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Die Angst der CIA vor dem Buch eines Insiders

Wer darf die Geschichte des 11. September schreiben? Geht es nach der CIA, muss ein ehemaliger Antiterror-Agent zahlreiche Passagen aus seinen Memoiren streichen – obwohl darin nichts Neues steht.

Zensuriert von der CIA: Das Cover von Ali H. Soufans Buch, das im September erscheinen soll.

Zensuriert von der CIA: Das Cover von Ali H. Soufans Buch, das im September erscheinen soll. Bild: Bild: wwnorton.com

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Nach dem 11. September 2001 brauchten die US-Sicherheitskräfte genau solche Leute wie Ali H. Soufan. Der in Beirut geborene und arabischsprechende FBI-Agent spielte zwischen 1997 und 2005 eine zentrale Rolle in den meisten Antiterror-Untersuchungen der USA.

Jetzt aber hat Soufan ein Buch geschrieben, und damit macht er sich vor allem beim US-Geheimdienst CIA keine Freunde, wie die «New York Times» (NYT) schreibt. Das Buch soll demnächst veröffentlicht werden, doch die CIA fordert von Soufan die Streichung zahlreicher Passagen.

Nichts Neues sorgt für Stunk

Dabei offenbart der Ex-Agent in «The Black Banners: The Inside Story of 9/11 and the War Against al-Qaeda» nichts, was nicht bereits öffentlich diskutiert wurde – zum Beispiel im Bericht der nationalen Untersuchungskommission zu 9/11, in parlamentarischen Anhörungen oder sogar in den Memoiren des früheren CIA-Chefs George Tenet.

Die CIA, so der Hauptkritikpunkt, hätte die Anschläge verhindern können, hätte sie nicht Informationen vor der Bundespolizei FBI zurückgehalten. Ausserdem gibt das Buch detaillierte Einblicke in die harten Verhörmethoden der CIA. Diese seien unnötig und sogar kontraproduktiv gewesen, so der Vorwurf Soufans, der bei der Befragung des ersten wichtigen Verdächtigen Abu Zubaydah mitwirkte. Sein Verdacht: Es geht der CIA nicht darum, die nationale Sicherheit zu schützen, sondern sich selbst.

Schwer zu begründen

Die Zensur einiger Passagen sei mit Sicherheitsbedenken kaum zu begründen, schreibt die NYT und bezieht sich dabei auf Personen, die das Manuskript gelesen und Soufans Korrespondenz mit der CIA eingesehen haben sollen. Dabei handle es sich etwa um Aussagen, die Soufan 2009 in seiner Aussage vor dem US-Senat gemacht habe und die sowohl als Video als auch in Textform im Internet frei erhältlich seien.

Weiter soll die CIA die Personalpronomen «ich» und «mich» aus einem Kapitel gestrichen haben, in dem Soufan näher auf seine Rolle beim Verhör Abu Zubaydahs eingeht. Ebenfalls gestrichen wurde die Geschichte vom Passfoto des späteren 9/11-Attentäters Khaled al-Midhar, das der CIA im Januar 2000 zugestellt wurde – eine Episode, die sowohl im Bericht der 9/11-Kommission als auch in Tenets Memoiren erwähnt wird.

«Fehler anerkennen»

In einem Brief an die FBI-Führung behauptet Soufans Anwalt unter Berufung auf «glaubwürdige Quellen», die CIA wolle das Buch verhindern, weil es sich für sie als «peinlich» herausstellen werde. Die CIA selbst stellt sich auf den Standpunkt, man habe beim Redigieren des Manuskripts ausschliesslich darauf geachtet, ob die Informationen vertraulich seien. «Nur weil etwas in der Öffentlichkeit bekannt ist, ist es noch lange nicht per Gesetz freigegeben», zitiert die NYT eine CIA-Sprecherin.

Soufans Verlag hat entschieden, zum vorgesehenen Termin – dem 12. September – eine Fassung ohne die von der CIA bemängelten Passagen zu veröffentlichen. Soufan selbst zeigt sich in einer Stellungnahme zuversichtlich, vor Gericht Recht zu erhalten. «Es macht mich traurig, dass man sich weigert, frühere Fehler einzugestehen», schreibt er. Auch der Sicherheitsapparat müsse anerkennen, «wo wir Fehler gemacht und das amerikanische Volk im Stich gelassen haben».

(Erstellt: 26.08.2011, 16:17 Uhr)

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FBI-Agent: Ali H. Soufan 2001 in Afghanistan. (Bild: Quelle: FBI/historycommons.org)

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