Die Verschwörungstheorien: Obama lässt Senioren töten
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 04.08.2009
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In einem Aufsehen erregenden Essay befasste sich der renommierte Historiker Richard Hofstadter 1964 mit dem paranoiden Stil der amerikanischen Politik und zeigte dabei auf, wie am rechten Rand des politischen Spektrums Verschwörungstheorien gediehen und Paranoia regierte. Hofstadters Palette reicht von antisemitischen und antikatholischen Fieberfantasien bis zu den antikommunistischen Wahnvorstellungen des Senators Joe McCarthy in den fünfziger Jahren.
Nun wäre der Professor gewiss überrascht, wenn er das erstaunliche Erblühen neuer Verschwörungstheorien im Obama-Zeitalter beobachten könnte. Politische Paranoia beschränkt sich zwar keineswegs nur auf die amerikanische Rechte – es sei nur an die sogenannten «Truthers» erinnert, welche die Bush-Administration zumeist aus der linken Ecke beschuldigten, sie und nicht al-Quaida habe 2001 den Anschlag auf das World Trade Center in New York verübt.
Braune Hautfarbe wird bald dominieren
Gemeinhin aber erkrankt vornehmlich der wilde Rand der amerikanischen Rechten an politischer Paranoia. Und dieser Tage lodert das Fieber besonders mächtig, womöglich angeheizt durch die erste Präsidentschaft eines Afroamerikaners. Denn diese erinnert daran, dass die amerikanische Gesellschaft mehr und mehr von brauner Hautfarbe sein wird und wirft schon jetzt ein Licht auf eine amerikanische Zukunft, in der weisse Amerikaner eine Minderheit sein werden.
Sechs Monate nach Obamas Amtsantritt erlebt das Land eine Orgie von Verschwörungstheorien, darunter die auf konservativen Webseiten und von konservativen Radio-Talkern propagierte Behauptung, das Abwrackprogramm der Washingtoner Regierung diene vor allem dem probaten Zugriff des Staats auf die Computer der Bürger. Das jedenfalls streute der Fox-Talker Glenn Beck unter seine TV-Fans – und implizierte einmal mehr, dass Obamas Amerika auf dem besten Weg zum sozialistischen Überwachungsstaat sei.
Tötung schwerkranker Senioren
Oder auf dem Pfad zur Nazi-Euthanasie: Obama und der Versuch, das amerikanische Gesundheitswesen zu reformieren, beinhalte die Tötung schwerkranker Senioren, wummert es im rechten Äther. Die republikanische Kongressabgeordnete Virginia Foxx aus North Carolina beförderte die schaurige Angelegenheit ans Tageslicht, als sie kürzlich befand, die Gesundheitspolitik ihrer Partei sei besser, weil sie «Senioren nicht der Gefahr aussetzt, vom Staat getötet zu werden».
Morsches Fundament dieses paranoiden Konstrukts ist ein Paragraf in der demokratischen Gesetzesvorlage im Repräsentantenhaus, wonach unheilbar Kranke Anrecht auf Informationen über die Pflege im Endstadium ihrer Krankheit haben sollen. Damit werde, so Foxxs republikanischer Kollege Thaddeus McCotter, «der schlüpfrige Pfad hin zu einer von Seiten des Staats ermutigten Euthanasie beschritten».
Aberwitziges Phantasiegebilde
Und eingebettet ist diese Euthanasie selbstverständlich in eine «sozialisierte Medizin» namens «Obamacare» (Obamapflege), die keinem Amerikaner freie Wahl des Arztes oder des Krankenhauses lässt – ein aberwitziges Phantasiegebilde, das den rechten Rand freilich derart in Wallung versetzt, dass er auf politischen Foren und Bürgertreffen laut und mit grossen Plakaten gegen den Sozialismus wettert, obschon Obamas Reformpläne einen weiten Bogen um jegliche Form sozialisierter Medizin machen.
Als der demokratische Kongressabgeordnete Lloyd Doggett im texanischen Austin vor wenigen Tagen ein Bürgerforum zum Thema Gesundheitspolitik veranstaltete, sah er sich unversehens einem Polit-Mob gegenüber, der lautstark gegen «sozialisierter Medizin» wetterte – beileibe kein Einzelfall in diesen Obama-Zeiten, da jede Regulierung an der Wall Street sofort als «Sozialismus» gedeutet wird.
Es hilft nichts
Doch nicht nur lauern überall Kommune und Proletariat, das Weisse Haus wird überdies von einem besudelt, der dort überhaupt nicht hingehört: Obama, so die hochgradig vom Virus des paranoiden Stils befallenen «Birthers», sei ein Usurpator und illegitimer Präsident, weil er nicht in den Vereinigten Staaten geboren sei, wie die Verfassung vorschreibe. Es hilft nichts, dass der Staat Hawaii bereits vor Monaten eine Kopie von Obamas Geburtsurkunde veröffentlichte und zudem bestätigt hat, im Besitz des Originals zu sein. Und es hilft ebenfalls nichts, dass die Lokalzeitung Honolulus im August 1961 die Geburt Obamas vermeldete. Nein, der Präsident ist in Kenya geboren und mithin ein Schwindler.
Derlei beherzte Flucht vor der Realität ist inzwischen nicht mehr Sache einer kleinen durchgeknallten Minderheit: Nahezu ein Drittel aller republikanischen – und damit vornehmlich weissen – Wähler bezweifeln Obamas hawaiianische Geburt, im konservativen Süden beunruhigt laut einer Umfrage über die Hälfte der Bürger die Vorstellung, ein im Ausland geborener schwarzer Mann mache verfassungswidrig das Weisse Haus unsicher.
Paranoia schüren
Damit nicht genug hasst dieser schwarze Mann das weisse Amerika und dessen weisse Kultur, so der Befund medialer Lautsprecher wie Glenn Beck oder Rush Limbaugh. Wer weisse Leute hasse, steige innerhalb der Regierung Obama auf, teilte Limbaugh neulich seinen Radiozuhörern mit – und schürt damit die Paranoia jener, die schon immer glaubten, Obama sei insgeheim der Präsident des schwarzen Amerika, der von weiss zu schwarz sozialistisch umverteilen wolle, bis jede schwarze Sozialbeihilfe-Schwindlerin («Welfare Queen») endlich jenen Cadillac besässe, den ihr Ronald Reagan beim Präsidentschaftswahlkampf 1976 andichtete. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.08.2009, 12:02 Uhr
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