Das arme Honduras setzt auf einen reichen Geschäftsmann
Da ballt einer die Faust, als ober schon gewonnen hätte: Porfirio Lobo. (Bild: Keystone)
Artikel zum Thema
Während der gestürzte Präsident Manuel Zelaya noch immer in der brasilianischen Botschaft residiert, wählt das Volk am Sonntag einen neuen Staatschef aus dem politischen Establishment. Haushoher Favorit ist Porfirio Lobo, ein wohlhabender Geschäftsmann. Sozialreformerische Ziele, wie Zelaya sie bei seinem Flirt mit der lateinamerikanischen Linken im Auge hatte, verfolgt keiner.
Der aus dem Amt geputschte Präsident war ein Störfaktor in der erzkonservativen Gesellschaft, die nichts so sehr schätzt wie Frieden und Stabilität. «Das ist eine risikoscheue Kultur», sagt der Mittelamerika-Experte Manuel Orozco. Auf die aufgewühlte Stimmung der letzten Monate folgt der gewohnte Gang der Dinge auf honduranische Art.
«Die Leidtragenden sind die Armen»
Zelaya war am 28. Juni aus dem Amt geputscht und ins Ausland abgeschoben worden. Unter Anteilnahme der Weltöffentlichkeit kämpfte er um seine Wiedereinsetzung, Verhandlungen und Pendeldiplomatie wurden in Gang gesetzt. Schliesslich kehrte Zelaya heimlich zurück und schlüpfte in der Botschaft Brasiliens unter.
Doch jetzt wollen selbst viele der Armen, die ihn unterstützt hatten, den konservativen Lobo wählen. Der 61-Jährige hat in Umfragen einen zweistelligen Vorsprung. «Ich wähle denjenigen, der das in Ordnung bringen und uns sofort Arbeit verschaffen kann, denn die Leidtragenden sind die Armen», erklärt die Wäscherin Reina Gomez.
Zelaya hätte nach der Verfassung ohnehin nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren können. Seine Gegner werfen ihm vor, er hätte wie Hugo Chavez in Venezuela die Verfassung ändern und länger am Ruder bleiben wollen. Zelaya bestreitet das.
Eine Handvoll Familien geben den Ton an
Seit jeher haben in Honduras eine Handvoll Familien das Sagen. Sie beherrschen die Medien, die Wirtschaft und jegliche Einflusssphäre vom Militär bis zur Justiz. Ein Aufstand der Linken wie anderswo in Mittelamerika in den 60er bis 80er Jahren fand nicht statt.
Das Land zählt zu den ärmsten der westlichen Hemisphäre. Tagtäglich trotten abgerissene Gestalten aus den Elendsvierteln an den glitzernden Einkaufspalästen von Tegucigalpa vorbei zur Arbeit in Kleiderfabriken und Schnellrestaurants. Die meisten haben im Monat umgerechnet rund 170 Euro zum Leben. «Den Politikern hier ist das Volk egal. Sie versprechen alles mögliche, doch dann kommt der eine dran und dann der andere, und es ändert sich nichts», findet der Bauarbeiter Mario Espinal.
Zelaya hatte mit Reformen zugunsten der Armen begonnen, den Mindestlohn um 60 Prozent erhöht und Hilfe aus Venezuela an Land gezogen, darunter kostenlose Traktoren und umgerechnet 200 Millionen Euro jährlich für landwirtschaftliche Investitionen. «Präsident Zelaya hat uns Hoffnung gemacht, dass das honduranische Volk endlich in der Lage sein würde, sich von der Gruppe von Oligarchen zu emanzipieren, die dieses Land unterjochten mit Hilfe einer Verfassung, die auf ihre Interessen zugeschnitten ist», erklärt der Menschenrechtsaktivist Andres Pavon.
Rancher gegen Baulöwe
Viele Honduraner wollten zwar Reformen, doch sie trauten Zelaya nicht so ganz: Der Mann mit dem weissen Cowboyhut ist selbst ein wohlhabender Rancher und kommt aus einer der beiden grossen konservativen Parteien. Orozco weist darauf hin, dass andere linke Staatschefs wie Chavez, Evo Morales in Bolivien oder Luis Inacio Lula da Silva in Brasilien aus armen Verhältnissen stammen und sich jahrelang eine Basis aufgebaut haben. Dagegen begann Zelaya mit Unterstützung einiger Gewerkschaften und Studentenorganisationen erst gegen Ende seiner Amtszeit aus der Hüfte zu schiessen. Er «gehört zur Elite, und er beschloss, sich von seinesgleichen zu distanzieren, und bezahlte den Preis dafür», urteilt Orozco.
Die Linke in Honduras ist in kleine Parteien zersplittert und hat keinen charismatischen Anführer, um sie zu einer starken Bewegung zu bündeln, die dem konservativen Establishment gefährlich werden könnte. Wahlfavorit Lobo, der Zelaya 2005 unterlegen war, wirbt im Wahlkampf mit Rückkehr zur Normalität und macht Zelayas Liberale Partei für die unruhigen Zeiten verantwortlich. Sein schärfster Rivale ist Elvin Santos von der Liberalen Partei, ein Baulöwe. Der am Sonntag neu gewählte Präsident tritt sein Amt im Januar an. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.11.2009, 15:55 Uhr

Die Welt in Bildern


