Der «falsche» und der «echte» Veteran des Falkland-Kriegs
Von Sandro Benini, Buenos Aires. Aktualisiert am 13.03.2010
Rein juristisch betrachtet, besitzt Argentinien im Streit um die Malvinas oder Falkland-Inseln die besseren Karten: Seit England den Archipel 1833 in einem Piratenakt besetzte, hat das südamerikanische Land seine Territorialansprüche niemals aufgegeben.
Dossiers
Der Falkland-Krieg von 1982
Am frühen Morgen des 2. April 1982 landeten argentinische Marine-Infanteristen an der Küste von Ostfalkland und rückten auf Port Stanley vor. Bereits um 8.30 Uhr endeten die Gefechte, und der britische Gouverneur befahl seinen zehn Royal Marines, sich zu ergeben. Die Argentinier hatten die Falkland-Inseln erobert. Am Mittag hörten ihre Landsleute auf dem Festland von der schnellen Eroberung der Malvinas. Tausende gingen in Buenos Aires auf die Strasse und feierten den Sieg. Sie waren sich sicher, Grossbritannien würde nicht zurückschlagen.
Doch sie hatten sich getäuscht. Premierministerin Margaret Thatcher verurteilte am selben Tag den Angriff aufs Schärfste: «Sie werden mir sicherlich zustimmen, dies ist ein kriegerischer Akt der argentinischen Regierung gegenüber dem britischen Territorium.» Am 5. April entsandte die Eiserne Lady eine Armada von Kriegsschiffen, um die 13'000 Kilometer entfernte Inselgruppe zurückzuerobern. 25'000 britische Soldaten und Seeleute zogen in den Krieg. Tragischer Höhepunkt war der Untergang der argentinischen Belgrano: Am 2. Mai torpedierten die Briten den Kreuzer, der nach nur 20 Minuten sank. 323 Seeleute starben.
Auf See und zu Land wurde 74 Tage lang gekämpft. Dann mussten die Argentinier die technologische Überlegenheit der Briten anerkennen und kapitulierten am 14. Juni 1982. Beide Seiten hatten schwere Verluste. 746 Argentinier und 255 Briten wurden getötet, 11'000 argentinische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft.
Vor 28 Jahren sind sie gegen den englischen Imperialismus und für Argentiniens Ehre in den Krieg gezogen, heute kämpfen sie um ihre Rente. Um die Regierung unter Druck zu setzen, haben beide auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires ihr Lager aufgeschlagen, Daniel Repetto am linken, Walter Pintos am rechten Rand des Platzes. Dazwischen rennen Kinder Tauben hinterher, unter ausladenden Bäumen liegen lesende Studenten und betrunkene Obdachlose, im Hintergrund erhebt sich rosarot der Regierungspalast Casa rosada.
Daniel Repetto harrt seit zwei Jahren hier aus, Tag und Nacht, in einer selbst gebastelten Holzhütte mit einem breiten Baumstamm als Stütze. Im einzigen Raum stehen ein Klappbett, ein Fernseher und ein Kühlschrank, an den Wänden hängen argentinische Fahnen. Vor seiner Behausung sind mehrere Transparente aufgespannt, auf einem heisst es: «Wir haben auf dem Kontinent gekämpft, aber wir sind trotzdem Veteranen des Krieges um die Malvinas!» Von Falkland-Inseln redet hier keiner.
Verlorener Krieg als narzisstische Kränkung
Als die argentinische Militärregierung im April 1982 die 600 Kilometer vor der patagonischen Küste gelegenen Malvinas besetzte, mobilisierte sie auf dem Festland zusätzlich Tausende Soldaten. Sie sollten die Kämpfer an der Front logistisch unterstützen und allfällige englische Angriffe abwehren. Da die Angehörigen dieser Truppen nicht auf den Inseln waren, gelten sie heute nicht als Malvinas-Veteranen, und so erhalten sie auch keine Kriegsrente. Wer einen echten Veteranen sehen will, muss die Plaza de Mayo überqueren und Walter Pintos aufsuchen. Er sitzt Matetee trinkend vor seinem Zelt, auf einem Transparent steht: «Schluss mit den falschen Malvinas-Veteranen!» Damit ist auch Repetto auf der anderen Seite des Platzes gemeint. Gesprochen haben die beiden noch nie miteinander.
«Den verlorenen Krieg empfindet Argentinien bis heute als narzisstische Kränkung», sagt Vicente Palermo, Politologe und Autor eines Buches, das «Salz in die Wunden» heisst. Gegenwärtig schüttelt die englische Regierung den Salzstreuer erneut. In der 200-Meilen-Zone rund um die Inseln vermuten Experten bis zu 60 Milliarden Barrel Erdöl. Das wäre mehr als in der ganzen Nordsee und könnte die Malvinas zu einem sturmumtosten Dubai am südlichen Ende der Welt machen.
Brown setzt auf Diplomatie
Vor Kurzem haben die Engländer mit Probebohrungen begonnen, worauf Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner befahl, dass jedes zwischen dem Festland und den Inseln verkehrende Schiff eine Sonderbewilligung aus Buenos Aires benötige. Die Gouverneurin der Provinz Feuerland sprach von einer Verletzung der nationalen Souveränität, der argentinische Aussenminister protestierte in London und bei Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon.
