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Der Tag, als die Furcht zur Angst wurde

Von Res Strehle. Aktualisiert am 11.09.2010 28 Kommentare

Der 11. September 2001 war eine historische Zäsur. Seit diesem Datum leben wir in einer Angstgesellschaft. Ohne diesen Wendepunkt wären ein Fall Sarrazin, Kopftuch- und Minarettverbot undenkbar.

1/21 11. September 2001, 9.03 Uhr: Das zweite von islamistischen Terroristen entführte Flugzeug fliegt in den Südturm.
Bild: Keystone

   

Obama ruft zur Einheit des Landes auf

Am Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 hat US-Präsident Barack Obama zur Einheit des Landes aufgerufen. Wie so oft in «schwierigen Zeiten» gebe es Versuche, das Land zu spalten, sagte Obama am Samstag in seiner wöchentlichen Radioansprache.

«Aber an Tagen wie diesen werden wir daran erinnert, dass wir am stärksten sind, wenn wir diesen Versuchungen nicht nachgeben», sagte der Präsident weiter: «Wir stehen zusammen, wir kämpfen Seite an Seite, wir lassen uns nicht von unserer Angst leiten, sondern von unseren Hoffnungen für unsere Familien, unsere Nation und eine strahlendere Zukunft».

Die USA gedenken am Samstag der rund 3000 Opfer der Anschläge vor neun Jahren. In New York sollen wie jedes Jahr am Standort des zerstörten World Trade Center die Namen der 2752 Opfer verlesen werden.

Obama selbst nimmt an einer Zeremonie im Pentagon in Washington teil, in das die Terroristen auch ein entführtes Flugzeug gesteuert hatten. First Lady Michelle Obama wird mit ihrer Vorgängerin Laura Bush in Pennsylvania an einer Gedenkfeier teilnehmen; diese findet am Absturzort eines ebenfalls entführten Flugzeugs statt.

In New York wollen aber auch Islamkritiker in einer Grosskundgebung gegen den Bau eines islamischen Gemeindezentrums nahe Ground Zero demonstrieren.

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Erinnern Sie sich, wo Sie am 11. September 2001 waren? Eben. Das Datum markiert einen Wendepunkt in der westlichen Geschichte, hin zur Angstgesellschaft. Zur starken Erinnerung hat beigetragen, dass es bis heute nicht möglich ist, die Motive der Urheber hinter den Anschlägen auf die Twin Towers in New York rational zu verstehen und so die Bedrohung zu erfassen.

Die Furcht, Opfer eines gezielten Anschlags mit erkennbarem Motiv zu werden, ist der Angst gewichen, zufälliges Opfer eines diffusen Verbrechens ohne erkennbaren Adressaten zu werden. Die Furcht vor einem Brand – zu begegnen mit Feuerlöschern, Notausgängen und Feuertreppe – ist der irrationalen Angst gewichen, in einer brennenden, einstürzenden Stahlkonstruktion eingeschlossen zu sein oder in einem zur Bombe umfunktionierten Flugzeug zu sitzen.

Die Furcht, Migranten könnten zu Konkurrenten um Arbeitsplatz und Sozialversicherung werden, wich der Angst, eine Gegenkultur wolle die westliche Welt infiltrieren und dann zerstören. Und die Furcht vor einem wirtschaftlichen Abschwung in Form der periodischen Rezession wich schliesslich der Angst vor einem totalen Zusammenbruch einer Wirtschaft, die sich während zweier Jahrzehnte in rasantem Tempo globalisiert hat.

Verschwörungstheorien und Verbote

Kein Wunder, gibt es über 9/11 bis heute mehr Verschwörungstheorien als über andere Phänomene der Neuzeit – mehr noch als selbst über die für technische Laien ebenfalls schwer nachvollziehbare Mondlandung, die Verbreitung des Aidsvirus oder der Schweinegrippe – und kein Wunder, dominieren seither einfache «Lösungen»: In der Schweiz beschloss der Souverän ein Bauverbot für Türmchen neben Moscheen.

In mehreren westlichen Ländern kursiert der Vorschlag, die Ganzkörperverschleierung für orthodoxe Musliminnen zu verbieten, nicht nur auf Ämtern, wo sie sich identifizieren müssen. In der Ostschweiz wird leidenschaftlich darüber debattiert, ob orthodoxen muslimischen oder jüdischen Schülerinnen erlaubt sein sollte, Kopftücher an Schulen zu tragen. Weitverbreitet scheint auch der Wunsch, Kapitalverbrecher lebenslang zu verwahren oder gar nach Gerichtsurteilen zu exekutieren.

