Der Iran stellt Hillary Clinton auf die Probe
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 16.06.2009
Vor etwas mehr als einem Jahr, im Frühling des demokratischen Vorwahlkampfes, bescheinigte sie ihm Naivität und damit Unvermögen, die Rolle eines amerikanischen Präsidenten ausfüllen zu können. Denn naiv sei es, dem Iran Gespräche ohne Vorbedingungen anzubieten, wie er angekündigt hatte. Sie zeichnete sich als harte Realistin; von ihm behauptete sie, er sei ein Träumer. Nun ist er Präsident und Hillary Clinton seine Aussenministerin.
«Die Entscheidung zu Gesprächen» ist gefallen
Zusammen müssen Barack Obama und seine einstige Rivalin im Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur jetzt die politisch-diplomatische Herausforderung bewältigen, die ihnen das iranische Wahlergebnis beschert hat. «Die Entscheidung zu Gesprächen» sei gefallen, bekräftigte Vizepräsident Joe Biden am Wochenende den Entschluss der Obama-Administration, obschon man einräumte, dass im Iran vielleicht ein historischer Wahlbetrug stattgefunden habe. Die Aussenministerin als Herrin über die amerikanische Diplomatie muss gleichwohl fürchten, dass die Gespräche, so sie denn stattfinden, Präsident Ahmadinejad aufwerten könnten. Ausserdem könnte Washingtons diplomatische Offerte daran scheitern, dass die Machtverhältnisse im Iran zusehends diffuser werden.
Dass Hillary Clintons Vorgesetzter in den Tagen vor dem iranischen Wahlgang angesichts der lebhaften iranischen Debatte «neue Möglichkeiten» witterte, macht die Ernüchterung nun um so tiefer. Andererseits gewahrt Barack Obama überall und immer «neue Möglichkeiten» und hofft, dank ihm und seiner Person werde die Welt die USA mit frischen Augen betrachten. Es fällt der Aussenministerin zu, daraus eine tragfähige Aussenpolitik zu formen. Vor einem Jahr, im Vorwahlkampf, zweifelte sie, ob Obama die richtigen Entscheidungen treffen werde, wenn ihn ein Anruf mitten in der Nacht wegen eines politischen Notfalls wecke.
«Eine Ehre, mit ihm zu dienen»
Davon ist natürlich nichts mehr zu hören; ihre damaligen Zweifel hätten sich «absolut» verflüchtigt, sagte die Aussenministerin vor Wochenfrist und pries ihren Dienstherrn geradezu hymnisch. Obama sei sowohl in der Öffentlichkeit als auch privat «stark, nachdenklich und entschlussfreudig», bescheinigte sie dem Präsidenten und fügte hinzu, es sei «eine Ehre, mit ihm zu dienen». Dabei wollte sie den Job der Aussenministerin überhaupt nicht und gab Obama eine Namensliste mit Alternativen, als er bei ihr anfragte. Er aber habe «insistiert» und sei «sehr überzeugend gewesen», sagt sie – ohne freilich einzugestehen, dass letztendlich ihr Ehemann, der Ex-Präsident, sie dazu drängte, Obamas Angebot anzunehmen.
Dass ihre Autonomie als oberste Diplomatin durch die Entsendung von US-Sonderbotschaftern für Nahost sowie Afghanistan und Pakistan eingeschränkt worden sei, kontert sie umgehend: Die Gesandten seien ihre Idee gewesen, damit sie sich nicht verzettele. Denn sie möchte sich den Blick auf die grossen Dinge bewahren, worin Obama sie bestärkt. Mehrmals in der Woche sprechen Präsident und Aussenministerin miteinander; bislang geniesst sie sein volles Vertrauen, obwohl ihre bisweilen undiplomatische Offenheit in Washington mit Erstaunen registriert wird. Ganz diplomatisch aber hoffte sie am Wochenende, dass der Wahlausgang im Iran «den Willen des Volkes» reflektiere. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.06.2009, 07:08 Uhr
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