Ausland

Der verlorene General

Aktualisiert am 22.06.2010

Der oberste Nato-Befehlshaber in Afghanistan glaubt nicht mehr an den Rückhalt für seine Mission – ein Bericht des US-Magazins «Rolling Stone» sorgt in den USA für Aufruhr.

Konflikt: Stanley McChrystal am 10. Mai in Washington bei einer Pressekonferenz zu Afghanistan. Links im Hintergrund Botschafter Karl Eikenberry.

Konflikt: Stanley McChrystal am 10. Mai in Washington bei einer Pressekonferenz zu Afghanistan. Links im Hintergrund Botschafter Karl Eikenberry.

Ein Porträt sorgt für Aufruhr in den USA. Einige der Sätze, die der sonst so nüchterne Nato-Befehlshaber von Afghanistan dem Musikmagazin «Rolling Stone» sagte, zielen eindeutig unter die Gürtellinie. So wird Stanley McChrystal in dem explosiven Hintergrundbericht mit folgendem Kommentar zu Vize-Präsident Joe Biden zitiert: «Joe Biden, wer ist das? Sagten Sie ‹bite me› (Leck mich)?» Biden gilt seit seinem Amtsantritt als Gegner der Afghanistan-Strategie von McChrystal.

Auch für den amerikanischen Sondergesandten für Afghanistan Richard Holbrooke hat der General offenbar kaum Sympathien. «Schon wieder ein Mail von Holbrooke, ich mag das gar nicht öffnen», sagte McChrystal laut dem «Rolling Stone»-Reporter während des Gesprächs mit einem Blick auf sein Handy. Selbst zum Präsidenten habe der Militär eine unterkühlte Beziehung, schreibt das Magazin. Ein Besuch von Barack Obama in Afghanistan habe McChrystal «sehr enttäuscht», weil Obama sich überhaupt nicht für ihn und den Afghanistan-Einsatz interessiert habe.

Tiefer Graben in der Regierung

Der Autor des Porträts mit dem Titel «The Runaway General» hat McChrystal und seine engsten Berater nach Angaben des Magazins wochenlang begleitet. Nach Ansicht der Medien, die einen Vorabdruck sichten konnten, zeigt der Text einen tiefen Graben zwischen dem Nato-Befehlshaber und der amerikanischen Regierung auf – weil die amerikanische Spitze McChrystals Offensiv-Kurs mit Truppenaufstockung nicht stütze.

McChrystal, so interpretieren verschiedene amerikanische Medien das Porträt, glaube nicht länger an den Rückhalt für seine Mission. «Es ist sehr schmerzhaft. Ich verkaufe eine unverkäufliche Position», zitiert «Rolling Stone» den General. Es habe McChrystal und seine Leute verletzt, dass Obama erst nach Monaten der Prüfung letztes Jahr 30'000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan gesandt habe – und McChrystal für seine offensive Forderung nach eine Aufstockung auch noch gerügt habe, wie das Magazin berichtet.

«Entschuldige mich aufrichtig»

Der grösste Widerstand gegen zusätzliche Truppen soll damals von Vize-Präsident Biden ausgegangen sein. Auch dem Botschafter in Kabul Karl Eikenberry zürnt McChrystal wegen der umstrittenen Truppenaufstockung – vor dem Entscheid war ein vertrauliches E-Mail von Eikenberry auf ungeklärtem Wege an die Medien gelangt. Darin sprach sich Eikenberry gegen zusätzliche Truppen aus.

In der Nacht auf heute war ein Vorabdruck des Porträts durch die Medien gegangen. Bereits heute Dienstagmorgen veröffentlichte McChrystal eine Stellungnahme: «Ich entschuldige mich aufrichtig für dieses Porträt. Es ist geprägt von fehlerhaften Einschätzungen und hätte nie entstehen sollen», so McChrystal. «Ich hege grossen Respekt und Bewunderung für Präsident Obama und seine Sicherheitsberater sowie für die Truppen, die in diesem Krieg kämpfen.»

Britischer Gesandter geht

Gleichzeitig hat sich heute der britische Sondergesandte für Afghanistan Sherard Cowper-Coles für längere Zeit beurlauben lassen. Cowper-Coles werde erst im Herbst zurückkehren, sagte eine Sprecherin des britischen Aussenministeriums am Montag in London. Ob er auf seinem alten Posten bleiben wird, liess sie offen.

Nach Informationen der britischen Zeitung «The Guardian» lag der Sondergesandte seit Monaten im Streit mit Vertretern von Nato und USA. Cowper-Coles soll mehrfach geäussert haben, dass eine prioritär militärische Strategie gegen die Taliban scheitern werde. Stattdessen solle man vermehrt auf Diplomatie und Gespräche mit den Aufständischen setzen.

(oku)

Erstellt: 22.06.2010, 12:12 Uhr


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