Die Pussy-Revolte

Der Frauenmarsch gegen Präsident Donald Trump dürfte als die grösste Protestaktion der USA in die Geschichte eingehen.

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Es waren zwei Kopfbedeckungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, die am Wochenende auf der National Mall in Washington zu sehen waren. Am Freitag, zur Vereidigung des 45. Präsidenten der USA, waren es die roten Baseball-Kappen, darauf in weiss festgehalten das Versprechen Donald Trumps: «Make America great again». Einen Tag später die pinken «Pussyhats», die Wollmützen des Frauenmarsches.

Sie sind ein Symbol des Widerstands gegen einen Präsidenten, der sich damit brüstete, Frauen an den Genitalien anfassen zu können, wann immer es ihm beliebe. «Grab’em by the pussy», dieser Satz hat sich im kollektiven Gedächtnis eingebrannt, als Verkörperung der Diskriminierung, der sich Frauen auch in der US-Gesellschaft immer noch ausgesetzt sehen. «‹Pussy› ist ein abwertendes Wort für das weibliche Geschlechtsorgan», schreiben Krista Suh and Jayna Zweiman, die Initiantinnen des «Pussyhat-Projekts», auf ihrer Website. «Wir haben dieses aufgeladene Wort gewählt, weil wir den Begriff zu unserer Selbstermächtigung zurückerobern wollen.»

«Pussy grabs back» war denn auch auf vielen Schildern der Protestierenden zu lesen, die sich am Ort der Vereidigung Trumps einfanden – die Vagina schlägt zurück. Und es waren deutlich mehr Menschen, die gegen den neuen Präsidenten und seine Politik protestierten, als ihn tags zuvor am Freitag zu seiner Amtseinsetzung feierten. Von mindestens 500’000 Demonstrantinnen und Demonstranten geht die Stadtverwaltung aus, die Organisatoren des Frauenmarsches sprechen sogar von einer Million Teilnehmern. Zu Trumps Inauguration kamen je nach Schätzung lediglich 250’000 bis 400’000 Menschen – keinesfalls «so viele, wie noch nie an einer Vereidigung», wie der neue Sprecher des Weissen Hauses, Sean Spicer, am Samstag behauptete. Spezialisten für Menschenmengen sagen gegenüber der «New York Times», die Zahl der Demonstranten übertrifft die Zuschauer der Vereidigung sogar um das Dreifache.

«Unser Kampf beginnt jetzt»: Madonnas Rede am Frauenmarsch in Washington (Quelle: Youtube/Entertainment News).

Der Protestmarsch in Hunderten Städten in den USA und auf der ganzen Welt dürfte die grösste Demonstration gewesen sein, die in den Vereinigten Staaten je stattfand. Jeremy Pressman, ein Professor aus Connecticut, hat in einem Dokument alle Berichte über Protestaktionen im Land gesammelt und jeweils die tiefste und die höchste Schätzung über die Zahl der Teilnehmer aufgeführt. Demnach sollen in den USA am Samstag insgesamt rund 3,6 Millionen Menschen gegen Trump auf die Strasse gegangen sein. Glaubt man den höheren Schätzungen, waren es sogar 4,5 Millionen.

Diese Angaben sind natürlich mit Vorsicht zu geniessen. Nicht überall gibt es offizielle Zahlen zu den Protestteilnehmern. Teilweise stammen sie von Beobachtern oder den lokalen Organisatoren, teilweise sind es präzisere Berechnungen basierend auf der Auslastung des öffentlichen Verkehrs und Bildanalysen. Aber selbst wenn die tiefste Schätzung noch ein Viertel zu hoch liegt, übertrifft das die bisherigen Protestmärsche in der Geschichte der USA immer noch bei weitem.

Nationale Bewegung

Der Frauenmarsch ist damit das bislang deutlichste und lauteste Zeichen derjenigen Amerikaner und Amerikanerinnen, die Hillary Clinton als erste US-Präsidentin gewählt – und in jener denkwürdigen Nacht am 8. November verloren hatten. Der Schmerz sei fast physisch spürbar gewesen, sagen einige der lokalen Organisatorinnen zum TV-Sender CBS. Auch Teresa Shook, eine ältere Frau aus Hawai, war enttäuscht. «Was, wenn Frauen in Massen nach Washington marschieren würden?», schrieb sie auf Facebook. Das sei der Startschuss zu einer nationalen Bewegung gewesen, berichtet CBS. Über Facebook-Gruppen in Städten im ganzen Land riefen enttäuschte Frauen und Männer zu einem Marsch nach der Vereidigung auf. Freunde luden Freunde ein, die Zahl der Unterstützer stieg im Stundentakt, wie ein Schneeball, der immer grösser wird. «Donald Trump war der Funke, der das Feuer entzündete», beschreibt es eine Aktivistin gegenüber dem TV-Sender.

«Der Kampf um Freiheit, darum, so sein zu können wie wir sind, der beginnt heute», sagte Popikone Madonna bei ihrem Überraschungsauftritt in Washington. Ob dieses Feuer nun nach dem Millionenmarsch vom Samstag weiter brennt, wird sich weisen. Die pinken Wollmützen, handgestrickt von tausenden Freiwilligen im ganzen Land, sie dürften die Trump-Gegner jedenfalls warm halten. Bis heute wurden 1,17 Millionen «Pussyhats» verteilt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2017, 18:47 Uhr

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