Der erlahmte Enterich
Aktualisiert am 30.01.2012 15 Kommentare
Kapitän Schettino und der US-Wahlkampf
Ein führender Vertreter der US-Republikaner hat mit dem Vergleich von Präsident Barack Obama mit dem Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia für Empörung gesorgt. So wie Kapitän Francesco Schettino in Italien, verlasse Obama «das Schiff hier in den Vereinigten Staaten», sagte Reince Priebus am Sonntag dem Sender CBS. Er sei «mehr daran interessiert, Wahlkampf zu machen, als seinen Job als Präsident». Die Demokraten bezeichneten den Vergleich als «schändlich». Schettino wird vorgeworfen, Mitte Januar das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio auf Grund gesetzt zu haben. Anschliessend soll er das sinkende Schiff verlassen haben, lange bevor alle Menschen an Bord in Sicherheit gebracht worden waren. Im US-Bundesstaat Florida finden am Dienstag die wichtigen Vorwahlen für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner statt. Im Wahlkampf liefern sich die Bewerber der Republikaner einen harten Schlagabtausch, greifen aber auch immer wieder Obama an. (SDA)
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Das christliche Gemeindezentrum am Rande von Orlando, in dem Newt Gingrich auftreten soll, hat den funktionalen Charme einer Mehrzweckhalle. In dem ockerfarbenen Flachbau treffen sich gewöhnlich evangelikale Latinos, die Kombination deckt gleich zwei wichtige Wählergruppen in Florida ab. Gingrich kommt eine Dreiviertelstunde zu spät, drinnen harren vielleicht knapp vierzig Leute aus. Es läuft nicht rund für den republikanischen Präsidentschaftsbewerber kurz vor der wichtigen Vorwahl in dem bevölkerungsreichen US-Bundesstaat am Dienstag.
In seiner kurzen Rede hämmert Gingrich dem Wahlvolk ein, warum es ihm und nicht seinem Rivalen Mitt Romney die Stimme geben müsse. «Nur ein solider Konservativer kann in Debatten gegen Barack Obama bestehen und gewinnen», ruft der frühere Chef des Repräsentantenhauses, doch seiner Stimme fehlt die Wucht. Hinter ihm prangt auf einer Leinwand das Bild eines Weisskopfadlers, das majestätische Wappentier der USA. Gingrich wirkt bei dem Auftritt am Wochenende in Orlando eher wie ein erlahmter Enterich.
Zum Abschluss bittet Gingrich die wenigen Zuhörer, ihre Freunde und Bekannten für ihn zu gewinnen. Das Publikum erhebt sich langsam von den grünen Stuhlreihen. Frederica Speir bleibt noch sitzen und erzählt von einer Romney-Kundgebung, an der sie am Vorabend teilgenommen habe. «Grossartige Stimmung, viele Menschen», sagt die Rentnerin. Sogar der Gouverneur von Puerto Rico sei da gewesen. Für Gingrich trat lediglich der Bürgermeister von Aguadilla auf, einer Stadt auf der zu den USA gehörenden Karibikinsel.
Klarer Rückstand in Florida
Gingrich hatte den Kampf um die republikanische Präsidentschaftskandidatur mit seinem klaren Sieg in South Carolina vor gut einer Woche wieder spannend gemacht. Der Multimillionär Romney, der das Partei-Establishment hinter sich weiss und über Jahre eine mächtige Wahlkampfmaschinerie aufgebaut hat, schien plötzlich schlagbar. Als Gingrich in Umfragen auch in Florida an Romney vorbeizog, stellten sich viele Republikaner die Frage: Könnte der Politveteran tatsächlich für die Partei in das Duell mit Obama ziehen?
Zumindest die Mehrheit der Republikaner in Florida hat dies mittlerweile wohl mit Nein beantwortet. Zwei Tage vor dem Urnengang hat Gingrich wieder einen Rückstand im zweistelligen Prozentpunktbereich auf Romney. «Es sieht jetzt so aus, dass dieses Rennen vorbei ist», sagt Meinungsforscher Brad Cooker, der eine Erhebung für den «Miami Herald» geleitet hat. Romney müsste schon «implodieren», wenn Gingrich noch eine Chance haben wollte. In einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage von NBC News/Marist kam der frühere Gouverneur Romney für die Vorwahl am Dienstag gar auf 42 Prozent der Stimmen, Gingrich auf 27.
Romney im Hoch
Mehrere Faktoren dürften das Blatt wieder zugunsten des Ex-Gouverneurs von Massachusetts gewendet haben. Romney machte eine gute Figur in den beiden Fernsehdebatten in Florida, während der begabte Rhetoriker Gingrich schwächelte. Vor allem aber liess sich der Ex-Gouverneur in die Niederungen des Wahlkampfes herab und ging seinen Rivalen frontal an. Zuvor hatte Romney die unfeinen Aufgaben den mit ihm verbündeten Wahlvereinen, sogenannten Super-PACs, überlassen und nur Präsident Obama mit direkten Attacken gewürdigt.
Der Ex-Gouverneur erinnerte daran, dass Gingrich in den 90er-Jahren wegen Verstössen gegen die ethischen Richtlinien des Kongresses bestraft worden war. «Er ist nicht der Anführer, den wir in diesen schwierigen Zeiten brauchen», wetterte Romney. Zugleich überzog sein Lager die TV- und Radiosender in Florida mit Wahlspots, die Gingrich in ein schlechtes Licht rückten. Romney habe sich auf den «Kriegspfad» begeben, urteilte die «New York Times».
Gingrich schiesst zurück
Der Ex-Chef des Repräsentantenhauses warf seinem Kontrahenten vor, mithilfe von reichen Gönnern an der Wall Street Unwahrheiten über ihn zu verbreiten. Gingrichs Hoffnungen ruhen vor allem darauf, dass sich noch immer eine Mehrheit der Republikaner einen anderen Kandidaten wünscht als Romney, der nicht als echter Konservativer gilt. «Wenn man alle Nicht-Romney-Stimmen nimmt, dann wird es auf dem Parteitag wahrscheinlich eine Nicht-Romney-Mehrheit geben», sagte er. «Mein Job ist, das in eine Pro-Gingrich-Mehrheit umzuwandeln.»
(jak/AFP)
Erstellt: 30.01.2012, 06:18 Uhr
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