Ausland

«Der Körper stellt auf Sparflamme»

Von Fabienne Riklin. Aktualisiert am 21.01.2010

Antoine Chaix arbeitete schon in Katastrophengebieten. Der Vizepräsident von Ärzte ohne Grenzen erklärt, warum auch acht Tage nach dem Beben in Haiti noch Lebende geborgen werden können.

Hat eine Woche ohne Wasser überlebt: Anna Zizi wurde aus den Trümmern in Haiti geborgen.

Hat eine Woche ohne Wasser überlebt: Anna Zizi wurde aus den Trümmern in Haiti geborgen.
Bild: Keystone

«Oft fällt man nach so einer langen Zeit in einen Dämmerzustand»: Antoine Chaix ist Allgemeinmediziner und hat zahlreiche Einsätze für Ärzte ohne Grenzen durchgeführt.

«Oft fällt man nach so einer langen Zeit in einen Dämmerzustand»: Antoine Chaix ist Allgemeinmediziner und hat zahlreiche Einsätze für Ärzte ohne Grenzen durchgeführt.

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Herr Chaix, auch nach Tagen bergen Retter in Haiti noch lebende Menschen aus den Trümmern, wie ist das möglich?
Es sind absolute Einzelfälle. Quantitativ konnten die Retter in diesen Tagen nicht mehr viele Leute lebend bergen, aber es beweist, dass Menschen sechs Tagen ohne Wasser überleben.

Wie haben sie überlebt?
Der Körper stellt auf Sparflamme. Das heisst er fährt den Stoffwechsel runter und durchblutet nur noch die lebenswichtigen Organe. Arme und Beine werden fast nicht mehr durchblutet. Sie sind kalt. Ebenfalls entzieht der Körper Wasser aus allen möglichen Reserven wie dem Fett oder der Blutbahn.

Kommt den Verschütteten das Klima in Haiti zu Gute?
Ja. Es ist weder zu heiss noch zu kalt. Der Körper braucht demnach keine Flüssigkeit um zu schwitzen und zu kühlen.

Überleben so lange nur gesunde Menschen?
Sind die Organe der Verschütteten gesund und konnten sie sich vorher normal ernähren und hatten keinen Flüssigkeitsmangel, ist es sicher eher möglich, dass sie überleben.

Was für eine Rolle spielt die psychische Verfassung?
Das kann ich nicht sagen. Aber der Mensch ist komplex. Hoffnung und Durchhaltewille tragen sicher etwas zum Überleben bei. Oft fällt man nach so einer langen Zeit in einen Dämmerzustand.

Wie werden sie in den nächsten Tagen betreut?
Sie werden rehydriert, also bekommen Flüssigkeit meist durch Infusionen. Wenn sie mögen, können sie aber auch trinken.

Dürfen sie überhaupt schon etwas essen?
Die Kalorienzufuhr ist nicht entscheidend dafür, wie schnell sie wieder auf den Beinen sind. Entscheidend ist wie ihre Organe wieder zu funktionieren beginnen.

Haben die Menschen bleibende gesundheitliche Schäden?
Das ist möglich, muss aber nicht sein.

Können auch jetzt noch Lebende geborgen werden?
Es wird immer unwahrscheinlicher, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.01.2010, 09:12 Uhr

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