Der Schweizer Kriminologe Martin Killias forscht für Barack Obama
Von Verena Vonarburg. Aktualisiert am 04.08.2009
Ein gefragter Wissenschaftler: Martin Killias.
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Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 30 füllen amerikanische Gefängnisse, und das ist teuer. Gäbe es auch einen anderen Weg, als den strengen amerikanischen im Umgang mit Jugendkriminalität? Wie halten es die Europäer? Warum ging die Jugendkriminalität in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre in den USA stark zurück, während sie in Europa zunahm? Und warum steigt die Zahl jugendlicher Straftäter in Amerika in letzter Zeit eher wieder?
Interkontinentale Expertenrunde
Was läuft da? Und was läuft falsch? Das will das US-Justizdepartement wissen, es hat zu diesem Zweck eine Gruppe von Wissenschaftlern zusammengerufen. Zum ersten Mal überhaupt tauschen sich dabei Experten der USA mit ihren europäischen Kollegen aus, um mehr darüber zu lernen, was Jugendliche dazu bringt, straffällig zu werden, welche Heranwachsenden auch als Erwachsene kriminell bleiben, wer warum auf den rechten Pfad zurückfindet und wie der Staat auf die Jugendkriminalität am besten reagiert.
Die Schweiz ist bei dieser Forschung an der Spitze mit dabei, denn die europäische Expertengruppe koordiniert der Zürcher Kriminologieprofessor Martin Killias, der sich durch breite praktische und vergleichende Forschung auf vielen Gebieten der Kriminologie international einen Namen gemacht hat. «Eine extrem konstruktive und spannende Aufgabe» sei der amerikanische Auftrag, sagt er, «etwas wirklich Einzigartiges, ich lerne dabei selbst wahnsinnig viel».
Die Amerikaner zeigten ihrerseits sehr viel Interesse. «Es freut uns, dass wir europäischen Kriminologen uns als Kollektiv an entscheidender Stelle einbringen können.»
Vernünftig, so viele einzusperren?
In ihrer Arbeit für die Amerikaner legen Killias und seine europäischen Kollegen das Augenmerk vor allem auf die Umstände, die aus Jugendlichen Straftäter machen: auf den Arbeitsmarkt, den Lebensstil, das Freizeitverhalten, den Einfluss von jeweils angesagten Drogen, die Rolle der neuen Medien. Immer geht es darum, Trends zu erfassen, denn Jugendkriminalität ist keine stabile Grösse in einer Gesellschaft und folglich auch beeinflussbar (siehe Artikel unten).
Was die Amerikaner laut Killias neuerdings besonders interessiert, ist das europäische Jugendstrafrecht, das viel stärker erzieherisch ausgerichtet ist als sein Pendant in den USA, das auf die Bestrafung fokussiert. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Gelder stelle sich die Frage, so Killias: «Ist es eigentlich vernünftig, so viele Leute einzusperren?» Antworten darauf zu finden, habe eine enorme Bedeutung erhalten.
Politischer Klimawechsel
Dass sich amerikanische und europäische Forscher an einen Tisch setzen, sieht Killias im Kontext einer grösseren Veränderung. Dass das Institute of Justice im US-Justizdepartement zum Schluss komme, man müsse bei der Jugendgewalt auch die europäische Perspektive einbeziehen, «spricht Bände für einen frappanten politischen Klimawechsel. Noch vor ein paar Jahren hätte man sich um europäische Erfahrungen foutiert».
Die neue Zeit habe indes nicht, wie man annehmen könnte, erst mit Barack Obama als Präsidenten begonnen. Killias, der früher selbst in den USA gelehrt und geforscht hat, stellte schon in der letzten Amtszeit Bushs fest, wie sich in der amerikanischen Gesellschaft die Erkenntnis verbreitete, «dass man mit dem Rest der Welt kooperieren muss und nicht alle Probleme selber lösen kann».
Arrogante Deutsche
Die frühere Arroganz oder Ignoranz war für Killias im übrigen bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, forschten die USA auf dem Gebiet der Kriminologie – doch ungleich mehr als Europa. «Mich stört die genau gleiche Arroganz in Europa mehr, wo deutsche Wissenschaftler Forschungsliteratur in anderen Sprachen zum Teil schlicht nicht zur Kenntnis nehmen. Das ist viel provinzieller und viel ärgerlicher».
Die ganze europäisch-amerikanische Bestandesaufnahme des kriminologischen Wissens um die Jugend soll bereits 2010 abgeschlossen sein. Die USA geben das hohe Tempo vor.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.08.2009, 06:56 Uhr
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