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Die Mauer steht doch längst

Die Mexikaner fragen sich, was Donald Trump eigentlich noch bauen will. Und dort, wo keine Mauer ist, wird wohl auch nie eine sein.

Stahlstreben, die sich mit dem Sand bewegen: Das ist die «Mauer», die in Tijuana Mexiko von Südkalifornien trennt. Foto: Moscia, Archivolatino, Laif

Stahlstreben, die sich mit dem Sand bewegen: Das ist die «Mauer», die in Tijuana Mexiko von Südkalifornien trennt. Foto: Moscia, Archivolatino, Laif

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Ganz oben links, in der nordwestlichsten Ecke von Mexiko, steht ein öffentliches Toilettenhäuschen. Auf einer kleinen Bank neben der Eingangstür sitzt die Klofrau Berta. Sie nimmt 5 Pesos Eintritt, 0,23 Euro. Wer nicht so viel hat, den lässt sie auch so rein. Berta Bazán ist 55, sie kam vor 20 Jahren mit ihrer Familie aus Acapulco in die Grenzstadt Tijuana. Wegen besserer Jobchancen. Seither hütet sie das letzte Klo von Mexiko.

Sie würde nicht sagen, dass ihr die Arbeit Spass macht, aber im Grossen und Ganzen war sie immer zufrieden. Kundschaft gibt es am belebten Strand von Tijuana genügend: Fischer, Surfer, Familien mit Picknickkörben, Zaungäste, Sehnsüchtige. Abends ist Bazáns Büchse jedenfalls randvoll mit 5-Peso-Stücken. Die Toilette liegt auf einer Anhöhe. Man kann von hier aus bis hinüber nach San Diego schauen.

Dort drüben, in den USA, regiert jetzt ein Präsident, der das dringende Bedürfnis hat, eine Mauer zu errichten. Gross, schön und lückenlos solle sie sein, hat Donald Trump gesagt. Im Wahlkampf gerieten seine Anhänger in Ekstase, wenn er davon sprach. «Build! The! Wall!», skandierten sie. Es hörte sich an wie ein Schlachtruf beim American Football. In den Ohren vieler Mexikaner klang es nach Kriegsgeheul.

Berta Bazán aber lacht, wenn man sie auf das grösste Bauprojekt der Neuzeit anspricht. Sie fragt sich, was genau Trump eigentlich noch bauen will. Soll die Barriere dicker werden? Oder höher? Werden die Metallstreben durch Betonplatten ersetzt? Kommt ein Stacheldraht oben drauf? Oder ein Elektrozaun? Seit zwei Jahrzehnten blickt sie jeden Tag auf eine Grenze, die keine zehn Meter hinter ihrem Arbeitsplatz verläuft. «Die Mauer gibt es doch schon!» Besonders schön ist sie nicht, da muss man Trump recht geben. Für den ersten Abschnitt am Strand zwischen Tijuana und San Diego wurden Eisenbahnschienen verwendet und hochkant in den Sand gerammt. In der salzhaltigen Meeresluft oxidieren sie vor sich hin.

Lücken im Zaun

Jenseits dieser Grenze ist militärisches Sperrgebiet. Die Amerikaner haben schon vor Jahren einen zweiten Zaun errichtet, der parallel zum Rostwurm verläuft. Der Streifen dazwischen ist mit Bewegungsmeldern, Wärmekameras und Flutlichtern ausgerüstet. Alle paar Hundert Meter parkt ein Geländewagen der US Border Patrol. Auf mexikanischer Seite joggen die Frühsportler bis zur Grenze, klatschen am Zaun ab, drehen um. Morgens fühlt er sich kalt an. Im Lauf des Tages heizt er sich auf, abends verbrennt man sich fast die Finger.

Weil der Sand sich bewegt, bewegen sich auch die Schienen. An einigen Stellen sind die Lücken so gross, dass mexikanische Kinder durchpassen. Manche erlauben sich einen Spass, treten einen Schritt hindurch und rufen: «Papa, ich bin in den Estados Unidos!» Der Papa macht ein Foto, dann schlüpft der Kleine wieder zurück nach Mexiko. Alle wissen, dass die Border Patrol zuschaut.

Wer glaubt, Europa sei der Kontinent der Flüchtlingsströme, der war noch nie in Mittelamerika.

Diesseits der Grenze hat die Klofrau Berta Bazán alles im Blick, was sich hier abspielt. Dutzende hat sie bei dem Versuch beobachtet, um das Ende des Zauns herum zu schwimmen. «Ich habe jedem ein Gebet hinterhergeschickt, aber in den wenigsten Fällen hat es geholfen.» Manche hat die Strömung hinaus auf den Ozean gezogen, manche sind in den Strudeln ertrunken, die sich am letzten Pfeiler bilden. Und auf die, die den anderen Strand erreichen, warten meistens schon die Handschellen.

