Die grosse Leere

Das G-7-Treffen auf Sizilien verlief harzig. Interessanter war, wie sich die Chemie unter den Regierungschefs entwickelte.

Er hatte sich nicht immer im Griff: Donald Trump mit seiner Frau bei der Ankunft in Belgien. Am Wochenende kehrte er nach Washington zurück. Foto: Eric Lalmand (AFP)

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Dann hing plötzlich eine merkwürdige Leere über Taormina. Die ganze Aufregung der vergangenen Tage, Wochen, Monate: Es war, als wäre sie innert Minuten einfach verdunstet an der heissen Nachmittagssonne über dem wellenfreien Ionischen Meer. Normalerweise ist es ja so, dass es nach multilateralen Treffen wie diesem G-7-Gipfel auf Sizilien gemeinsame Pressekonferenzen gibt. Das Publikum kann dann noch einmal an Gesten und Blicken ablesen, wie das Befinden ist. Seit nun neuerdings auch Handshakes einen übergeordneten Stellenwert erlangt haben, ist die Deutung der Körpersprache noch wichtiger geworden. Vielleicht zu wichtig.

Diesmal aber gab es keinen gemeinsamen Auftritt, nicht einmal im kleineren Format – zu zweit etwa. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der amerikanische Präsident Donald Trump, zweifellos die beiden Hauptakteure der Veranstaltung, hätten sich zusammen zeigen können. Ob das je so geplant gewesen war, ist nicht klar. Die Italiener aber hätten sich gewünscht, dass da von hoher Stelle zum Schluss auch noch etwas Lob und Preis gekommen wäre für ihre Bemühungen um Harmonie, von der man hätte denken können, sie stimme den einen oder anderen Gast sanft.

«Sehr unzufriedenstellend»

Es sollte nicht sein. Kaum war der Gipfel offiziell zu Ende, die letzten Bilder geschossen, traf Merkel die deutsche Presse im kleinen Rahmen zum kurzen Austausch. Sie fand von allen sieben Leadern die deutlichsten Worte über die kleinen und grösseren Enttäuschungen des Treffens. «Sehr unzufriedenstellend», nannte sie das vorläufige Scheitern in der Klimafrage. Dann flog sie heim. Trump machte sich nur wenig später auf nach Sigonella, dem US-Luftwaffenstützpunkt bei Catania, wo seine Air Force One bereitstand für die Heimreise. In einem Hangar hatten sie eine Bühne aufgestellt, dahinter hing eine gigantische amerikanische Landesflagge. Das Publikum: begeisterte Soldaten. Trump erzählte ihnen, er habe grossartige Gespräche geführt auf seiner ersten Auslandsreise und dabei nicht minder grossartige Fortschritte erzielt – für das Land, für die Heimat. Es hatte also den Anschein, als sei er sehr, sehr zufrieden.

Die Geschichte wird Taormina jedoch als kleinen Gipfel in Erinnerung behalten. Der Konsens der G-7 war so minimal, wie er es seit vielen Jahren nicht war. Neben den vorläufig fruchtlosen Diskussionen zum Pariser Klimaabkommen waren auch jene zu den Handelsfragen eine mühselige Angelegenheit. Trumps Linie, die amerikanische Wirtschaft möglichst vor der Konkurrenz aus dem Ausland zu schützen, die sogenannte «America first»-Doktrin, verträgt sich nun mal nicht mit dem alten, vermeintlich unverrückbaren Freihandels-Credo der G-7. Trump ist ein Nationalist und Protektionist. Dass er am Ende dennoch zugelassen hat, den «Kampf gegen den Protektionismus» in das Abschlussdokument aufzunehmen, gilt als kleines Wunder. Es bewahrte den Gipfel vor dem Desaster. Was der Passus aber tatsächlich wert ist, ist weniger klar.

So richtig einig waren sich die Sieben eigentlich nur auf einem Gebiet, auf dem man schlechterdings uneins sein kann: im Kampf gegen den Terrorismus. Unter dem Eindruck des Attentats in Manchester waren die Bekenntnisse zu besserer Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten noch etwas stärker als sonst. In einer gemeinsame Erklärung heisst es unter anderem auch, die grossen sozialen Netzwerke und Internetplattformen müssten fortan dafür sorgen, dass keine radikalislamistische Hass- und Rekru­tierungspropaganda mehr verbreitet werde. Wie genau, ist ein Rätsel.

Der falsche Ansprechpartner

Nur sehr dürftig interessierten sich die Partner aus Übersee für das grosse Anliegen der Italiener: Die Gastgeber hatten gehofft, man könnte gemeinsam über Lösungen für den würdigen Umgang mit den vielen Flüchtlingen nachdenken, die über die zentrale Mittelmeerroute kommen. Doch für die USA sind das europäische Probleme. Trump, der in fast jedem Migranten einen potenziellen Terroristen sieht, ist wohl ohnehin der falsche Ansprechpartner. Am Ende standen im Communiqué nur zwei allgemein gehaltene Paragrafen zur «Human Mobility», der menschlichen Mobilität. Darin wurde vor allem bestärkt, dass die Staaten ein Recht hätten, ihre Grenzen zu schliessen und die Zuwanderung zu kontrollieren. Italien hätte es lieber gehabt, man würde auch mal positiv über Migration reden. Premier Paolo Gentiloni versteckte seine Enttäuschung nicht.

Erstaunlich gut gelaunt war hingegen Emmanuel Macron, Frankreichs frisch gewählter Präsident und Gipfelneuling. Und da er unbedingt darüber reden wollte, lud Macron Journalisten aus allen G-7-Ländern in eine kleine, entweihte Kirche im Zentrum von Taormina ein, da sass Merkel schon im Flugzeug. Er kam zu Fuss zur Pressekonferenz, leicht und lachend in den Gassen Taorminas. Er liess zu, dass Passanten Selfies mit ihm machten, küsste, herzte, winkte. Bemerkenswert war dann aber vor allem, wie er Donald Trump beschrieb. In schneller Folge reihte er Adjektive aneinander, von denen manche nicht mit dem Subjekt zu korrespondieren schienen: Trump, sagte Macron, sei eine starke, aufmerksame, direkte, entschlossene Persönlichkeit. Und offen, pragmatisch, realistisch sei er übrigens auch. «Wir haben einander nicht nur sehr energisch die Hand geschüttelt», sagte er, «sondern uns auch tief in die Augen geschaut.» Er, Macron, sei deshalb optimistisch, dass man sich schon finden werde.

Es hörte sich so an, als sehe sich der junge Franzose ganz gern in der Rolle des Mittlers zwischen Angela Merkel und Donald Trump, als Brückenkopf zwischen den Antipoden. Das mag nur ein Eindruck sein, doch der füllte die grosse Leere nach dem Gipfel wenigstens ein bisschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2017, 23:01 Uhr

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