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Die Hoffnung der Gemässigten

Nach dem guten Abschneiden von Marco Rubio in Iowa atmet das republikanische Establishment auf. Nun soll der Senator aus Florida seine radikaleren Konkurrenten ausbremsen.

Marco Rubio hat in den Vorwahlen besser abgeschnitten, als von den Umfragen vorhergesagt. Foto: Pete Marovich (Getty Images, AFP)

Marco Rubio hat in den Vorwahlen besser abgeschnitten, als von den Umfragen vorhergesagt. Foto: Pete Marovich (Getty Images, AFP)

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Er sagt Dinge, die man noch nie von ihm gehört hat. «Ich bin geehrt, Zweiter geworden zu sein», erklärt Donald Trump, der das Gewinnen sonst zu einer Art Religion erhebt, nun aber nicht gewonnen hat. In selten gedämpftem Ton dankt er den Wählern, lobt seine Rivalen und klingt am Ende sogar, als wolle er sich zur Ruhe setzen. «Iowa, wir lieben Euch. Vielleicht komme ich sogar zurück und kaufe mir einen Bauernhof.»

Draussen kursieren da schon hämische Kurznachrichten bei Twitter, etwa diese: «Niemand erinnert sich je an den Zweiten.» Sie stammt von Trump selbst, versendet 2013, und natürlich taucht sie jetzt wieder auf, da er selbst Zweiter ist.

Trump beherrscht den republikanischen Wettbewerb um die Nominierung für das Weisse Haus seit einem halben Jahr, jetzt aber zeichnet sich eine neue Konstellation ab. In der republikanischen Partei streiten künftig drei Männer um die Nominierung. Erstens: der Populist Trump, der bei der Vorwahl in New Hampshire am kommenden Dienstag ­gewinnen dürfte. Zweitens: der rechte Ideologe Ted Cruz, ein Held der Tea Party, der in Iowa gewonnen hat und sich in den Südstaaten weitere Erfolge ausrechnet. Drittens: ein Gemässigter, der das «Establishment» vertritt, die politisch gemässigte Elite aus Washingtoner Strippenziehern und Grossspendern.

Das Establishment lebt noch

Dieser Dritte, auch das verrät das Wahlergebnis von Iowa, dürfte Marco Rubio sein, 44 Jahre alt, US-Senator aus Florida. Rubio hat nicht nur viel besser ­abgeschnitten als von den Umfragen vorhergesagt, er hätte Trump sogar fast auf den dritten Platz verwiesen.

Am Montagabend ist er der erste Kandidat, der vor seine Anhänger tritt, früh genug, dass ihn das Fernsehpublikum an der Ostküste noch sieht, bevor es ins Bett geht. Rubio spielt den Aussenseiter, der es allen gezeigt hat. «Es hiess, wir hätten keine Chance, weil mein Haar nicht grau genug war und die Absätze meiner Stiefel zu hoch», sagt er. Dann wiederholt er seine übliche Wahlkampfrede. Viele Amerikaner dürften sie freilich zum ersten Mal gehört haben, weil Rubio erst jetzt breitere Aufmerksamkeit erregt.

Rubios Erfolg beweist zunächst eines: Das «Establishment» lebt noch. Das Establishment, das sind die republikanischen Wortführer im Kongress, die Trump abfällig «Politiker» nennt, oder, wie Cruz es immer angewidert bezeichnet, «Washington», der Hauptstadtfilz der parlamentarischen Ausschussvorsitzenden, der Geldgeber und Lobbyisten.

Im ganzen Land herrscht grösster Argwohn gegen diese Elite, die nach allgemeiner Wahrnehmung selbstgefällig, korrupt und inkompetent ist. Auch bei den Demokraten herrscht dieser Argwohn, dort gilt er Hillary Clinton. In jüngster Zeit liess diese etablierte Macht durchblicken, wie frustriert sie über den Aufstieg von Trump und Cruz war, zeitweise schien sie sich damit sogar schon resigniert abzufinden.

Ein Kind der Tea Party

Rubio wird oft den «gemässigten» ­Re­publikanern zugerechnet, also den ­Kandidaten Jeb Bush, Chris Christie, John Kasich. Das klingt zunächst über­raschend, denn Rubios Aufstieg ist eng verknüpft mit der rechtspopulistischen Tea Party, die ihn 2010 in den US-Senat befördert hat.

Rubio steht weit rechts – er lehnt Klimaschutz und Homo-Ehe ab, würde Obamas Gesundheitsreform zurücknehmen und die Steuern senken. Aussenpolitisch neigt er zum Interventionismus. Er würde die Annäherung an den Iran und Kuba rückgängig machen. Er befürwortet den Überwachungsstaat, der unter Präsident George W. Bush ­geschaffen wurde, und deutet an, dass Terrorverdächtige im US-Militärlager Guantánamo gefoltert werden sollen.

Aber Rubio hat auch bewiesen, dass er pragmatisch sein kann und politisch wendig. Im Kongress tritt er weniger ­destruktiv und egozentrisch auf als sein Senatskollege Cruz. Im Jahr 2013 verfasste er mit mehreren Demokraten im Senat einen Reformentwurf, der illegalen Einwanderern einen Weg zur Staatsbürgerschaft wies.

Rubio, dessen Familie aus Kuba stammt, wollte damit einen Teil der ­Latino-Wähler für seine Partei zurück­gewinnen. Die republikanische Basis war dann zwar so entrüstet über den Vorstoss, dass sich Rubio wieder davon distanzierte, doch immerhin hat er ­gezeigt, dass er das Problem erkannt hat und bereit ist, mit politischen Gegnern zu kooperieren.

Rubio also könnte gerade deswegen der Konsenskandidat der Republikaner werden, weil er aus dem rechten Flügel stammt. In seiner Rede am Montag ­kündigte Rubio bereits an, er werde ­ die Partei wieder zusammenführen und in der Hauptwahl Hillary Clinton schlagen.

Allerdings muss er dafür noch etliche Hindernisse überwinden, und zunächst einmal heissen diese nicht Trump oder Clinton, sondern Bush, Christie und ­Kasich. Die drei Moderaten haben noch die Möglichkeit, bei der Vorwahl in New Hampshire an zweiter Stelle hinter Trump abzuschneiden. Im Gegensatz zu Rubio können sie Regierungserfahrung vorweisen: Bush war Gouverneur, Christie und Kasich sind es noch.

Sollte Rubio sie aber auch in New Hampshire hinter sich lassen, wird der Druck auf seine Rivalen steigen, auf­zugeben und ihn zum einzigen Kandidaten der Moderaten auszurufen.

Geballte Verachtung

Diese Konsolidierung hätte für Rubio nicht nur den Vorteil, dass er fortan die Stimmen aller Gemässigten bekommen würde, er würde auch das Geld der ­moderaten Spender anziehen, das bisher vor allem an Bush geflossen ist.

Wer auch immer sich unter den ­Moderaten durchsetzt, muss allerdings mit einem Nachteil leben. Er wird die kumulierten Angriffe von Trump und Cruz auf sich ziehen, die geballte Verachtung für das «Establishment» zu spüren bekommen. Eine Ahnung davon gab Cruz nach seinem Sieg am Montag: «Was auch immer Washington sagt, es kann das Volk nicht unterdrücken.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.02.2016, 21:02 Uhr)

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