwächt, sondern gestärkt.
Eine gewichtige Stimme
Die USA halten bis heute an ihrer Kuba-Politik fest. Früher wegen Moskau (das im Kalten Krieg Kuba als kommunistischen Satelliten vor den Toren des Erzfeindes unterstützte), heute wegen Miami. Die dortigen Exilkubaner haben stets radikale, republikanische Landsleute ins Repräsentantenhaus nach Washington gewählt. Zwei davon, die Brüder Lincoln und Mario Díaz-Balart, sind entfernte Verwandte von Fidel Castro. Ihr politisches Programm: zur Hölle mit Fidel! Die Scharfmacher aus Miami haben sich hinter zwielichtige Personen gestellt, die Terror- und Sabotageakte gegen Kuba geplant und durchgeführt haben. Und sie machen im Weissen Haus Druck, damit Washington nicht von seiner harten Linie abrückt. Jeder Präsident ist bis anhin diesem Druck erlegen - vor allem aus wahltaktischen Gründen: Die Exilkubaner in Florida sind eine gewichtige Stimme.
Fidel Castro kennt Miami und die Mechanismen der amerikanischen Innenpolitik bestens, er hat sie immer für sich und seine Politik genutzt - ebenso das Embargo. Dieses habe Kuba einen wirtschaftlichen Schaden von über 200 Milliarden Dollar verursacht, schrieb Fidel kürzlich. Zweifellos hat das Handelsembargo dem Land enorm geschadet. Dem kubanischen Volk hat es das Leben schwer gemacht, dem autokratischen Herrscher es jedoch erleichtert. Seit fast fünf Jahrzehnten trichtert er dem Volk ein, praktisch alle Probleme in Kuba seien auf die «kriminelle Blockade» zurückzuführen. Das Embargo ist Fidels willkommener Sündenbock für alles, auch für eigene Fehler und Versäumnisse. Und die feindliche Politik der USA dient dem Regime in Havanna, seine Repression gegen alle Dissidenten und Andersdenkenden im eigenen Land zu rechtfertigen. Die sind laut Regierung allesamt «vom US-Imperium bezahlte Söldner».
Vor der Welt und seinem Volk schimpft Fidel ununterbrochen über die «Aggressionen der USA», und er fordert die Grossmacht stets auf, das Embargo aufzuheben. «Alles nur Rhetorik und Teil von Fidels Machtspiel», sagt Oscar Espinosa Chepe. Für Castros Gegner ist klar: Die Gebrüder Castro und ihr Gefolge brauchen das Embargo, es ist ihre politische Lebensversicherung.
«Danke, ihr Schwachköpfe»
Fidel sagte einmal: «Im Grunde bin ich ein Krieger.» Seit 50 Jahren kämpft dieser Krieger – jetzt vom Krankenbett aus. Ohne die Hilfe der USA wäre dieser kleine Kalte Krieg vielleicht längst beendet.
Das Museum der Revolution in Havanna dankt diese unfreiwillige Hilfe ironisch mit dem «Rincón de los Cretinos», der «Ecke der Schwachköpfe», einer Gedenkwand mit drei lebensgrossen Karikaturen: der ehemalige Diktator Batista in Militäruniform, daneben die Worte: «Danke für deine Hilfe, die Revolution notwendig gemacht zu haben.» Ronald Reagan in Cowboymontur, daneben die Worte: «Danke für deine Hilfe, die Revolution zu stärken.» Und George W. Bush im Gewand des römischen Imperators Cäsar, daneben die Worte: «Danke für deine Hilfe, die Revolution zu festigen.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.10.2008, 17:32 Uhr
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