«Die Hilfe der USA ist eine Meisterleistung»
Interview: Marc Brupbacher. Aktualisiert am 20.01.2010 27 Kommentare
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Zur Person
Der Schweizer Urs Bernhard ist Programmleiter Lateinamerika bei World Vision Schweiz. Zur Zeit des Erdbebens befand er sich auf Projekbesuch in der Dominikanischen Republik. Er hat sich als Nothelfer und deutschsprachige Auskunftsperson nach Port-Au-Prince begeben.
World Vision engagiert sich in Haiti seit mehr als 30 Jahren für die Armen. Hauptbereiche der Entwicklungszusammenarbeit sind Gesundheit, Bildung, Einkommen schaffende Massnahmen und spezielle Programme zur Ernährungssicherung, zur nachhaltigen Landwirtschaft und zur Bekämpfung von HIV und Aids.
USA schicken weitere 2000 Soldaten
Drei Schiffe voller Soldaten, die Richtung Afrika in See gestochen waren, seien nach Haiti umgeleitet worden, teilt die US-Marine mit. Die Schiffe sollten auf dem Weg in den Karibikstaat weitere Soldaten an Bord nehmen, so dass letztlich 2000 Marineinfanteristen und 2000 Seeleute nach Haiti fahren würden. Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums befinden sich derzeit bereits 11'500 US-Militärbedienstete in Haiti oder auf Schiffen vor der Küste des Karibikstaats. Ihre Zahl solle bis Ende der Woche auf 16'000 steigen.
Die Erde kommt in Haiti nicht zur Ruhe. (Quelle: Reuters)
Herr Bernhard, sie befinden sich seit dem Beginn der Katastrophe in Haiti. Hat sich die Lage stabilisiert, kommt die Hilfe bei den Menschen an?
Die Lage verbessert sich tatsächlich. Dennoch gibt es viele Hürden, gerade logistischer Natur. Die Sicherheitssituation ist aber stabil – mit wenigen Ausnahmen. Die Verteilung der Hilfsgüter wird von der Polizei oder dem Militär begleitet. Wir arbeiten mit den noch vorhandenen Behörden zusammen.
Wo gibt es noch Brennpunkte?
Die über die Stadt verteilten Camps müssen mittelfristig in funktionsfähige Lager umgewandelt werden. Ebenfalls darf man die Randgebiete rund um Port-au-Prince, die auch enormen Schaden genommen haben, nicht aus den Augen verlieren.
Ein weiteres grosses Problem sind die vielen herumirrenden Kinder, die ihre Angehörigen suchen. Wir bringen diese Kinder in Lager, in denen wir Betreuungszentren eingerichtet haben. Dort werden sie medizinisch versorgt, erhalten etwas zu essen und können spielen. Wir helfen ihnen auch bei der Suche nach ihren Angehörigen.
In Medienberichten ist viel von Plünderungen, Lynchjustiz und Kinderhändlern die Rede. Was ist an diesen apokalyptischen Meldungen dran?
Das kann ich so nicht bestätigen. Es mag einzelne kritische Situationen geben. Bei der Verteilung von Lebensmitteln besteht immer wieder die Gefahr, dass einzelne Personen aus Frust, Hunger und Durst darum kämpfen, etwas schneller zu erhalten. Je schneller wir die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigen, desto weniger kommt es zu solchen Szenen.
Was weiss man über die Häftlinge und Bandenbosse, die entkommen sind?
Es gibt vereinzelte Berichte von Banden, die sich in ihren alten Revieren eingenistet hätten und Überfälle ausüben würden. Die Situation ist aus meiner Sicht aber unter Kontrolle.
Die USA koordinieren die Hilfe in Haiti mit autoritärem Führungsstil. Wie wird in Port-Au-Prince die Dominanz der Amerikaner aufgenommen?
Die USA machen – was den Betrieb des Flughafens betrifft – einen hervorragenden Job. Es ist eine Meisterleistung. Soweit ich gehört habe, verhalten sich die Amerikaner in der Stadt zurückhaltend und zuvorkommend. Sie überlassen den Uno-Blauhelmen den Vortritt, die in den Strassen stärker präsent sind. Die Haitianer sind sich eine internationale Präsenz durch die Friedenstruppen gewohnt. In einer solchen Situation, wird jede Hilfe willkommen geheissen.
Was war Ihre bisher extremste Erfahrung in Haiti?
Für mich ist unvorstellbar, wie die Menschen mit dem Erlebten umgehen können. Auch ihr Wille, weiterzumachen, berührt mich. Eindrücklich ist natürlich auch die internationale Präsenz, verschiedenste Nationen verfolgen ein gemeinsames Ziel – das macht Hoffnung.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.01.2010, 22:13 Uhr
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