Ausland

Die Banalität des Mordens

Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 04.12.2009

Tag für Tag protokolliert die Zeitung «El Universal» den mexikanischen Drogenkrieg: Nüchtern, kurz, fast beiläufig. Angesichts der schieren Menge an Verbrechen bleibt ihr gar nichts anderes übrig. Das Protokoll des täglichen Horrors.

1/21 Alltag im Drogenkrieg in Mexiko:
Soldaten am 23. März nach einem Anschlag in Ciudad Juárez, bei dem vier Menschen starben.
Bild: Reuters

   

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Der ewige Krieg

Schon wenige Tage, nachdem der mexikanische Präsident Felipe Calderón im Dezember 2006 sein Amt übernommen hatte, erklärte er den grossen Drogenkartellen des Landes den Krieg. Vor allem in den Grenzregionen zu den Vereinigten Staaten liess er die Armee aufmarschieren. Es gelang den Ordnungskräften, mehrere Drogenbosse zu verhaften und der amerikanischen Justiz auszuliefern, während die Menge der beschlagnahmten Drogen stark gestiegen ist.

16'000 Tote in 3 Jahren

Dasselbe gilt aber auch für die Zahl der Todesopfer. Seit dem Regierungsantritt des liberalkonservativen Calderón haben rund 16 000 Menschen ihr Leben verloren, allein im laufenden Jahr sind es fast 7 000. Unter den Ermordeten befinden sich Polizisten, Staatsanwälte, Ermittlungsbeamte und manchmal auch Journalisten. Die meisten Toten gehören jedoch selber zum organisierten Verbrechen. Sie sterben im Kampf um Territorien und Transportrouten, den sich die Drogensyndikate gegenseitig liefern.

Calderón hat die in- und ausländischen Medien wiederholt aufgefordert, Mexiko nicht nur als Schlachtfeld darzustellen. Damit hat er Recht: Normalbürger und Touristen sind von der Gewalt praktisch nicht betroffen. Doch der Dogenkrieg prägt das internationale Image des mittelamerikanischen Landes immer stärker, und die US-Behörden haben ihre Bürger mehrmals vor Reisen in die grenznahen mexikanischen Gebiete gewarnt.

Das Gemetzel verändert die Sprache

Das Gemetzel beeinflusst auch die Sprache der Zeitungen. Zum Beispiel verwenden sie das Wort «narco» zunehmend wie ein Präfix, um die Phänomene der Drogenwelt darzustellen: Narco-Feste, Narco-Zoos, Narco-Architektur, Narco-Transparente, Narco-Anwälte, Narco-Geliebte. Besonders eindrücklich zeigt die Berichterstattung der grossen nationalen Zeitung «El Universal», wie alltäglich die Gräueltaten mittlerweile geworden sind. Vorkommnisse, welche die Öffentlichkeit jedes europäischen Landes wochenlang in Schockstarre versetzen würden, reihen sich in «El Universal» zu Elementen einer immer länger werdenden Chronologie des Schreckens. Die Zeitung protokolliert nüchtern und unter Verwendung zahlreicher Passivkonstruktionen, die schiere Masse an Verbrechen droht deren Grausamkeit zu banalisieren. Am Anfang der täglich erscheinenden Artikel steht jeweils eine kleine Box mit zwei Zahlen. Die eine verweist auf die Toten des Vortages, die andere auf jene des laufenden Jahres.

Dienstag, 24. November. Tote gestern: 30. Total: 6738

«Die Behörden von Sinaloa haben fünf Hinrichtungen registriert und bestätigt, dass sich unter den entlang der Autobahn Culiacán – Mazatlán aufgefundenen Leichen der Schwiegervater des verstorbenen Drogenhändlers José Cruz Carrillo Fuentes und der Sohn eines ehemaligen Gewerkschafters aus Atlata befinden. Die Opfer, die bewaffnete Männer in Navolato, Sinaloa entführt hatten, wurden von den Behörden als Juan-Pablo Jacobo Valle, José Robles Plata, José Antonio García Lara, Abel Jaime Niebla und José Sainz Gastelúm identifiziert. Der 84-jährige Jacobo Valle war am vergangenen Freitag von schwarz gekleideten und vermummten Männern aus seinem Haus gezerrt worden.

