Ausland

Die Burka fällt auch in Québec in Ungnade

Von Bernadette Calonego, Vancouver. Aktualisiert am 03.04.2010

Die Regierung der grössten Provinz in Kanada hat dem Schleier muslimischer Frauen den Kampf angesagt.

Muslime in einer Moschee in Kanada.

Muslime in einer Moschee in Kanada.
Bild: Reuters

Der Gesichtsschleier wurde ihr in Kanada zum Verhängnis: Die 29-jährige Naema, die aus Ägypten in die kanadische Provinz Québec eingewandert war, darf nicht mehr Französisch in einem von der Regierung organisierten Kurs lernen. Ihr Niqab, der nur die Augen frei lässt, stört in den Augen der Behörden den Unterricht. «Ich fühle mich gedemütigt», sagte Naema dem kanadischen Fernsehsender CBC.

Die Regierung von Québec, der grössten Provinz in Kanada, hat dem Schleier muslimischer Frauen den Kampf angesagt. Wenn Musliminnen ihr Gesicht in staatlichen Einrichtungen verhüllen, sollen sie laut einem geplanten Gesetz keine Dienstleistungen der Regierung mehr erhalten.

Gleichstellung der Frauen

Der liberale Premierminister von Québec, Jean Charest, begründete seinen Vorstoss mit der Gleichstellung der Frauen. Wird die Gesetzesvorlage vom Parlament in Kraft gesetzt, dann müssen muslimische Frauen künftig in Schulen, Krankenhäusern, Kinderkrippen, Regierungsbüros, Universitäten oder bei Ärzten ihre Burka (Ganzkörperschleier) oder den Niqab ablegen. Sie können auch nicht verschleiert für die Regierung von Québec arbeiten.

Charest sagte, es gehe darum, «Grenzen zu ziehen», um die Werte Québecs zu verteidigen. Da laut einer Meinungsumfrage 95 Prozent der Québécois das geplante Gesetz befürworten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es umgesetzt wird. Das Vorhaben Québecs hat auch die Unterstützung des konservativen kanadischen Premierministers Stephen Harper, der vor drei Jahren vorschreiben wollte, dass sich Musliminnen in Wahlbüros unverschleiert präsentieren. Das Gesetz ging aber in den folgenden Regierungswahlen unter.

Der liberale Oppositionsführer Michael Ignatieff erklärte, mit dem geplanten Anti-Schleier-Gesetz habe Québec ein «gutes kanadisches Gleichgewicht» gefunden. Laut Erhebung erhält es auch die Zustimmung von fast 80 Prozent der befragten Kanadier. Das deutet auf ein radikales Umdenken im multikulturellen Kanada hin, wo von Immigranten in der Regel wenig Anpassung gefordert wird.

Nur zwei Dutzend verschleiert

Salam Elmenyawi vom Muslimen-Rat in Montreal sagte gegenüber kanadischen Zeitungen, dass es nur etwa zwei Dutzend völlig verschleierte Musliminnen in Québec gebe. Das geplante Gesetz «stellt eine düstere Zeit für Québec und Kanada dar», erklärt Elmenyawi auf seiner Website. Die Menschenrechtskommission von Québec gab ihrerseits zu bedenken, dass von 146'000 Bürgern, die in den Jahren 2008 und 2009 in Büros der Gesundheitsbehörden der Provinz in Montreal und Québec City bedient wurden, nur 10 Frauen verschleiert waren.

Die Muslime in Québec sind sich aber in der Frage der Verhüllung uneins. Der gemässigte Kanadische Muslimen-Kongress hatte die nationale Regierung in Ottawa vor einem halben Jahr sogar ersucht, den Niqab aus Gründen der Sicherheit und Frauendiskriminierung in der Öffentlichkeit zu verbieten. «Der Schleier hat nichts mit dem Islam zu tun», sagt Kongress-Gründer Tarek Fatah. Radiomoderator John Moore aus Toronto kritisierte in der Zeitung «The National Post», dass Québec die erste gesetzgebende Behörde in Nordamerika sei, die den direkten Kampf mit den Muslimen aufgenommen habe. «Aber wir befahlen den Chinesen auch nicht, von ihren Pyjamas abzulassen», schrieb Moore.

Das um seine frankofone Kultur fürchtende Québec führt in Kanada die Debatte um die Integration von Immigranten an. Das Dorf Hérouxville machte vor drei Jahren internationale Schlagzeilen, als es einen Verhaltenskodex für Einwanderer veröffentlichte, in dem unter anderem stand, dass in Kanada keine Frauen gesteinigt würden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2010, 12:15 Uhr

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