Der Exzentriker fordert den Traditionalisten

Von . Aktualisiert am 31.05.2010

Bei den Präsidentenwahlen in Kolumbien kommt es zur Stichwahl. Dabei treffen zwei sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander.

Völlig unterschiedlich: Juan Manuel Santos (links), Antanas Mockus (rechts).

Völlig unterschiedlich: Juan Manuel Santos (links), Antanas Mockus (rechts).

Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Kolumbien hat am Sonntag keiner der Kandidaten die notwendige absolute Mehrheit errungen. Bei der Stichwahl am 20. Juni stehen sich zwei in Charakter und Politikstil sehr unterschiedliche Politiker gegenüber: Ex-Verteidigungsminister Juan Manuel Santos und Bogotás früherer Bürgermeister Antanas Mockus. Santos hat dabei klar die Favoritenrolle inne: Er errang beim ersten Wahlgang mit fast 47 Prozent der Stimmen einen deutlichen Vorsprung auf Mockus mit gut 21 Prozent.

JUAN MANUEL SANTOS: Der 58-jährige Mitte-rechts-Politiker ist der Kronprinz des scheidenden Präsidenten Alvaro Uribe. In dessen Regierung war Santos von 2006 bis 2009 Verteidigungsminister und hatte massgeblichen Anteil an den Erfolgen gegen die linksgerichteten FARC-Rebellen. Er befahl im März 2008 die Bombardierung eines FARC-Lagers in Ecuador, bei der der stellvertretende FARC-Kommandeur Raúl Reyes getötet wurde, und nahm dabei eine diplomatische Eiszeit mit Ecuador und dem ebenfalls links-regierten Venezuela in Kauf. Im selben Jahr liess Santos die langjährige FARC-Geisel Ingrid Betancourt und 14 ihrer Leidensgenossen befreien.

Uribe und Santos ernteten für ihre Strategie auch Kritik, da immer die Armee immer wieder unschuldige Zivilisten tötete. Die harte Linie gegen die FARC will Santos dennoch fortsetzen.

Handelsminister und Finanzminister

Erfahrungen für das Präsidentenamt sammelte der Wirtschaftswissenschaftler, der an der US-Eliteuniversität Harvard und an der London School of Economics studierte, auch als Handelsminister in den Jahren 1990 bis 1994 und als Finanzminister von 1998 bis 2002. Ausserdem kennt sich Santos sehr gut mit der Kaffe-Produktion aus, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige Kolumbiens.

Santos stammt aus einer reichen Familie in Bogotá, die Miteigentümerin der wichtigen kolumbianischen Zeitung «El Tiempo» ist. Juan Manuel Santos wäre nicht der erste Präsident seiner Familie, 1938 wurde sein Grossonkel Eduardo Santos Staatschef. Trotz seiner Herkunft findet der Präsidentschaftskandidat Santos vor allem bei ärmeren Wählern und der Landbevölkerung Unterstützung. Der Politiker ist seit 23 Jahren verheiratet und drei Kinder.

ANTANAS MOCKUS: Der Grünen-Politiker gehört einer Partei an, die offiziell erst im August 2009 gegründet wurde. Im März hatten in Umfragen weniger als zehn Prozent der Wähler angegeben, bei der Präsidentschaftswahl für den 58-jährigen Ex-Bürgermeister von Bogotá stimmen zu wollen. Doch Mockus startete eine Aufholjagd und landete im ersten Wahlgang auf Platz zwei. Für die Stichwahl waren Mockus sogar bessere Chancen als Santos vorausgesagt worden, allerdings hatten die Umfragen auch einen viel geringeren Rückstand auf Santos beim ersten Wahlgang vorausgesagt.

Mockus erwarb sich als Rektor der Universidad Nacional de Colombia und während seiner zwei Amtszeiten als Bogotás Bürgermeister in den 90er Jahren und von 2001 bis 2003 einen Ruf als unkonventioneller Politiker. Dabei streifte er bisweilen die Grenze zum Peinlichen, als er etwa streikenden Studenten seinen nackten Hintern zeigte. Geschätzt wurde der Mathematiker und Philosoph, der sein Studium in Frankreich absolvierte, jedoch für seine Haushaltspolitik als Bürgermeister.

Für Kolumbien wäre ein Wechsel von Uribe zu einem Präsidenten Mockus kein politischer Paradigmenwechsel, denn auch der Grünen-Politiker ist bislang weder als Gegner der neoliberalen Reformpolitik des Amtsinhabers aufgetreten - noch steht er für einen Bruch mit der harten Linie gegenüber den FARC-Rebellen. Mockus hob aber in seinem Wahlkampf die Menschenrechte hervor und sagte Bildungsreformen, die Bekämpfung der Korruption sowie Transparenz zu. Dazu gehört auch, dass Mockus seine Parkinson-Erkrankung nicht verschweigt. Rückhalt findet der Sohn litauischer Einwanderer insbesondere bei den bessergestellten Bewohnern der sieben Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Bogotá. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2010, 11:57 Uhr

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