Die Gewaltwelle, die über Sinaloa hereingebrochen ist, hat auch María del Rosario Pérez Carrazco und ihre Tochter María Becerra Pérez das Leben gekostet. Die Justizbehörden informierten, dass die beiden Frauen in ihrem Auto auf dem Boulevard Félix Castro in Culiacán unterwegs waren, als sie von einem Killerkommando erschossen wurden. Auf dem Parkplatz der Autonomen Universität von Sinaloa haben Unbekannte zwei junge Männer ermordet, deren Identität bisher noch nicht geklärt werden konnte. Chihuahua hat die Woche mit elf Hinrichtungen begonnen. In der Grenzstadt Ciudad Juárez hat ein Kommando drei Individuen erschossen, die vor einem Wohnhaus Bier tranken; zwei weitere starben in einem Geländewagen der Marke Cherokee, als sie die Avenida Valentín Fuentes befuhren. Im Spital erlagen vier Opfer ihren Schusswunden. In Camargo töteten bewaffnete und vermummte Männer den Besitzer einer Werkstatt. In Guerrero fand man eine männliche Leiche, die Folterspuren und 114 Stichwunden aufwies. Vier Männer mit Folterspuren am ganzen Körper wurden auf einer Baustelle im Osten von Acapulco gefunden. Sie waren mit Abfallsäcken umwickelt. Am Wochenende wurden im Bundesstaat Guerrero sechs Menschen ermordet, in Baja California fünf, in Durango zwei und in Jalisco einer.»

Donnerstag, 26. November. Tote gestern: 20. Tote insgesamt: 6776

«Der Polizeidirektor von Tlacotepec, Guerrero und sein Leibwächter wurden von Killern hingerichtet, als sie sich auf dem Weg in die Hauptstadt des Bundesstaats befanden. Ebenfalls erschossen wurden in Guerrero vier Männer und eine Neunzehnjährige, als Carmen Elizabeth Aguilar identifizierte Frau. In Mazatlán, Sinaloa, hat ein Kommando das Feuer auf sechs Personen eröffnet. Vier starben, darunter ein zwölfjähriges Kind. Zwei wurden verletzt. Die Opfer wurden überrascht, während sie sich vor einem Wohnhaus im Quartier Ricardo Flores Magón unterhielten. In Los Mochis wurde ein Mann erschossen, als er ein Fitnesscenter verliess. In Culiacán fand man in der Nähe der Residenz Primavera eine Leiche, und in Angostura drang eine bewaffnete Gruppe in das Haus von Mauricio Salazar Obeso ein, dem Bruder eines Verkehrspolizisten. Als er sich gegen die geplante Entführung zur Wehr setzte, wurde er vor den Augen seiner Familienangehörigen hingerichtet. Gestern ereigneten sich in Ciudad Juárez, Chihuahua, neun Morde. Im Stadtteil Infonavit Aeropuerto drangen Killer in ein Wohnhaus ein, wo sie die Brüder Alberto und Baltazar Almaraz erschossen sowie einen Jungen, der sich bei ihnen aufhielt. Im Stadtteil Felipe Ángeles wurden drei Männer erschossen, als sie in einem Auto unterwegs waren. Ein Mord ereignete sich im Quartier Luis Blanco, ein weiterer in Del Marqués, und in El Vergel wurden Knochenreste gefunden. Aufgrund der fortgeschrittenen Verwesung war es nicht möglich zu bestimmen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, weshalb man die Knochen ins Gerichtsmedizinische Institut brachte. An der Autobahn Durango-Parral fanden Polizisten zwei enthauptete Leichen. Die Opfer sind: Juan David Ramos Ruiz und Manuel Aragón Chávez.»

Freitag, 27 November: Tote gestern: 31. Tote insgesamt: 6807

«Der Krieg zwischen Drogenbanden forderte gestern in Chihuahua 23 Tote, acht in der Hauptstadt, darunter ein Kind, sowie 12 in Ciudad Juárez, zwei in Delicias und einen in Meoqui. In der Stadt Chihuahua wurden vier Männer und eine junge Frau in einer Autowaschanlage erschossen. Ein achtjähriger Junge, der am Ort eines Attentats vorbeigegangen und von mehreren Schüssen getroffen worden war, starb nach zweistündiger Agonie. Der Minderjährige wurde als Albero Ramos Monge identifiziert. Das eigentliche Ziel der Killer waren die Gebrüder Manuel und César Payán Galván. Der erste starb im Inneren eines Autos, der zweite rannte zu einer Mauer, an der er aufgrund seiner Schussverletzungen verblutete. Unter den Opfern in Chihuahua identifizierte die Polizei eines als Elsa Nohemí Román Pérez. Sie erlitt am ganzen Körper Verbrennungen dritten Grades, nachdem jemand einen Molotowcocktail in das Bordell geworfen hatte, in dem sie angeblich arbeitet. An der Strasse zwischen Delicias und Satevó fand man zwei Körper in fortgeschrittenem Verwesungszustand und mit Einschusslöchern im Schädel, beide an Händen und Füssen gefesselt. In Ahome, Sinaloa, stiess man in der Nähe der Strasse Los Mochis-San Blas auf die Leiche von Jorge Alberto Soto, den eine bewaffnete Gruppe tags zuvor entführt hatte. Ein als Constantino Fernández Saltos identifizierter Mann wurde in der Nähe des Flusses Balsas in der Gemeinde Pungarabato ermordet. Laut einem lokalen Polizeibericht ereignete sich in Petatlán ein weiteres Verbrechen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.12.2009, 15:46 Uhr


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