Das ungeschönte Bild eines Krieges

Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 27.07.2010 25 Kommentare

Die US-Regierung versucht verzweifelt, die Brisanz der veröffentlichten Berichte aus Afghanistan abzuschwächen.

US-Soldaten ruhen sich aus. Aufgenommen vor fünf Tagen im Arghandab-Tal in der Provinz Kandahar.

US-Soldaten ruhen sich aus. Aufgenommen vor fünf Tagen im Arghandab-Tal in der Provinz Kandahar.
Bild: Keystone

Mehrere Hundert Gefechte zwischen pakistanischen und afghanischen Truppen, die an sich Alliierte sein sollten; fast 150 Einsätze, in denen US- und britische Truppen zivile Opfer töteten; mehr als 180 Aktionen des pakistanischen Geheimdienstes, bei denen er mit Aufständischen kollaborierte – Wikileaks leitete detaillierte Berichte vom Kriegsschauplatz an ausgewählte Medien weiter, und diese vermitteln ein anderes, ungeschöntes Bild, als Washington, London und Berlin glauben machten.

Kritik an Wikileaks

«Die USA verurteilen die Veröffentlichung von Geheiminformationen durch Einzelne oder Organisationen aufs Schärfste», kritisierte James Jones, der Sicherheitsberater des Präsidenten. Damit würden möglicherweise die Leben von Amerikanern und ihren Verbündeten gefährdet. Und dann nahm Jones direkt Wikileaks aufs Korn. Die Organisation habe nie den Kontakt zur Regierung aufgenommen und ein «unverantwortliches Leck» in den Sicherheitsmantel des Militärs geschlagen. Dies allerdings trifft so nicht zu, wie die federführende Redaktion des britischen «Guardian» sowie der Chefredaktor der «New York Times», Bill Keller, festhielten. Das Weisse Haus hatte demzufolge Kenntnis vom bevorstehenden Leck und ersuchte die «New York Times», Wikileaks zu bitten, rund 15'000 sensitive Dokumente zurückzuhalten.

Wikileaks hielt sich an die Anweisung, um den Krieg nicht zu hintertreiben und keine Soldaten und Nachrichtendienstler sowie deren Einsatzpläne zu gefährden. Zudem verwendeten die beiden Zeitungen sowie der deutsche «Spiegel», die exklusiv von Wikileaks bedient worden waren, einen Monat darauf, das heikle Material zu sondieren. Wenn die veröffentlichten Dokumente auf den ersten Blick keinen grossen Knaller enthalten, so vielleicht auch deswegen: Die drei involvierten Redaktionen folgten dem Grundsatz einer staatspolitisch verantwortlichen Berichterstattung.

Wer war der Beschaffer?

Unklar ist die Quelle der Dokumente. Der frühere Hacker Adrian Lama vermutet, dass der des Geheimnisverrats angeklagte US-Soldat Bradley Manning nicht nur das inkriminierende Video des Helikoptereinsatz gegen Zivilisten im Irak entwendete hat, sondern auch im aktuellen Fall «der persönliche Beschaffer für den Wikileaks-Apparat» war.

Das Weisse Haus hofft derweil, den politischen Schaden und Druck in Grenzen zu halten. In einem E-Mail an Journalisten verbreitete die Regierung vorsorglich schon am Sonntagabend «Gedanken zu Wikileaks». Niemand, der den Afghanistan-Konflikt von nahem verfolge, könne überrascht sein, dass die Rolle des pakistanischen Geheimdienstes prekär sei. Auch stammten alle Berichte aus der Zeit zwischen Januar 2004 und Dezember 2009, also überwiegend aus der Bush-Ära. Präsident Obama habe inzwischen eine neue Strategie durchgesetzt, so das Weisse Haus, mit der Absicht, alle drei Monate eine neue Lagebeurteilung vorzunehmen und die Truppen ab Mitte 2011 schrittweise abzuziehen.

Gestern legte die Regierung im Gegenangriff auf Wikileaks noch eine Stufe zu. In E-Mails wurde aus Interviews mit Wikileaks-Chef Julian Assange zitiert, und dabei wurden jene Stellen hervorgehoben, die offenbar als besonders beleidigend und entlarvend betrachtet werden. «Ich würde die Bastarde gerne erschlagen», so eine vom Weissen Haus zitierte Aussage.

Heikle Anhörung im Senat

Senator John Kerry schien nicht überrascht vom Leck, er wartete unmittelbar nach der Publikation mit einer ersten kritischen Stellungnahme auf. «Wie immer auch die Dokumente ans Licht gekommen sind, so werfen sie doch ernsthafte Fragen zur Politik gegenüber Pakistan und Afghanistan auf», so der Präsident der Aussenpolitischen Kommission. Die Dokumente seien geeignet, die Probleme des Einsatzes zu verdeutlichen und somit eine Richtungsänderung der Politik vorwegzunehmen. Mehrere Demokraten erklärten, Obama werde es noch schwerer fallen, seine Strategie für Afghanistan beliebt zu machen.

Die nächste Überprüfung durch den Kongress folgt im Dezember. Schon diese Woche führt der Senat eine Anhörung des neuen Chefs des Zentralkommandos im Kriegsgebiet, James Mattis, durch und nimmt eine Zusatzfinanzierung für den Einsatz unter die Lupe. Dabei dürften sowohl die Rolle von Wikileaks wie die Kriegsstrategie der Regierung kritisiert werden. Es ist aber nicht anzunehmen, dass sich der Senat der Bestätigung von General Mattis oder der Zustimmung zum zusätzlichen Kriegsbudget verweigert, das sich der Marke von 300 Milliarden Dollar nähert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2010, 22:52 Uhr

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25 Kommentare

Emmet Walder

27.07.2010, 09:36 Uhr
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Bedenklich ist dass die Zeitungen behaupte alle 92 000 Dokumente gelesen und ausgewertet zu haben und dann noch mit ein paar Bildli eine Tendenz bestätigt haben wollen. Antworten


Marcel Zufferey

27.07.2010, 07:10 Uhr
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Wikileaks ist die moderne Version der Pressefotografen, die die Kriegsverbrechen der US-Truppen während des Vietnamkrieges dokumentiert haben. Was damals das berühmte Pressefoto der entkleideten Huynh Cong auf der Flucht vor einem Napalmbombenangriff war, sind heute diese veröffentlichten Dokumente. Der Effekt ist derselbe: Die kriegsbeteiligten Regierungen stehen mit heruntergelassenen Hosen da. Antworten



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