Irreale Untergangsängste

Womöglich gehört zu diesen einfachen «Lösungen» auch der Vorschlag, die Boni für Topmanager als vermeintliches Allheilmittel gegen die Wirtschaftskrise zu begrenzen. Daneben haben sozialethisch weit wichtigere Vorlagen wie jene für Mindestlöhne in Niedriglohnbereichen weit weniger Chancen auf breite Unterstützung. Namhafte westliche Staaten wie die USA oder Deutschland, jahrzehntelang Garanten für Stabilität in Europa und der Welt, scheinen über Nacht von der Zerstörung bedroht, sei es durch Migration aus Lateinamerika (Samuel Huntington) oder aus der arabischen Welt (Thilo Sarrazin). Die Furcht vor einem Zerfall der staatlichen und kulturellen Identität wäre in Somalia oder Afghanistan real, schliesslich gibt es in jüngerer Vergangenheit in der Tat einige «gescheiterte» Staaten. In den USA, denen laut dem inzwischen verstorbenen Politologen Huntington der Untergang droht, oder in Deutschland, das sich laut dem Ökonomen Sarrazin angeblich abschafft, ist sie irreal.

Ins gleiche Kapitel der Angstgesellschaft, wenn auch vorderhand eine Spur harmloser, gehört der auferstandene Überwachungsstaat in der Schweiz. Noch zu Beginn der Neunzigerjahre bestand ein breiter Konsens darüber, dass ungezielte Überwachung der Vergangenheit angehören sollte. Waren im Kalten Krieg quasi flächendeckend rund eine Million Fichen über Verdächtige angelegt worden, so sollte der Staat sich künftig auf den Schutz vor tatsächlichen Bedrohungen beschränken. Wer zu Unrecht fichiert wurde, sollte dies nach Einsicht in die Akten korrigieren können. Moritz Leuenberger, der den Skandal in oberster Verantwortung aufgearbeitet hatte, wurde zur Bekräftigung dieses Konsenses in den Bundesrat gewählt. Nun ist vor einigen Monaten bekannt geworden, dass die Schweiz seit Ende 2001 wieder im grossen Stil Verdächtige fichiert, diesmal kommt die Bedrohung nicht aus dem Osten, sondern aus dem Süden, die Schreckensszenarien heissen Terror und Migration.

Medien tragen zur kollektiven Aufregung bei

Die Medien tragen ihren Teil zur kollektiven Aufregung bei. Ihre Wandlung von staatstragenden Parteiblättern unterschiedlicher Ausrichtung zu Forumsblättern mit vermehrter Orientierung am Leserinteresse mag mit dazu geführt haben, dass sie Ängste und Empörung heute stärker und zeitnäher bewirtschaften, oft sogar in «real time». Allerdings könnten Medien selbst mit unbegrenzter Macht (die sie nie hatten) und unbegrenzten Budgets (die es nirgends mehr gibt) keine Ängste und Empörungen bewirtschaften, die es nicht gibt.

Sie können nur mit Resonanz thematisieren, was ohnehin in ihrem gesellschaftlichen Umfeld vorhanden ist. Sie hätten kollektiv und konzertiert gegen den neuen Fichen-Skandal in der Schweiz anschreiben können, ohne dass es grosse Wirkung gezeigt hätte. Dagegen war die Wirkung der neuen Fichen als Placebo gegen das diffuse Bedrohungsgefühl seit 2001 zu gut. Auch über die Schwierigkeiten des bilateralen Verhältnisses der Schweiz gegenüber der EU können die Medien so viel schreiben, wie sie wollen. Der kollektive Mythos der siebenhundertjährigen nationalen Unabhängigkeit der Schweiz bleibt als Selbstschutz stärker und immunisiert vorderhand auch gegen unpässliche Realität.

Lange Phasen kollektiver Irrationalität

Wenn Medien einen nützlichen Beitrag gegen die seit 9/11 deutlich gewachsenen diffusen Ängste und – als Folge – die Hochkonjunktur einfacher Lösungen leisten wollen, dann sollen sie skeptisch sein gegenüber jeder Form von Irrationalität. Die Vernunft wird es allerdings gegen ein so starkes und allumfassendes Gefühl wie Angst schwer haben. So gab es seit der Aufklärung speziell in wirtschaftlich harten Zeiten immer wieder lange Phasen kollektiver Irrationalität. Im 20. Jahrhundert gehören der Faschismus dazu und beidseitig wohl auch der Kalte Krieg, zumindest in jenen Phasen, als die Bedrohung durch den anderen Block überhöht wurde.

