Das Erdbeben löst selbst beim Erzfeind Solidarität aus
Von Sandro Benini, Santo Domingo. Aktualisiert am 26.01.2010 4 Kommentare
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An ihrem Nationalfeiertag gedenken lateinamerikanische Länder der Unabhängigkeit von den spanischen Kolonialherren – mit zwei Ausnahmen. Die eine ist Kuba, wo der 1953 erfolgte Angriff von Fidel Castros Rebellen auf die Moncada-Kaserne gefeiert wird.
Die andere ist die Dominikanische Republik. Am 27. Februar zelebriert die Bevölkerung hier zwar sehr wohl den Sieg über eine Besatzungsmacht, aber nicht über die spanische, sondern über jene des Nachbarlandes Haiti. 1844 gelang es den Dominikanern nämlich, die haitianischen Soldaten zu vertreiben, die das Land 23 Jahre zuvor besetzt hatten. Später versuchte Haiti mehrmals vergeblich, seine Herrschaft über das Nachbarland zurückzugewinnen.
Gegenseitiges Misstrauen
Die Dominikanische Republik und Haiti teilen sich zwar die Karibikinsel Hispaniola, aber sie leben Rücken an Rücken, in einer geographischen Zwangsbeziehung voller Misstrauen und historischer Vorwürfe, die die Erinnerung beidseits der Grenze verstrahlen wie radioaktiver Abfall. Gute Gründe, dem Nachbarn einstige Gräueltaten vorzuhalten, hat auch die haitianische Bevölkerung. So befahl der dominikanische Diktator Rafael Leónidas Trujillo im Jahre 1937, sämtliche Einwanderer aus Haiti zu ermorden. Binnen weniger Tage wurdendamals mehr als 20'000 Menschen massakriert, und ohne internationale Proteste wäre das Gemetzel unvermindert weitergegangen.
Schwierig ist auch die Gegenwart. In der Dominikanischen Republik beträgt das jährliche Pro-Kopf-Einkommen mehr als 2000 Dollar, in Haiti ist es vier Mal tiefer. Wie viele Personen aus Haiti legal oder illegal ins Nachbarland eingewandert sind, weiss niemand, die Schätzungen schwanken zwischen einer halben und einer ganzen Million. «Die internationale Gemeinschaft lässt uns mit diesem gewaltigen Problem alleine», sagte der konservative Abgeordnete Pelegrín Castillo. Das war fast genau ein Jahr vor dem Erdbeben.
Die Naturkatastrophe, die Haitis Hauptstadt Port-au-Prince zu drei Vierteln zerstört hat, lässt nun den Dauerkonflikt zwischen den beiden Ländern plötzlich bedeutungslos erscheinen. Dominikanische Spitäler haben Zehntausende von Verletzten aufgenommen, und der dominikanische Präsident Leonel Fernández war der erste ausländische Politiker, der nach dem Erdbeben haitianischen Boden betrat. Die Regierung der Dominikanischen Republik hat einen ersten Notfonds von mehr als 6 Millionen Dollar geschaffen, das Land ist zum vielbenutzten Korridor für den Transport internationaler Hilfsgüter geworden.
Hoffnung auf Besserung
Am vergangenen Freitag fand in der Kathedrale der Hauptstadt Santo Domingo ein Trauergottesdienst statt, an dem auch Fernández und sein Kabinett teilnahmen. In den umliegenden Strassen sangen und beteten haitianische Immigranten Seite an Seite mit Einheimischen, in den Cafés der Plaza Colón trugen mehrere Gäste T-Shirts mit der Aufschrift: «Haiti, dein Schmerz ist auch mein Schmerz.»
Angesichts des haitianischen Unglücks sei es an der Zeit, die gegenseitigen Streitereien ein für allemal zu vergessen, sagte ein Passant.
Dass das Erdbeben die Beziehungen zwischen den beiden Ländern entspanne, und dies für mehr als bloss ein paar Wochen, hofft auch Chandrai Estévez. Die Dominikanerin arbeitet für die «Bewegung dominikanisch-haitianischer Frauen». Im Moment gehe es einzig darum, Haiti möglichst wirksam zu helfen. Den üblichen Abnützungskampf werde man dann wohl später wieder aufnehmen.
Arbeiter aus Haiti bräuchten bessere Verträge und besseren Schutz gegen Ausbeutung, und vor allem müsse man das Migrationsgesetz aus dem Jahre 2004 rückgängig machen. Dieses Gesetz verweigert den im Lande geborenen Kindern illegaler Einwanderer die dominikanische Staatsangehörigkeit und schafft auf diese Weise immer wieder neue Illegale. «Ich finde es himmeltraurig, dass erst ein Erdbeben die Bevölkerung zu einer aufrichtigen Solidarität mit den Schwächsten bewegt», sagt Chandrai Estévez.
Verstimmungen kehren zurück
In Anbetracht der tiefen ökonomischen Gegensätze wäre es allerdings naiv zu glauben, die Ressentiments zwischen den beiden Nachbarstaaten seien nun endgültig überwunden.
Bereits gibt es nämlich erste Anzeichen für das Gegenteil: Als die Dominikanische Republik 800 Soldaten nach Haiti entsenden wollte, habe dies Präsident René Préval laut einem haitianischen Offiziellen abgelehnt. Später willigte er ein, 150 dominikanische Uniformierte ins Land zu lassen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.01.2010, 06:45 Uhr
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4 Kommentare
@ Bernhard Lang: Solche Doerfer gibts in vielen anderen Laendern auch. Vor allem, wenn wie dort ein armes Land an ein reiche(re)s grenzt, wo die Leute oft nur politisch verbraemt, effektiv aber als Wirtschaftsfluechtlinge hinziehen. Die UNO muEssTE jedoch nur eingreifen, wenn das Nachbarland das Gebiet militaerisch besetzt oder sich gar auch die zivile Verwaltung der illegalen Siedler anmasst.. Antworten
In meinen diversen Reisen in die Dominikanische Republik habe ich viele sehr arme Dörfer gesehen, viele davon waren illegale haitianische Einwanderer welche illegale Siedlungen auf dominikanischem Hoheitsgebiet bauten (eigentlich müsste die UNO fairerweise Sanktionen gegen Haiti aussprechen, tut sie aber nicht). So entsteht bei Touristen oft der falsche Eindruck, alle Dominikaner seien bettelarm. Antworten
Der wohl grösste Unterschied zwischen diesen 2 Inselstaaten ist, dass der eine relativ eigenständig ist, der ander hat sich in die Fänge von tausenden (!) NGO begeben, welche das bischen Eigeninitiative vollständig und nachhaltig zerstört hat. Das Resultat ist offensichtlich. Die haitianische Regierung macht das einzige zu dem sie fähig ist: Forderung nach internationler Hilfe. Zynisch? Ja! Antworten


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Francesco Ficicchia
Die von der DomRep aufgebrachten Mittel belaufen sich nicht auf 6, sondern auf über 10 Mio. Dollar. Überdies sandte das Land 60 mobile Kliniken mitsamt Ärzten und Personal, Rettungskräfte, Lebensmittel, Trinkwasser und über 1 Mio. Impfstoffe nach Haiti. 20 bis 30 Tsd. Schwerverwundete wurden und werden in dominikanischen Spitälern behandelt. An privaten Spenden gingen rund 2 Mio. Dollar ein. Antworten