Englands Premierminister Gordon Brown verkündete, er wolle den neu aufgeflammten Konflikt diplomatisch lösen, aber sein Land sei bereit, den Archipel ein zweites Mal militärisch zu verteidigen. Die auf den Inseln erscheinende Zeitung «Penguin News» schmähte Argentiniens Präsidentin wegen deren angeblicher Schönheitsoperationen als «altes Plastikgesicht», worauf Hacker die Webseite des Blattes knackten und darauf eine argentinische Fahne flattern liessen.
Tapfere argentinische Soldaten
Das seien Kindereien, sagt Walter Pintos, der «echte» Veteran. Wenn das Malvinas-Problem wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein dringe, dann wachse vielleicht die Erkenntnis, dass das Veteranen-Problem ungelöst sei. Pintos trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Fallschirmspringer», an der Brustpartie ist eine Landesflagge aufgenäht, darunter das Emblem seines Regiments und eine Auszeichnung für besondere Tapferkeit.
Tapfer mussten die argentinischen Soldaten damals auch sein, um mit ihren veralteten Waffen gegen eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt zu kämpfen. Einmal erhielt Pintos' Einheit den Befehl, eine Anhöhe zurückzuerobern. Dabei sei sein bester Freund wenige Meter neben ihm zerfetzt worden. Gegen Ende des Kriegs sahen sich die Soldaten derart in die Enge gedrängt, dass sie sich ergaben. Zehn Tage verbrachte Pintos in englischer Gefangenschaft. Er wurde gut behandelt, und ein gegnerischer Offizier habe sogar voller Bewunderung gesagt, es sei erstaunlich, wie lange die Argentinier trotz ihrer miserablen Ausrüstung Widerstand geleistet hätten.
Veteranen ohne Jobs
Daniel Repetto hingegen verbrachte den Krieg in einem Schützengraben an der Festlandküste – ein 18-jähriger Rekrut, der wenig zu Essen erhielt und in dürftiger Bekleidung den Temperaturen von bis zu minus zwanzig Grad Celsius trotzte. Den Feind sah er nie. Mehrere seiner Kameraden hätten aber auch auf dem Festland gegen englische Truppen gekämpft. Offiziellen Quellen zufolge hat es derartige Vorstösse nie gegeben. Repetto behauptet, das sei eine Lüge, um den Festland-Veteranen die Rente zu verweigern.
Nachdem der Krieg am 14. Juni 1982 zu Ende war, fanden sich Pintos und Repetto in derselben Situation wieder: als Verlierer in einer Gesellschaft, die zwar zur Demokratie zurückfand, aber von Erinnerungen an die siebenjährige Barbarei der Militärdiktatur gemartert wurde, von den Berichten der Folteropfer, der Frage, was mit den vielen Verschwundenen geschehen war. Eine Gesellschaft, die grössere Probleme hatte als das Schicksal der rund 20'000 Malvinas-Veteranen. Pintos litt unter posttraumatischen Störungen, und noch heute komme es vor, dass er von englischen Fliegerangriffen träume, in den Hinterhof seines Hauses robbe und dort von seiner Frau wachgerüttelt werde.
Regierung ist der neue Feind
«Los loquitos de la guerra» nannte man die ehemaligen Kämpfer, «die kleinen Spinner des Kriegs». Wenn sie sich um eine Stelle bewarben und ihren Ausweis mit der Aufschrift «Malvinas-Veteran» vorzeigten, hob der potenzielle Arbeitgeber oft bedauernd die Hände. 746 argentinische Soldaten sind im Krieg gefallen, 455 ehemalige Kämpfer haben seither Selbstmord verübt. Es dauerte fast zehn Jahre, ehe der Staat den «echten Veteranen» eine Kriegsrente bewilligte. Diejenigen, die auf dem Festland waren, gingen leer aus.
Heute kämpft Repetto darum, überhaupt eine Pension zu erhalten, während Pintos rückwirkend Geld für die Zeit zwischen 1982 und 1991 fordert. Der «echte» Veteran wirft dem «falschen» vor, sich eine Rente für einen Krieg erschleichen zu wollen, an dem er nicht teilgenommen hat. Der «falsche» bezichtigt den «echten» des Egoismus. Der Feind ist nicht mehr England, sondern die eigene Regierung, welche die Forderungen des einen wie des anderen ablehnt.
Keine Abenteuer mehr
Könnten massive Erdölfunde in den Malvinas-Gewässern Argentinien dazu verleiten, die Inseln erneut zu besetzen? Der Politologe Palermo schliesst es aus. «Es gibt niemanden, der ernsthaft an ein solches Abenteuer denkt, weder unter den Politikern noch unter den Militärs.» Zögen die beiden Veteranen auf der Plaza de Mayo erneut in die Schlacht? «Ja», antwortet Pintos, ohne zu zögern. «Dieser Krieg war Wahnsinn, und eine Neuauflage wäre noch verrückter», meint hingegen Repetto. Dass die Malvinas zu England gehören, sei unumstösslich, aber noch unumstösslicher sei sein Wille, so lange auszuharren, bis er endlich eine Rente bekomme.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2010, 11:15 Uhr
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