Der grösste Goldrausch in der Geschichte der USA
Von Walter Niederberger, Elko (Nevada). Aktualisiert am 07.09.2009
Wir treten auf eine kleine Lichtung im Bergwald hinaus. Magere Bäumchen und Sträucher klammern sich an die dünne Grasnarbe. Dunkles Geröll schimmert in der Sonne. Steve Brown schlägt mit einem Geologenhammer kurz und hart auf einen Felsbrocken. Er nickt: «Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Diese Lichtung muss schon in den Sechzigerjahren von Prospektoren ausgeholzt worden sein. Sie haben bemerkt, dass der Fels auf Goldeinschlüsse hindeutet. Aber offenbar fehlte damals das Geld zur Ausbeutung.»
Fast ein halbes Jahrhundert später mangelt es nicht mehr an Geld; Geologen wie Steve Brown sind daran, einen lukrativen Goldboom im früheren Silberstaat Nevada auszulösen. Gründe dafür gibt es mehrere: Der Goldpreis hat sich seit dem Tiefstkurs zu Beginn des Jahrzehnts mehr als verdreifacht und nähert sich der Grenze von 1000 Dollar pro Unze. Durchbricht er diese Marke, so rechnen Explorationsfirmen wie US Gold, für die Brown arbeitet, mit einem Anstieg auf 1200 bis 1500 Dollar im nächsten Jahr und später vielleicht mit einer Spitze von bis zu 5000 Dollar. Und Nevada weist weltweit die grösste Dichte von ungeschürften Goldreserven auf.
210 Millionen Unzen gefördert
«Wir befinden uns mitten im grössten Goldboom in der Geschichte der USA», hielt die Minenaufsichtsbehörde Nevadas im letzten verfügbaren Jahresbericht von 2007 fest. «Dieser Boom ist in erster Linie neuen Funden zu verdanken, die von blossem Auge nicht zu erkennen sind und an jenen Orten vorkommen, wie sie für Nevada typisch sind.» Zum Vergleich: Im kalifornischen Goldrausch ab 1849 wurden 29 Millionen Unzen gefördert; der Boom in Nevada hat bisher rund 210 Millionen Unzen zutage gebracht.
Dieses Gold ist nur in mikroskopisch kleinen Einschlüssen im Fels enthalten; dank moderner Technologie kann es gewinnbringend abgebaut werden. Barrick, grösster Goldproduzent der Welt, hat mehr als eine Milliarde Dollar in eine immense Förderanlage südlich von Elko investiert und hofft, pro Jahr mehr als eine Million Unzen ausbeuten und mit rund 700 Millionen Dollar Gewinn absetzen zu können.
«Die Finanzpolitik der Regierung macht mich nervös»
Gold ist nicht nur im neureichen Mittelstand Indiens und Chinas als werterhaltende Anlage gefragt, sondern wird zunehmend auch von Amerikanern gehortet. «Die Finanzpolitik der Regierung macht mich nervös«, meint Steve Brown, «die Defizite wachsen schneller an als je. Gold ist in einem solchen Umfeld das einzige Geld, das sich nicht entwertet.»
Im Umfeld einer weltweit steigenden Nachfrage und einer jahrzehntelang vernachlässigten Produktion bietet sich Nevada für neue Explorationsfirmen wie US Gold als optimaler Standort an, wie Vizepräsident Stefan Spears sagt. «Die Gesetzgebung ist hier sehr minenfreundlich, und politisch ist Nevada weit stabiler als andere Goldstaaten wie Venezuela oder Bolivien.» In Nevada war in den späten 1970er-Jahren eine Abbaumethode entwickelt worden, die seither weltweit angewendet wird. Dabei wird der goldhaltige Fels in kleine Stücke aufgebrochen und auf Kunststoffplanen geschichtet.
Diese Halden werden mit Cyanid begossen, wodurch nach und nach das Gold ausgewaschen wird. Die Umweltschäden sind erheblich, werden doch ganze Berge abgetragen, durch Cyanid ausgelaugt und dann an einem neuen Ort wieder aufgeschichtet. Glenn Miller, Professor für Rohstoffe und Umweltwissenschaften an der Universität Nevada in Reno, sagt indes, dass die Schäden überblickbar seien. «Cyanid kann unter Kontrolle gehalten werden, wenn es fachmännisch verwendet wird. Nevada hat zum Glück ein trockenes Klima, deshalb sind hier weniger Probleme mit toxischen Auswaschungen wie in Montana oder Idaho zu erwarten.»
Jeder darf überall Gold schürfen
US Gold hat mit den bisherigen Probebohrungen aussichtsreiche Funde gemacht, sagt Spears. «Wir sind zuversichtlich, ab Ende Jahr mit der Ausbeutung beginnen zu können. Selbst wenn wir nicht den grossen Fund machen, sind wir überzeugt, auf Jahre hinaus Geld verdienen zu können. Der Boom wird sicher noch fünf bis sieben Jahre anhalten.»
Diese selbstsichere Rechnung geht davon aus, dass die Landrechte praktisch kostenlos zu haben sind, weil Nevada noch mit einem Minengesetz aus dem Jahr 1872 arbeitet, das jedermann die Ausbeute von Rohstoffen erlaubt, unbesehen davon, wem das Land gehört. Solche Bestimmungen, die blutige Abrechnungen zwischen den ersten Goldsuchern verhindern sollten, sind in den Augen von «konstruktiven Kritikern» wie Professor Miller überholt. «Das Gesetz geht völlig an der Realität vorbei. Es bevorzugt die grossen Konzerne und macht zu wenig klar, dass diese Unternehmen die angerichteten Umweltschäden beheben müssen.»