Der offizielle Grenzübergang zwischen Tijuana und San Diego zählt zu den belebtesten der Welt. Zehntausende fahren hier jeden Tag legal hin und her. Waren im Wert von Millionen Dollar werden ausgetauscht. Auch deshalb gehören Baja California, Mexiko, und Kalifornien, USA, zu den wohlhabendsten Regionen ihrer Staaten. Manche sprechen von einer dritten Nation, der Nation der Grenzgänger. Die Idee, diese ­Nation zu trennen, stammt nicht von Trump. Er ist bloss der Erste, den man für verrückt genug halten muss, das bis zum bitteren Ende durchzuziehen.

Die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko ist 3185 Kilometer lang. Auf etwa einem Drittel der Strecke gibt es bereits eine physische Barriere, ob man sie nun Zaun oder Mauer nennt. Der älteste Teil, zwischen Tijuana und San Diego, entstand Mitte der Neunziger während der Amtszeit von Bill Clinton. George W. Bush liess sie um gut 1000 Kilometer verlängern. Auch in der Ära des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama entstanden neue Zäune. Was Trump als seine «grosse, wunderschöne Mauer» anpreist, wäre lediglich ein Lückenfüller.

Wenn man an dieser Grenze entlangreist, von West nach Ost, dann kann man einen erstaunlichen Stilmix aus Zäunen, Mauern und Barrikaden besichtigen. Wellblech, Maschendraht, Stahlstreben, Metallplatten, Fahrzeugsperren – lauter Variationen des Versuchs, illegale Migration und Drogenhandel zu unterbinden. Mehrere Vorgänger Trumps, Republikaner wie Demokraten, sind an diesem Plan gescheitert. Das hat nicht nur Milliarden US-Dollar gekostet, sondern auch unzählige Menschenleben. Gebracht hat es nichts. Das Drogengeschäft läuft besser denn je. Und wer glaubt, Europa sei der Kontinent der Flüchtlingsströme, der war wohl noch nie in Mittelamerika.

Die Zahl der Mexikaner, die versuchen, ohne Papiere in die USA zu gelangen, mag rückläufig sein. Dafür kommen immer mehr Haitianer, Kubaner, Honduraner, Guatemalteken und Salvadorianer. Fast 409'000 Menschen haben die US-Behörden 2016 beim Versuch aufgegriffen, illegal ins Land einzureisen, 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Mauer markiert nicht nur die Grenze zwischen den USA und Mexiko, sondern zwischen Nord- und Lateinamerika. Wenn sie für Trump einen Nutzen haben kann, dann wohl nicht als unüberwindbares Bollwerk, sondern als fernsehtaugliches Symbol: hier die Zivilisierten, dort die Barbaren.

Man verlässt Tijuana in östlicher Richtung auf der Carretera Federal 2. Die Strasse führt über 1300 Kilometer durch die Wüsten von Sonora und Chihuahua bis nach Ciudad Juárez, der Nachbarstadt von El Paso, Texas. Es ist ein Roadtrip mit Mauerblick. Kurz hinter der Kleinstadt Tecate ist der Zaun zum ersten Mal unterbrochen. Die sonst wie mit dem Lineal gezogene Bundesstrasse kringelt sich in engen Serpentinen um bizarre Felsformationen. Dazwischen liegen die Schluchten und Canyons, die in Mexiko La Rumorosa heissen. Wenn Trump hier eine Lücke füllen will, dann viel Spass. Der Abschnitt hat sich bei vorangegangenen Versuchen als «unfencable» erwiesen, als «unbezaunbar».

Unten in der weiten Ebene liegt Mexicali, die Hauptstadt von Baja California und die Hochburg der Polleros. So nennt man die Menschenschmuggler. Pollero bedeutet Hühnerzüchter. Ihre Kunden, die von einem besseren Leben in den USA träumen, das sind die Pollos, die Hühnchen. In diesem Geschäft wird gar nicht erst der Anschein erweckt, dass es human zugeht. Die Hühnchen müssen zahlen und hoffen, dass sie noch leben, wenn sie drüben ankommen.

Einen Pollero findet man in Mexicali problemlos. Es genügt, sich in einem Etablissement namens La Casona umzuhören, eine spärlich bekleidete Bedienung diktiert einem auf Anfrage ein paar Nummern ins Telefon. Unter der ersten meldet sich ein Mann namens Samuel. Was er berechnen würde, um eine Freundin heimlich über die Grenze zu bringen? «10'000 inklusive Transfer nach Los Angeles.» 10'000 Pesos? «Dollar natürlich.» Warum so viel? «Frauen kosten extra. Machen zu viel Stress.»

