Cheney lästert selbst über Bush
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 14.08.2009
Eigentlich lebt er im Ruhestand: Jeden Morgen fährt der Herr mit dem schwachen Herzen in einem Geländewagen im Washingtoner Nobelvorort McLean zu einem Starbucks-Café und besorgt sich eine koffeinfreien Latte macchiato. Lediglich die Bewachung verrät, dass Dick Cheney bis vor einem halben Jahr der zweit- oder gar mächtigste Mann der USA war. Rentner ist Cheney nur dem Anschein nach; auch nach seinem Abgang als graue Eminenz der Bush-Administration hält er nicht hinter dem Berg. Sein Schatten liegt weiterhin über Washington.
Herr, lass ihn schweigen!
Am neuen Präsidenten findet Cheney absolut nichts Gutes. Er kritisierte Obama, obschon es unziemlich ist. Er warnte düster vor neuen Terroranschlägen. Und er riss den Mund so weit und oft auf, dass seine republikanischen Parteifreunde Stossgebete zum Himmel sandten: Herr, lass ihn schweigen! Denn wenn Cheney sprach, litt die republikanische Marke: Der sauertöpfische Mann gerierte zu viele unliebsame Erinnerungen an die Bush-Jahre.
Cheney indes hat sich nie an der Reaktion seiner Umwelt gestört. Es dürfte ihm deshalb gleichgültig sein, was sein früherer Chef von kritischen Betrachtungen halten wird, die Cheney in seinen Memoiren vom Stapel lassen möchte. Der politische Grünschnabel George W. Bush mag Cheneys Zauberlehrling gewesen, als er 2001 das Präsidentenamt antrat; aber zumindest in der zweiten Amtszeit befreite sich Bush ein wenig. Behauptet Cheney.
Keine weiteren Regimewechsel
In vertrautem Kreise, so vermeldete die «Washington Post», habe sich der frühere Vize beklagt, Bush sei «weich» geworden. Cheney wolle diesbezüglich kein Blatt vor den Mund nehmen, «die Verjährungsfrist» sei vorbei, habe der Vize gesagt. So ist es also dem verweichlichten Bush (und der damaligen Aussenministerin Condoleezza Rice) zu verdanken, dass nach dem Irak nicht weitere «Regimewechsel», etwa im Iran, forciert wurden. Oder, dass bestimmte Foltermethoden wie simuliertes Ertrinken verboten wurden. Und überdies die amerikanischer Telefone dezenter abgehört wurden.
Der Präsident, so Cheney, habe nicht mehr auf ihn gehört und sei zur Geisel der öffentlichen Meinung geworden, um die sich der Vize nie scherte. Weshalb Cheney den Präsidenten in dessen letzten Amtstagen drängte, den wegen Justizbehinderung in der Affäre um die Aufdeckung der CIA-Agentin Valerie Plame verurteilten Stabschef Lewis «Scooter» Libby zu begnadigen. Was Bush wiederum ablehnte, da ein Pardon einen Aufschrei provoziert hätte.
So drifteten die beiden auseinander, ein wenig geläutert der Mann an der Spitze, hart wie Stahl sein Stellvertreter, der nun in einer Wohnung über seiner Garage in McLean das Material für seine Erinnerungen sichtet. Rechtfertigen wird sich Dick Cheney für nichts. Es ist nicht seine Art.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.08.2009, 22:00 Uhr
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