Die Ehre der Shirley Sherrod

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 23.07.2010 3 Kommentare

Der Fernsehsender Fox News diffamiert eine schwarze Bürgerrechtlerin mit einem manipulierten Video.


Am Schluss sahen alle Beteiligten ziemlich schlecht aus. Der namenlose Blogger und seine Gehilfen, die eine schwarze Regierungsangestellte aus Georgia als Rassistin hingestellt hatten. Der konservative Fernsehsender Fox News, der die Behauptung tagelang weiterverbreitete und von seinem gerne empörten Oberkommentator Bill O’Reilly skandalisieren liess. Der Direktor des amerikanischen Landwirtschaftsdepartementes Tom Vilsack, der seine Mitarbeiterin zur Kündigung zwang. Und die Bürgerrechtsbewegung NAACP, die diese Kündigung begrüsste.

Alle Beteiligten sehen schlecht aus – mit Ausnahme der Hauptbeteiligten. Shirley Sherrod wurde rehabilitiert, ihr Chef hat sich öffentlich entschuldigt und ihr eine neue Stelle angeboten.

Kolportage statt Recherche

Was nämlich unter Anführung konservativer Medien als Beleg für schwarzen Rassismus gegen Weisse angeführt wurde, erweist sich im Nachhinein als Diffamierungskampagne einer Unbescholtenen. Und es liest sich als Lehrstück des Skandalisierungsjournalismus im neuen Medienzeitalter: Wie gefährlich es sein kann, übers Internet verbreitete Behauptungen ohne Nachrecherche zu übernehmen.

Was war passiert? Im März hielt Shirley Sherrod, die im Südstaat Georgia als regionale Direktorin des Landwirtschaftsdepartements arbeitet, dort eine Rede vor Bürgerrechtsaktivisten. Und machte ein Geständnis. Als sie sich hier noch für arme schwarze Farmer engagiert habe, erzählte sie, sei sie einmal gebeten worden, auch einer weissen Bauernfamilie zu helfen. Und sie habe gezögert. Sherrods Vater war 1965 von Weissen umgebracht worden, die trotz mehreren Zeugen nie gefasst wurden. Seine Tocher engagierte sich in der Folge für die schwarze Gleichberechtigung.

Ins Gegenteil verkehrt

Ein unbekannter Blogger aus Georgia schickte ein Video mit Sherrods Auftritt einer bekannten rechtskonservativen Webseite. Von dieser wurde es am Montag erst von Fox News und dann von anderen Medien übernommen und ausgestrahlt. Niemand hielt es offenbar für nötig, die Beschuldigte um eine Reaktion anzugehen. Denn wie die vollständige Aufzeichnung der 40-minütigen Rede beweist, hat Sherrod der weissen Familie damals sehr wohl geholfen. «Hätten wir sie nicht gehabt», sagt der heute 82-jährige Farmer Roger Spooner der «New York Times», «hätten wir alles verloren.»

Das Zögern, von dem Shirley Sherrod gesprochen hatte, war also keine Weigerung, sondern Selbstkritik. Die tendenziös gekürzte und ins Netz gestellte Version machte daraus ein Beispiel für schwarzen Rassissmus, der eine unbescholtene Frau, wenigstens vorübergehend, ihrer Ehre und ihrer Stelle beraubte.

Eine «gute Frau, die durch die Hölle ging»

Bill O’Reilly von Fox News entschuldige sich am Mittwoch bei Shirley Sherrod dafür, seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Landwirtschaftsminister Tom Vilsack nannte sie eine «gute Frau, die durch die Hölle ging» und gab zu, er hätte es besser machen können und sollen. Auch die Bürgerrechtsorganisation NAACP nahm ihr vorschnelles Urteil zurück. Ob sie die neue Stelle im Landwirtschaftsdepartement annehmen werde, wurde Shirley Sherrod gefragt. Sie werde sich das überlegen, sagte sie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2010, 20:10 Uhr

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3 Kommentare

Sam Pirelli

23.07.2010, 11:47 Uhr
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Herr Schibli, wie kommen Sie darauf, dass Glenn Beck die Falschmeldung auffliegen hat lassen? Ich habe mich nun länglich durch US-Newssendungen und -Zeitungen gequält und nicht einen einzigen Beleg dafür gefunden. Dass Sie ausgerechnet den notorischen Lügner Beck als Anwalt für faktischen Journalismus nennen, dünkt mich sehr verwunderlich. Wirkt die Fox-Gehirnwäsche bis in die Schweiz? Antworten


Heinrich Schibli

23.07.2010, 05:56 Uhr
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Wieder einmal wird ein Fall aus den USA verkehrt wiedergegeben, war es doch Glenn Beck von Fox News, der dem Fall eine für Shirley Sherrod positive Wendung gab, indem er in seiner Sendung die voreilige Kündigung anprangerte und weitere Aufklärung vor einer solchen verlangte. Dies gab dem Fall die entscheidende Wende. Vilsack und die Regierung Obama sehen dabei schlecht aus durch das voreilige Tun. Antworten



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