Deutschland und Amerika in der Beziehungskrise

Trump könnte gelingen, was noch keiner seiner Vorgänger geschafft hat – Merkels Faszination für Amerika zu erschüttern.

Sehnsuchtsort einer DDR-Bürgerin: Merkel besucht US-Präsident Trump in Washington.

Sehnsuchtsort einer DDR-Bürgerin: Merkel besucht US-Präsident Trump in Washington. Bild: John MacDougall/AFP

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Amerikanischen Präsidenten und deutschen Kanzlern fehlte immer mal wieder die Zeit, sich erst einmal in Ruhe kennenzulernen. Die Probleme wollten oft nicht warten. Gerhard Schröder hatte kaum seine rot-grüne Regierung gebildet, da zog Deutschland schon an der Seite der USA unter Bill Clinton in den Kosovokrieg. Angela Merkel und Barack Obama begegneten sich zunächst distanziert, mussten sich gleichwohl vom ersten Tag an gemeinsam um eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise kümmern.

Merkel und Donald Trump haben bislang nur zweimal miteinander telefoniert. Trotzdem steht auch diese Beziehung bereits unter Hochspannung, ehe sich die Kanzlerin und der Präsident am Dienstag in Washington erstmals von Angesicht zu Angesicht begegnen. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied zu früher: Probleme machen diesmal nicht nur äussere Krisen wie in Syrien, der Ukraine, Terrorismus und Flüchtlinge – ein grosses Problem ist die deutsch-amerikanische Partnerschaft selbst, politisch wie persönlich.

Deutschlands Bedeutung in der Welt

Es hat schon mehrmals ordentlich gerumst: Trump kritisierte im Wahlkampf Merkels Flüchtlingspolitik als «geisteskrank». Die Kanzlerin wiederum diktierte ihm nach seinem Wahlsieg ausgerechnet einige jener demokratischen Werte als Voraussetzung für eine gedeihliche Partnerschaft, die amerikanische Besatzungstruppen die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erst gelehrt hatten. Trump macht kein Hehl aus seiner Abneigung gegen die Europäische Union. Merkel kritisierte öffentlich den Einreise-Stopp für Bürger aus mehreren islamischen Staaten. Vom Umgang mit Iran bis zu Handelsfragen gibt es weitere grosse Unterschiede.

Neu ist auch, dass die ganze Welt zuschaut. In den letzten Jahren sorgte sich die aussenpolitische Gemeinde oft um die Bedeutung Deutschlands in den transatlantischen Beziehungen. Bei aller Kritik an Washington wollte man doch auch nicht irrelevant erscheinen, schon gar nicht im Vergleich zu Grossbritannien oder Frankreich. Bis in die Amtszeit Obamas manifestierte sich dieser Komplex an der Frage, warum der US-Präsident anfangs so lange nicht nach Berlin kommen wollte.

Mittlerweile muss sich Angela Merkel eher darum bemühen, die eigene Bedeutung herunterzuspielen. Als «grotesk und absurd» bezeichnete sie Kommentare, die sie nach der Wahl Trumps zur Retterin westlicher Werte stilisierten. Immer wieder, zuletzt am Donnerstag im Bundestag, forderte sie europäische Antworten.

Sie empfinde noch immer «eine Faszination für Amerika», hat Merkel vor eineinhalb Jahren mal gesagt. Sie schätze «die optimistische Grundhaltung vieler Menschen dort», auch wenn sich manche politische Prozesse als «komplizierter» erwiesen hätten, als sie sich das früher vorgestellt habe.

Der neue US-Präsident erscheint bislang fast wie eine Karikatur von Merkels Amerika-Bild: Seine optimistische Grundhaltung schwingt mit der Wucht einer Abrissbirne durch die politische Landschaft. Und manche Prozesse dürften sich noch sehr viel komplizierter gestalten, gerade weil der Präsident 140 Twitter-Zeichen für ausreichend hält.

Sehnsuchtsort Vereingte Staaten von Amerika

Für Merkel, die DDR-Bürgerin, waren die USA einst ein Sehnsuchtsort, die Reise nach Amerika ein Traum, von dem sie glaubte, ihn erst mit der Ausreisegenehmigung einer Rentnerin erfüllen zu können. Paradoxerweise hat Merkel als junge Frau mit wenig konkretem Kontakt zu den USA eine emotionale Verbundenheit entwickelt, die bei Trump gegenüber Deutschland umgekehrt viel plausibler erscheinen würde: Seine Grosseltern kamen aus Kallstadt in der Pfalz. Doch aus seinen bisherigen Äusserungen ergibt sich ein eher kritisches Bild, in dem Deutschland vor allem als wirtschaftlicher Rivale der USA und als europäischer Hegemon erscheint.

Merkel ist bis heute eine treue Freundin der USA geblieben. Als Grundlage beschrieb sie selbst die – auch persönliche – Dankbarkeit für die Unterstützung der deutschen Einheit. Die Kritiklosigkeit gegenüber dem Irakkrieg hätte Merkel einst beinahe ihre politische Zukunft gekostet, ehe diese richtig begonnen hatte. Als Kanzlerin hatte Merkel Differenzen mit Bush Jr. über die Nato und Guantanamo, und mit Obama über Griechenland, Libyen, Syrien und Russland. Nichts davon konnte ihre Haltung erschüttern, die USA als wichtigsten Partner zu sehen.

Selbst die Abhöraktionen der NSA erregten die Kanzlerin kaum über ein absolut notwendiges Mindestmass hinaus. Lieber liess sie sich der Feigheit vor dem Freunde zeihen, als dass sie die transatlantische Partnerschaft mit forschen Forderungen in Zweifel gestellt hätte. Ihre Rede vor dem Kongress und die Auszeichnung mit der Medal of Freedom zählt sie selbst zu den Höhepunkten ihrer Kanzlerschaft.

Trump könnte gelingen, was noch keiner seiner Vorgänger geschafft hat: die Faszination der Kanzlerin für Amerika zu erschüttern. Und das will etwas heissen. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 12.03.2017, 18:01 Uhr

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