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Der Anti-Trump

Wie gross sind die Chancen von Michael Bloomberg im Rennen um die US-Präsidentschaft? 7 Fragen zu einer überraschenden Entwicklung in Sachen Obama-Nachfolge.

Als Bürgermeister von New York galt er als liberaler und sozialer Pragmatiker, und er war Vorkämpfer im Umwelt- und Gesundheitsschutz: Michael Bloomberg, parteiloser Milliardär.

Als Bürgermeister von New York galt er als liberaler und sozialer Pragmatiker, und er war Vorkämpfer im Umwelt- und Gesundheitsschutz: Michael Bloomberg, parteiloser Milliardär. Bild: Reuters

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Warum überlegt sich Michael Bloomberg eine Kandidatur für die US-Präsidentschaftswahlen?
Dem 73-jährigen Ex-Bürgermeister von New York missfällt die Dominanz des pöbelnden Rechtspopulisten Donald Trump bei den Republikanern sowie der Aufstieg des Linkspopulisten Bernie Sanders bei den Demokraten. Wie die «New York Times» unter Berufung auf sein Umfeld berichtet, kritisiert Bloomberg die extreme Polarisierung, den aggressiven Ton und die drastischen Vorschläge zahlreicher Kandidaten. Bloomberg sieht sich als Alternative für die gemässigten Republikaner.

Welche Chancen hätte eine Kandidatur von Bloomberg?
Bloomberg selber rechnet sich dann Chancen aus, wenn bei den Republikanern der umstrittene Donald Trump oder der rechte Ideologe Ted Cruz ins Rennen geht – und bei den Demokraten der linke Bernie Sanders, der zuletzt in Umfragen gegenüber der Parteifavoritin Hillary Clinton aufholen konnte. Falls Ex-Aussenministerin Clinton, wie erwartet, die Kandidatin der Demokratischen Partei wird, würden die Chancen von Bloomberg drastisch sinken. Entscheiden sich Demokraten und die Republikaner für moderate Kandidaten wie Clinton respektive Marco Rubio oder Jeb Bush, wird Bloomberg kaum antreten. Politbeobachter gehen davon aus, dass eine Kandidatur des früheren Bürgermeisters von New York vor allem den Demokraten schaden könnte. Bloomberg will bis Anfang März entscheiden, ob er tatsächlich als parteiloser Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im kommenden November antreten wird.

Wie haben parteilose Präsidentschaftskandidaten bisher abgeschnitten?
Ein Sieg von Bloomberg in der Hauptwahl wäre sehr unwahrscheinlich – auch mit Blick auf die bisherigen Präsidentschaftswahlen. Noch nie ist es einem unabhängigen Kandidaten gelungen, die US-Präsidentschaft zu erobern. In den 1990er-Jahren zum Beispiel trat Ross Perot, ein Milliardär aus Texas, zweimal gegen Bill Clinton an. 1992 kandidierte er als Parteiloser, 1996 als Kandidat der sogenannten Reformpartei. Perot erhielt bei beiden Präsidentschaftswahlen keine einzige Wahlmännerstimme.

Wer ist Bloomberg?
Bloomberg hat zwei glänzende Karrieren hingelegt, zunächst in der Wirtschaft, danach in der Politik. Als Unternehmer gründete Bloomberg den erfolgreichen und bekannten Finanzinformationsdienst, der auch nach ihm benannt ist. Bloomberg ist längst ein schwerreicher Mann. «Forbes» schätzt sein Vermögen auf rund 37 Milliarden Dollar. Damit belegt er Platz 14 auf der «Forbes»-Liste 2015 der reichsten Menschen der Welt. Bei einer Präsidentschaftskandidatur würde Bloomberg eine Milliarde Dollar aus seinem Vermögen einsetzen, wie die «New York Times» berichtet. Als Politiker schaffte es Bloomberg zum Bürgermeister von New York (2002 bis 2013).

Was zeichnet den Politiker Bloomberg aus?
Als Bürgermeister von New York galt Bloomberg als liberaler und sozialer Pragmatiker. Er machte als energischer Vorkämpfer für Umwelt- und Klimaschutz sowie mit Gesundheitsinitiativen von sich reden, etwa durch die Einführung von Rauchverboten in Bars und Restaurants. Zudem setzte er sich für die gleichgeschlechtliche Ehe in New York ein, und er engagierte sich für das Recht auf Abtreibung. Nicht zuletzt wurde er zu einem der stärksten Befürworter für eine Waffenkontrolle. Bloomberg war ursprünglich Demokrat, trat aber als Republikaner zu seiner ersten Bürgermeisterwahl an. Später erklärte er sich als unabhängig von beiden grossen Parteien.

Wie reagieren die Präsidentschaftskandidaten auf die mögliche Konkurrenz durch Bloomberg?
Die Demokraten bemühen sich um Gelassenheit. Favoritin Hillary Clinton erklärte, nach ihrer Interpretation wolle Bloomberg nur antreten, wenn sie, Clinton, nicht offizielle Präsidentschaftskandidatin der Demokraten werde. «Naja, ich werde ihm diese Bürde abnehmen und die Nominierung kriegen, damit er nicht antreten muss», sagte sie dem Sender NBC. Ihr Kontrahent Bernie Sanders sagte mit Blick auf Bloomberg nur: «Zeig mir, was du drauf hast!» Die mögliche Bewerbung eines weiteren Milliardärs bestätige das, was er schon lange erklärt habe. «Dieses Land bewegt sich von einer Demokratie weg zu einer Oligarchie», erklärte Sanders. Der Republikaner Donald Trump sagte im Programm «Face the Nation» des Senders CBS News per Telefon, seine Positionen seien denen Bloombergs in den Fragen Waffen oder Abtreibung entgegengesetzt. Er sei mit Bloomberg über Jahre befreundet gewesen, mittlerweile seien sie «vielleicht keine Freunde mehr», erklärte Trump.

Wie gehts nun weiter?
Der Wahlmarathon in den USA beginnt am 1. Februar mit einer ersten Abstimmung über die Kandidaten in Iowa, am 9. Februar folgt die Vorwahl in New Hampshire. Anschliessend plant der mögliche Kandidat Bloomberg eine Meinungsumfrage, um seine Chancen besser abzuschätzen. Bis zum Sommer buhlen die Bewerber in allen Staaten um Stimmen, um dann zum Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei gekürt werden zu können. Die eigentliche Wahl ist im November. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.01.2016, 14:51 Uhr)

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