Die nächste Nummer. Diesmal geht ein gewisser Juan de Dios ran, der sympathischer klingt. Er sagt, er habe den Job als Pollero aufgegeben, könne aber gern von seiner Berufserfahrung berichten. Juan de Dios (46) hat einen Schnauzbart wie die Daltons. Er trägt einen Ring mit einem Kruzifix und eine Armee­jacke. «Es gibt drei Wege nach drüben: durch die Wüste, über den Zaun oder den offiziellen Grenzübergang.» Den Weg durch die Wüste kann er nicht empfehlen. «Tagsüber töten dich die Sonnenstrahlen, nachts die Klapperschlagen.» Der Grenzübergang ist die sicherste und teuerste Variante. Die Kunden bekommen ein gefälschtes Visum und fahren einfach rüber nach Calexico.

Rucksack voller Drogen

Juan de Dios ist mit dem Grenzzaun reich geworden, hat aber längst wieder alles verprasst. Er behauptet, er habe in seinen knapp zehn Jahren als Menschenschleuser an die tausend Migranten ­illegal in die USA gebracht. 2500 bis 8000 Dollar berechnete er für seine Dienste. Wer das nicht bezahlen konnte, dem machte er manchmal einen Discountpreis. Als Gegenleistung mussten die Hühnchen dann noch einen Rucksack voller Drogen mitnehmen.

Inzwischen arbeitet er für eine Organisation, die sich für Flüchtlinge engagiert. Seinen alten Job erledigen jetzt andere. «Die Vorstellung, dieses Geschäft mit einer höheren Mauer zu stoppen, ist lächerlich», sagt er. Dadurch würden allenfalls die Preise steigen. Rüber wollen immer welche. Und wo genügend Pollos sind, finden die Polleros auch einen Weg. «Zur Not bauen sie Katapulte, graben Tunnel, oder sie marschieren eben doch durch die Wüste.»

Eine Autostunde östlich von Mexicali führt eine grosse Zollbrücke über das komplett ausgetrocknete Flussbett des Rio Colorado. Dahinter beginnt der Bundesstaat Sonora. Und die gleichnamige Sandwüste. Wer hier weiterfährt, sollte an jeder Tankstelle volltanken. Mitunter dauert es 150 Kilometer bis zur nächsten Gelegenheit. Unter Präsident Bush kam mal die Idee auf, die Gegend durch einen «Floating Fence» zu sichern. Einen flexiblen Zaun, der sich mit den Sand­dünen bewegt. Rund 10 Kilometer wurden gebaut – für 42 Millionen Dollar. Der Wüstenabschnitt ist knapp 1000 Kilometer lang. Wer das alles bezahlen soll, falls hier eine zehn Meter hohe Betonwand errichtet wird? Die Mexikaner, behauptet Trump. Wahrscheinlicher ist, dass mexikanische Konzerne daran verdienen würden. Nordamerikas grösster Zementlieferant Cemex mit Hauptsitz im mexikanischen Monterrey hat zu beiden Seiten der Grenze keinen ernsthaften Konkurrenten. Die Aktien der Firma sind seit der US-Wahl um 30 Prozent gestiegen.

Bislang stand in der Sonora-Wüste nur rostiges Wellblech. Und kurz vor dem Nationalpark El Pincate gibt es eine breite Lücke. Man kann hier ungestört US-amerikanischen Sandboden betreten. Laut Google Maps sind es zu Fuss 10 Stunden und 40 Minuten bis zur nächsten Stadt: Yuma, Arizona. Nach den Erfahrungen von Juan de Dios ist eine Marschzeit von drei bis vier Tagen realistisch. Man kann nur nachts gehen, am besten mit Knoblauch an den Beinen, wegen der Giftschlangen. Tagsüber heizt sich die Luft auf 50 Grad auf, der Boden auf bis zu 65 Grad. Wer hinfällt, wird gegrillt. Rund 8000 Migranten sind in den vergangenen 20 Jahren in dieser Wüste gestorben. Verdurstet, vertrocknet. Juan de Dios hat mal einen gesehen, der sich an einen Kaktus klammerte und sich die Dornen in den ­Körper trieb. Um sein Leiden zu be­enden. Er sagt: «Das hier ist die billigste und effektivste Mauer, die es gibt: die Wildnis.»

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 07.03.2017, 21:33 Uhr

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