Letztlich geht es um das Phänomen, das der dänische Philosoph Sören Kierkegaard als existenzielle Angst fasste. Er unterschied es von der Furcht durch das fehlende konkrete Objekt, das Furcht rechtfertigen würde. Konkret: Schafe fürchten sich vor dem Wolf, Menschen ängstigen sich vor ihm. Entsprechend überhöhen sie den Mythos Wolf seit Rotkäppchen bis zu den Walliser Jägern. So schützt der Abschuss nicht nur die Schafherde, sondern auch den eigenen verunsicherten Kern. Angst steckt im Menschen drin. Sie hat damit zu tun, dass wir in eine Welt geworfen werden, die wir nie ganz verstehen, und wenn wir etwas verstanden haben, dann unsere Verletzlichkeit, Einsamkeit und die Begrenztheit unserer Existenz. Der bekannte Science-Fiction-Autor Ray Bradbury («Fahrenheit 451») hat dazu in einem Interview ein schönes, selbstkritisches Wort gesagt: «Ich musste siebzig werden, bevor ich merkte, dass ich nicht Angst vor dem Fliegen hatte, sondern Angst vor mir selber.»

Aus Angst soll Furcht werden

Typisch für diese Form der Angst ist das Verhältnis zum Fremden – auch im eigenen Ich. Zu Besuch bei einem fremden Stamm ist der Ethnologe zwischen Faszination und Angst vor dem Unbekannten hin- und hergerissen. Ähnlich geht es dem Analysanden bei einer Psychoanalyse. Beide versuchen ihrem Zwiespalt ein reflexives Gerüst zu geben. Ähnlich fasziniert die multikulturelle Gesellschaft den Westen und ängstigt ihn zugleich. Dominiert die Angst, so will Deutschland deutsch und die Schweiz eidgenössisch bleiben.

Dabei müssten eine aufgeklärte Gesellschaft und ihre Medien alles daransetzen, dass Angst zur Furcht wird. Nur so kann man ihr begegnen, nur so wird die Auseinandersetzung für Kultur und Gesellschaft produktiv. Andernfalls lähmt sie. Zur Übung eines zweckdienlichen Zugangs zur Angst dient Bergsteigen in steilen Wänden, aber auch die Kunst spielt durchaus kreativ mit den Übergängen an dieser Grenze.

Schreiben als Therapie

Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer meinte anlässlich seines siebzigsten Geburtstags in einem sehr persönlichen Interview mit dem «Tages-Anzeiger», dass ihm das Schreiben half, seine Ängste zu strukturieren und damit aushaltbar zu machen. Widmers jüngste Werke überschreiten mit grosser Fantasie die Grenzen zwischen Leben und Tod – eine kluge, unaufgeregte und spielerische Anleitung, sich mit der Begrenztheit der menschlichen Existenz auseinanderzusetzen.

Was das Ereignis 9/11 betrifft, fällt die Antwort leichter: Nach neun Jahren müsste eine aufgeklärte Zivilisation fähig sein, die Angst in Furcht zurückzuverwandeln. Sie würde erkennen, dass das Objekt der Furcht in der islamischen Welt stark isoliert ist. Dass grosse und symbolische Bauwerke weltweit inzwischen weit sicherer gebaut werden. Dass die USA ihre globale Führungsrolle deshalb verspielten, weil ihre Führungselite nach 9/11 zunehmend irrational agierte. Dass ein islamisches Kulturzentrum in unmittelbarer Nähe der Schreckensstätte zugleich Teil der Bewältigung und des Ausdrucks einer toleranten multireligiösen Gesellschaft ist. Dass eine nach wie vor drohende Weltwirtschaftskrise noch nicht abgewendet ist, wenn das Eigenkapital der Banken höher ist und die Bonusbezüge ihrer Manager tiefer sind.

Neun Jahre nach dem 11. September 2001 stellen sich genug offene Fragen, zu deren Beantwortung nicht Angst, sondern Furcht die gute Ratgeberin ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2010, 12:16 Uhr

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28 Kommentare

Thomas Uebers

13.09.2010, 07:50 Uhr
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Sie sollten als "gewissenhafte Zeitung" aufhören 9/11 als Verschwörungstheorie anzuschauen. Wenn es für mich als Privatperson mittlerweile relativ einfach ist über das Internet zu erkennen dass die dafür "Angeklagten" nicht die Täter sind, frage ich mich wie "sie" als Reporter mit diesem Thema umgehen. Dies können "Sie" einfach nicht übersehen haben http://www.911truth.org Antworten


Christian Cortesi

11.09.2010, 13:18 Uhr
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Und glaubt heute wirklich noch jemand, diese Anschläge wurde von ein paar Jungs aus Hamburg geplant und ausgeführt? Meine Freunde beschreiben mich als ausgesprochenen Realisten, aber diese Geschichte ist einfach nur gelogen und jeder ignoriert das aus lauter Bequemlichkeit. Der nächte Barcelona-Urlaub steht halt an, da hat man keine Kapazität für solche Dinge. Antworten



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