Ausland

Das neue Problem der USA: «Homegrown Terrorism»

Aktualisiert am 07.10.2010 2 Kommentare

Eine neue Generation von Terroristen nimmt «weiche Ziele» in den USA ins Visier. Verstörend für die Amerikaner ist, dass die Extremisten aus dem eigenen Land stammen.

1/23 Heroische Darstellung: Faizal Shahzad lässt sich auf Al-Arabiya TV als Märtyrer feiern.
Bild: Keystone

   

Diese Woche ist der Times-Square-Attentäter Faisal Shahzad von einem New Yorker Gericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Am Ende des Prozesses stiess der 30-jährige Terrorist eine Drohung aus: «Macht euch gefasst darauf, dass der Krieg mit den Muslimen gerade erst begonnen hat. Die Niederlage der Vereinigten Staaten wird kommen!» Spätestens dieser verstörende Auftritt des US-Bürgers pakistanischer Herkunft hat den Amerikanern klargemacht, dass im eigenen Land radikalislamische Feinde leben.

Diese Gefahr sei lange nicht ernst genug genommen worden, die Warnungen seien nun umso dringlicher, schreibt der USA-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) in einem Hintergrundbericht über den «homegrown terrorism». «Die Regierung in Washington hat diese Bedrohung erst jüngst wahrhaben wollen und thematisiert sie seit etwa zwei Monaten auffallend häufig und lautstark.» In einem aktuellen Bericht der Antiterrorbehörde National Counterterrorism Center (NCTC) wird der «homegrown terrorism» explizit als Gefahrenquelle für die USA genannt.

Einkaufszentren, Verkehrsmittel, belebte Plätze

Gemäss Medienberichten bedroht diese neuere Form von Terrorismus vor allem «weiche Ziele», die kaum wirksam geschützt werden können. Dabei handelt es sich um Einkaufszentren, belebte Plätze, Verkehrsmittel am Boden, Touristenattraktionen. In anderen Worten: Viele «kleine Bomben» sind wahrscheinlicher als ein zweiter 11. September. «Dass diese Terroristen über europäische oder amerikanische Reisepässe und genaue Kenntnisse ihrer Heimatländer verfügen, macht sie besonders gefährlich.»

Experten haben in einer Studie über die nationale Sicherheit festgestellt, dass US-Staatsbürger und Ausländer mit Wohnsitz in den USA eine «zunehmend prominente Planungsrolle in der Führung von al-Qaida und verbündeten Gruppen spielen». Ein klares Profil der potenziellen Attentäter lasse sich aber nicht erstellen, denn «sie passen nicht in ein bestimmtes ethnisches, wirtschaftliches, soziales oder bildungsbezogenes Schema», wie der US-Berichterstatter der FAZ schreibt.

Ein völlig unauffälliges Vorort-Leben

Im Fall des Times-Square-Attentäters ist bekannt, dass er eine perfekte Fassade der Normalität pflegte. Der 30-jährige Faisal Shahzad hat ein Uni-Diplom, ein Eigenheim und eine Familie. Der muslimische Einwanderer aus Pakistan, der zuletzt als Finanzanalyst arbeitete, hatte nach aussen hin ein völlig unauffälliges Vorort-Leben geführt. Seinen Nachbarn und Kollegen blieb verborgen, dass er sich dem islamischen Extremismus zugewandt hatte. Vor dem versuchten Attentat in New York verbrachte Shahzad mehrere Monate im Nordwesten Pakistans, wo Taliban und al-Qaida Trainingslager unterhalten. Die Taliban hätten ihm vor seiner Rückkehr in die USA einige Tausend Dollar gegeben – mit dem Auftrag, einen Terroranschlag zu verüben.

Im Verlauf des Prozesses hatte Shahzad keinerlei Reue gezeigt. «Ich möchte mich hundertfach schuldig bekennen», sagte er bei einer Anhörung im Juni. «Ich habe nur den Terror erwidert, den die USA den Muslimen in der Welt zufügen.»

Mehr als 40 Attentate im letzten Jahr

Dass die Terrorgefahr auch aus dem eigenen Land kommt, zeigte sich gemäss dem FAZ-Bericht bereits im vergangenen Jahr. An zehn ausgeführten oder versuchten islamistischen Anschlägen in den USA waren mindestens 43 amerikanische Staatsangehörige oder legale Immigranten beteiligt.

Für besonderes Aufsehen sorgte der muslimische Offizier Nidal Malik Hassan in der texanischen Garnison Fort Hood: Bei seinem Attentat auf Kameraden und Zivilisten kamen 13 Menschen ums Leben. Die Ermittlungen zeigten, dass es vermutlich nicht die Einzeltat eines kriegstraumatisierten Mannes war. Der Armeepsychiater pflegte Kontakte zu einem Hassprediger, und er hatte Verbindungen zum terroristischen Untergrund in den USA. Aus heutiger Sicht war das Massaker von Fort Hood ein Attentat des «homegrown terrorism». (vin)

Erstellt: 07.10.2010, 11:43 Uhr

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2 Kommentare

Jürgen Scheele

07.10.2010, 13:29 Uhr
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Nun ja, ganz so neu ist das Phänomen des "homegrown terrorism" in den USA nicht. Man erinnere sich an Timothy McVeigh und dessen Attentat in Oklahoma City im Jahr 1995, bei dem über 150 Menschen ums Leben kamen. Das war in noch viel stärkerem Mass "homegrown" als die islamistischen Terroristen. Antworten


Martin Vollenweider

07.10.2010, 16:11 Uhr
Melden

Die USA haben noch immer nicht begriffen - und werden es wohl auch nie - , dass der Terrorismus kein nationales Phänomen ist und nicht mit konventionellen Armeen bekämpft werden kann, siehe Versagen und Misserfolg in Afghanistan! Der Terror operiert im Sudan, in Hamburg, Pakistan - oder eben auch in den USA - weltumspannend als ein aus Zellen bestehendes und kaum fassbares Netzwerk im Untergrund. Antworten



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