Ausland

Die Malerin der 5200 toten Soldaten

Aktualisiert am 28.01.2010

Emily Prince porträtiert seit dem November 2004 amerikanische Soldatinnen und Soldaten, die in den Kriegen im Irak und in Afghanistan starben. Immer weiter.

1/7 The Saatchi Gallery / Emily Prince
5200 und kein Ende in Sicht

   

Die Ausstellung in der Saatchi-Galerie in London berührt auf seltsam distanzierte Weise. Zahllose Porträts, grob gezeichnet mit Bleistift auf gelben und beigefarbenen Blättern, hängen übereinander an den Wänden – im Wechsel mit helleren Blättern, auf die nur ein leeres Rechteck gezeichnet ist. Von diesen Todesopfern hatte Emily Prince aus San Francisco, 28, kein Foto zur Verfügung. Und so steht nur ein Name auf dem Blatt, der Heimatort, das Alter und der Tag, an dem der Mensch starb.

Mit solchen dürren Daten hat es angefangen. «Die Zahlen kamen immer weiter in den täglichen Berichten», schreibt Prince auf ihrer Webseite, «fünf hier, vierzehn da, Tag um Tag.» Und weil all die Zahlen die Leere nur vergrösserten, begann die Kunststudentin damit, Porträts der Soldatinnen und Soldaten zu zeichnen. «Es bedeutet, mit jedem von ihnen Zeit zu verbringen», so die junge Künstlerin, «es bedeutet, ihnen in die Augen zu schauen, um zu sehen, wer gegangen ist.»

Ausstellung auf der Biennale 2007

Die Sammlung von Porträts, die mittlerweile mehr als 5200 Gesichter umfasst, hat Prince weltweite Anerkennung verschafft. Sie zeichnet, wie sie einmal sagte, mit dem «dünnsten und härtesten Bleistift, den ich finden kann», um die Eigenheiten jedes einzelnen Gesichts herauszuarbeiten. Im Juni 2007 durfte sie ihre Porträts auf der Biennale in Venedig installieren. Und so hängte sie die Bilder an eine lange Wand – in Form der Landkarte der Vereinigten Staaten von Amerika.

Derzeit sind die Porträts in der renommierten Saatchi-Galerie in London zu sehen, wo viele Besucher fasziniert die Masse der Gesichter und leeren Flecken betrachten, die diesmal aber kreuz und quer an den Wänden angebracht sind. Eine Gedenkstätte aus Leerblättern und aus Mienen, die zuweilen skizzenhaft und manchmal sogar unfertig wirken.

Politische Botschaft exklusive

Wahrhaftig keine virtuose Zeichenkunst, sondern mittlerweile ein Versuch, mit dem alltäglichen Bodycount mitzuhalten und ihn zu individualiseren. Zwar sagte Prince laut einem Beitrag auf der Webseite des «Spiegels», sie sei von Anfang an gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan gewesen – doch eine politische Botschaft trage ihr gezeichneter Totenticker nicht. Den Betrachtern eine Meinung aufzudrängen, hiesse schliesslich auch, die Verstorbenen dafür zu benutzen. Das Werk aber, so Prince, «soll niemanden entfremden».

So ist von patriotischem Getue nichts zu spüren, wie schon der Titel der Sammlung sagt: «The American Servicemen & Women who have died in Irak and Afghanistan (but not including the wounded, nor the Iraqis, nor the Afghane)». Dafür, dass die Todesopfer unter Irakis und Afghanen nicht zu sehen sind, entschuldigt Prince sich auf ihrer Webseite. Und verweist für den Fall des Irak-Kriegs auf die Seite www.iraqbodycount.org.

Solange wie die Kriege dauern

Vielleicht ist es gerade die Spannung zwischen dieser Distanzierung und dem verzweifelten Versuch des Mitgefühls mit Tausenden, der die Besucher der Galerie in London in den Bann der Bilder zieht. Solange in Irak und Afghanistan Menschen sterben, will Prince mit ihrer mühseligen Arbeit in jedem Fall fortfahren – «fast in real time», wie sie einmal sagte.

Die öffentliche Anerkennung für ihren künstlerischen Dauerlauf scheint die junge Künstlerin dabei nicht allzu sehr zu beeindrucken – mehr schon die Veränderung, die sie als Handwerkerin an sich selbst erfahren hat. Anfangs waren die Porträts noch rau und mit wenigen Strichen hart gezeichnet, doch mittlerweile sind sie detaillierter und weicher. «Ich habe im Laufe der Jahre das Zeichnen gelernt», sagte Prince laut dem «Spiegel» in entwaffnender Bescheidenheit.

(raa)

Erstellt: 28.01.2010, 21:59 Uhr


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