«Die Wachen flohen, die Wände zitterten»
Aktualisiert am 27.01.2010 2 Kommentare
«Das Beben riss die Mauern ein»: Bandenchef Damascène Maurice. (Bild: «The Times»)
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Das Erdbeben in Haiti hat auch das berüchtigtste Gefängnis des Landes beschädigt; einflussreiche Bandenbosse konnten entkommen und sich ein Machtvakuum zunutze machen, weil Polizei und Friedenstruppen durch Katastrophenhilfe gebunden sind.
Im weitläufigen Elendsviertel Cité Soleil nisten sich die Gangster wieder in ihren alten Revieren ein und führen die Machtkämpfe weiter.
Martin Fletcher, Reporter der britischen Zeitung «Times», hat nun einer dieser getürmten Bandenbosse in einem der ärmsten und gefährlichsten Slums der westlichen Hemisphäre getroffen. Der Bandenchef heisst Damascène Maurice, ein muskulöser junger Mann. Doch einfach so wollte der 32-Jährige nicht mit der Presse reden. Er verlangte eine Gegenleistung. Der Herrscher über Quatre Zone, ein Stadtteil des Slums Cité Soleil, plante, mithilfe des Journalisten in die Dominikanische Republik zu fliehen. Ein Presseauto würde weniger genau untersucht werden, so seine Überlegung. Zu diesem Zeitpunkt wurde es Fletcher zum ersten Mal unwohl. Aber der Reihe nach.
Kokain lockert die Zunge
Das Treffen findet in einer stinkenden Gasse des Slums statt. Cité Soleil wird von den Ärmsten der Armen bevölkert und ist fest im Griff von Verbrechern, Banden, Krankheiten, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus. Das Haus von Maurice wird von Männern bewacht, die bedrohlich dreinblicken. Vor dem Eingang spielen Kinder barfuss in Trümmern. Maurice trägt teure Kleidung und goldene Ohrringe. Bevor er seine Geschichte erzählt, schickt er einen Knaben auf die Strasse um Kokain aufzutreiben.
Gemäss einem Lokaljournalisten sei Maurice ein berüchtigter Bandenchef gewesen, der 2008 von einer brasilianischen Blauhelm-Einheit verhaftet worden sei. Man habe ihn beschuldigt, für Mord und Entführung verantwortlich zu sein. Maurice streitet alles ab, er malt ein freundlicheres Bild von sich und behauptet, sein Ziel sei stets gewesen, den unterdrückten Menschen zu helfen.
Den Moment des Erdbebens beschreibt er so: «Ich sass in Zelle 7 mit 80 weiteren Gefangenen. Als die Erde bebte, sind alle erschrocken und fingen an zu beten. Die Wachen flohen. Die Wände zitterten. Wir dachten, wir müssten sterben, weil das Tor verschlossen war und es keinen Ausweg gab. Aber das Beben riss die Mauern ein und mit der Kraft Gottes konnten wir fliehen.»
Bevor die Gefangenen in alle Richtungen flohen, zündeten sie das Verwaltungsgebäude an, damit all ihre Akten – und damit auch ihre kriminelle Geschichte – vernichtet wurden. Als Maurice nach Hause kam, zeigte sich seine Familie sehr überrascht.
Dem Reporter wird es mulmig
Nach 14 Tagen sei die Freude über seine gelungene Flucht verschwunden, erzählt Maurice dem Reporter. Momentan fühle er sich in Cité Soleil relativ sicher, wohlwissend, dass die Polizei keine Zeit hat, ihn zu suchen. Trotzdem bleibt er vorsichtig und wagt sich nur alle paar Tage aus seinem bewachten Haus. «Ich bin jetzt zwar nicht mehr im Gefängnis, aber immer noch ein Gefangener. Niemand kann so glücklich leben.»
Als es langsam eindunkelt, wird es für Martin Fletcher Zeit, das Slum zu verlassen. Cité Soleil ist abends kein Ort für Ausländer. Doch vorher macht Maurice den Briten nochmals auf seinen Vorschlag aufmerksam. Er will wissen, wie er ihn über die Grenze in die Dominikanische Republik schmuggeln wolle.
Dem «Times»-Reporter wird es jetzt richtig mulmig. Er wagt es nicht, dem Bandenboss den Wunsch auszuschlagen und schmiedet mit ihm einen Fluchtplan – mit viel gespieltem Enthusiasmus. Die Fragen wann, wo, und wie werden geklärt. Schliesslich wird Fletcher mit einer Umarmung verabschiedet und mit Begleitschutz aus dem Viertel geführt. Der Reporter schreibt im Artikel erleichtert: «Er liess uns gehen». Ob er Maurice dann tatsächlich geholfen hat, schreibt er nicht. (bru)
Erstellt: 27.01.2010, 12:54 Uhr
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2 Kommentare
"He sent a boy for Cokes and, as a crowd gathered round, started telling his story." Dies übersetzen sie mit: er schickte einen Knaben Kokain holen? Das ist schon ein bisschen mehr als frei übersetzt. Ein paar kühle CocaColas wäre wohl treffender... Antworten
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