In Nevada sind Dutzende von offenen Minen zu sehen, aus denen täglich mit Schwermetallen und Salzen vergiftetes Wasser austritt und die Landwirtschaft bedroht. Eine Änderung ist nicht absehbar. «Nevada ist das Drittweltland innerhalb der USA,» sagt Miller; «niemand kümmert sich hier um den Abfall und die Umweltschäden.»
Die Umweltsünden der Vergangenheit seien heute nicht mehr möglich, beteuert Stefan Spears. US Gold habe ein millionenschweres Depot für spätere Aufräumarbeiten hinterlegen müssen, Zudem schürfe das Unternehmen vor allem dort, wo früher schon Goldsucher an der Arbeit waren. «Die Chance, Gold zu finden, ist dort am besten, wo bereits einmal gegraben wurde», sagt Steve Brown, der seit über 30 Jahren in den westlichen Bundesstaaten der USA nach Gold sucht.
Einer dieser alten Fundorte ist der Mount Tenabo. Der Berghang weitab der nächsten Ortschaft wird von einer früheren Minenstrasse durchschnitten; durch die Gruben rumpeln Hunderte von Tonnen schwere Lastwagen, einige Kilometer weiter nördlich bereiten Arbeiter eine immense Cyanid-Auswaschstätte vor. Am Boden kauert Carrie Dann, eine Stammesälteste der Westlichen Shoshonen. Der Indianerstamm ist seit Jahrtausenden in der Region ansässig, hat aber alle Landrechte aufgeben müssen. Von ihren früheren Siedlungen ist nichts mehr zu sehen. «Dort drüben kommt die Familie meiner Mutter her, vom Tal weiter unten stammt die Familie meines Vaters. Überall liegen die Überreste meiner Vorfahren,» sagt die Frau, die 1993 den alternativen Nobelpreis erhalten hatte, über die karge wie schöne Hochebene. «Dies ist ein sehr spiritueller Ort. Einige von uns kommen hierher zum Fasten, andere, um mit der Mutter Erde zu sprechen.»
Das Ausbeuten der Bodenschätze ist aus dieser Sicht ein schwerer Verstoss gegen die Natur. «Wir haben gelernt, alles Leben zu respektieren, nicht nur das menschliche.» Den Kampf um das Land allerdings haben die Ureinwohner schon lange verloren. Vor US-Gerichten sind sie mehrmals unterlegen, Kämpferinnen wie Carrie Dann versuchen nun, auf internationaler Ebene ihre Landrechte durchzusetzen. «Gerichte in den USA sind zu rassistisch, hier werden wir nie Gerechtigkeit erfahren,» sagt sie. «Aber wissen Sie, das Ausbeuten der Erde wird sich rächen. Die globale Erwärmung ist ein Zeichen dafür, dass Mutter Erde Fieber hat. Wir müssen sehr Sorge zu ihr tragen.»
Neues Kapital trotz Finanzkrise
Minenkonzerne wie Newmont und Barrick sind in einer starken Position. Sie haben den Ureinwohnern angeboten, Schulen zu bauen und Bibliotheken zu finanzieren. Auch stellen sie Ureinwohner ein, um sich erkenntlich zu zeigen. «Die Shoshonen sind sich nicht einig. Einige sind ganz gegen die Ausbeutung, andere sehen im Goldabbau ein sicheres Einkommen,» sagt Professor Miller. «Diese Uneinigkeit nützen die Bergbaukonzerne aus.» Und Harry Reid, der Senator des Staates Nevada, ist der Minenindustrie günstig gesinnt, obwohl er auch als starker Verfechter der Interessen der Ureinwohner gilt.
Inzwischen geht der Boom in Nevada schon ins fünfte Jahr. Nach einem kurzen Rückschlag wegen der Finanzkrise, die alle Neuinvestitionen bremste, hatte US Gold diesen Sommer keine Probleme, 50 Millionen Dollar neues Kapital zu beschaffen. Dies, obwohl das Jungunternehmen in Nevada bisher kein Gramm Gold produzierte. «Wir sind sehr sicher, dass wir Gold finden und ausbeuten werden,» sagt Spears. Gebohrt wird unter anderem in der Nähe der Tonkin Mine, die vor 20 Jahren bereits einmal einige Hunderttausend Unzen hergab, bevor sie stillgelegt wurde.
Oberhalb der alten Grube sind drei Bohrleute daran, dem Untergrund bis zu 600 Gesteinsproben pro Tag zu entnehmen. Gearbeitet wird 15 Tage am Stück, 12 Stunden pro Tag. Dann ziehen die Bohrleute sechs freie Tage ein. Die Mineure kommen alle aus Nevada, einige sind auch als Wanderarbeiter unterwegs. Für den nördlichen Teil des Staates bietet die Bergbauindustrie neben den Casinos praktisch die einzige Möglichkeit, ein Auskommen zu finden. «Ohne Goldminen gäbe es hier wenig Hoffnung«, sagt Paul Danielson. Der breitschultrige, joviale Mann sitzt auf einem Treppchen vor seinem Wohnwagen und macht sich für den nächsten Einsatz bereit. Er arbeitet als Unterakkordant für Konzerne wie Barrick.
Zu seinem Unternehmen gehören eine Flotte von 9 Lastwagen und 18 Fahrern. «Ich habe es langsam satt», sagt er. «Bis etwa vor zwei Jahren machte ich schön Geld, aber heute sind die Löhne und die Preise für Pneus und Benzin so hoch, dass ich selber weniger verdiene als meine Fahrer. Je höher der Preis des Goldes, sagt er, desto grösser der Druck der Konzerne auf die Zulieferer. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.09.2009, 23:48 Uhr
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