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Die grüne Revolution

Ochsen statt Traktoren, Kuhmist statt Chemie: Auf Kuba wächst aus der Not heraus eine ökologische Landwirtschaft – und revolutioniert das Land trotz politischem Stillstand.

Auf Kubas Feldern arbeiten heute wieder so viele Ochsen wie 1959: Campesino beim Pflügen.

Auf Kubas Feldern arbeiten heute wieder so viele Ochsen wie 1959: Campesino beim Pflügen. Bild: Jon Lowenstein (NOOR)

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«Ese absurdo primer mundo», «diese absurde Erste Welt» – so steht auf einer Propagandawand an der Küstenstrasse von Havanna Richtung Osten zu lesen. Darüber prangt eine Fotomontage: ein riesiger Esslöffel voller Sojabohnen, der einen Autotank füllt. Die Botschaft: Der Westen ist wahnsinnig geworden; statt den Hunger auf der Welt zu bekämpfen, braucht er Nahrungsmittel als Treibstoff, nämlich als Biodiesel. Das Plakat wurde aufgestellt, als Fidel Castro vom Krankenbett aus begann, in seinen «Reflexionen» schreibend über den Zustand der Welt zu sinnieren.

Zwei Kilometer vor El Cedro, einem Dorf in der Provinz Villa Clara. Bauer Alfredo Díaz steht in löchrigen Stiefeln, olivgrünen Militärhosen und dreckigem Hemd am Feldrand, auf dem Kopf einen Strohhut. Hie und da liest er in der Parteizeitung die «Reflexionen». Ihm kommt es wie «ein Witz» vor, «dass ausgerechnet Fidel den Umweltschutz hochhält», er, der fortgeführt habe, was seit Jahrhunderten Kubas Problem sei: «Eine Politik, die die Bauern unterdrückt und die Böden kaputt gemacht hat.»

Versiegelte Böden

Die Geschichte dieser fruchtbaren Insel ist eine von Diktaturen und Monokulturen. Kolonialherren, Grossgrundbesitzer und US-Firmen machten Kuba zum grössten Zuckerproduzenten der Welt. 1959 jagte Fidel Castro die Herrschaften davon, holte die Sowjets und machte aus der Landwirtschaft eine Industrie nach stalinistischer Lehre: Er verstaatlichte Boden und Betriebe, machte die Bauern zu Landarbeitern. Mit viel Chemie und Technik wollte man die irrsinnigen Plansolls erfüllen. Dafür kaufte Kuba beim grossen Bruder Sowjetunion 90 000 Traktoren.

Castros Regierung importierte Millionen Tonnen synthetische Dünger, Herbizide und Pestizide. Mit diesen Giftkeulen holte man alles aus der Erde heraus, zerstörte so auch den Lebensraum für Nützlinge wie Regenwürmer. Die Böden waren praktisch chemisch versiegelt wie ein Parkett. Zitrusbauern mussten mit Dynamit Löcher in den Boden sprengen, um Bäume pflanzen zu können.

Mit dem Untergang der Sowjetunion 1991 ging Kuba auch der Stoff für diese Brutalo-Bodenkultur aus. Agrochemie, Öl, Ersatzteile, Geld, alles fehlte plötzlich. Der gigantische Maschinenpark stand still. Die kaputten Böden lagen brach – was nicht nur schlecht war. Die Natur war wieder einmal ungestört. Kuba war gezwungen, in der Landwirtschaft neue Wege zu gehen.

Arbeiten ohne Erdöl

Die Sonne steht knapp über dem Horizont, die rote Erde bei El Cedro ist schwer und feucht. Bauer Alfredo hat seine zwei Ochsen vor den Pflug gespannt, bullige, stoisch dreinblickende Tiere. «Die laufen immer», sagt Alfredo. Sein Traktor lief praktisch nie. Entweder fehlte der Diesel oder ein Ersatzteil. Alfredo, 48, hatte den sowjetischen Rosthaufen einst «auf Umwegen» kaufen können. Damals war er Angestellter eines maroden Grossbetriebs. Vor zwei Jahren tauschte Alfredo wieder «auf Umwegen» den Traktor gegen zwei Ochsen. Er kündigte und beantragte beim Staat zwei Hektaren Brachland. Seit drei Jahren verpachtet dieser die riesigen ungenutzten Landwirtschaftsflächen stückweise zur Nutzniessung an Kleinbauern. Raúl Castro will so die Produktion von Lebensmitteln ankurbeln.

Ochsen statt Traktor. Zuerst zweifelte Alfredo, dachte: ein Rückschritt aus der Not heraus. Heute sagt er: «Es war ein Schritt vorwärts in eine bessere Zukunft.» Die Ochsen seien zuverlässiger und günstiger als ein Traktor. Treibstoff ist auf Kuba knapp. Das Land ist stets auf fremde Hilfe angewiesen. Früher von den Sowjets, heute von Venezuela. Hugo Chávez hält die Insel mit günstigen Öllieferungen wirtschaftlich über Wasser. Vielen Kubanern ist diese Abhängigkeit unheimlich, sie sagen: Wenn Chávez einmal nicht mehr ist, steht bei uns alles still.

Alfredo sagt: «Meine Ochsen arbeiten auch ohne Chávez’ Erdöl.» Auch sonst weiss sich der Bauer zu helfen: Er hat gelernt, wie man Saatgut zieht und wie das Gemüse auch ohne Chemie gedeiht – und erst noch besser schmeckt. Biologischer Pflanzenschutz, Gründüngung, Fruchtfolge: Kubas Bauern haben in der Not zu einer ökologischen Landwirtschaft gefunden. In den letzten 20 Jahren ist eine Art Graswurzelbewegung gediehen, die wächst und wächst.

Von unten nach oben

Einer der Pioniere dieser Bewegung ist Humberto Ríos, 48, Doktor der Agronomie, Umweltaktivist und seit drei Jahren selber Bauer mit eigenem Hof in Guatao bei Havanna. Anfang der 90er Jahre zog der Gelehrte aufs Land zu den Bauern, forschte mit ihnen Ackerbau ohne Chemie und fossile Brennstoffe, veranstaltete Saatgut-Börsen. 2001 rief er zusammen mit dem Nationalen Institut für Agrarwissenschaften und 25 Bauern das «Programm für Innovationen in der lokalen Landwirtschaft» (Pial) ins Leben. Die Politik unterstützte das Projekt lange Zeit widerwillig. «In unserem Staat will man die Probleme immer von oben nach unten und stets im Grossen lösen, was dann jedoch meistens im Kleinen scheitert und im Nichts endet.»

Ríos denkt umgekehrt: Alles müsse von klein auf wachsen wie ein Pflanze. Die Wurzeln der Landwirtschaft seien die Bauern, nicht die Bürokraten.

Dieser Ansatz gefällt auch im Schweizer Büro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in Havanna. Die Deza unterstützt Pial seit 2003, bis anhin mit 1,6 Millionen Franken. In den nächsten vier Jahren will sie noch einmal vier Millionen beisteuern – als letzte Finanzspritze, denn das Ziel ist, dass sich dieses Programm zur Selbsthilfe entwickelt. Die Beteiligten sind überzeugt, dass selbstständig weiterwächst, was Ríos gesät hat. Aus seiner Idee ist eine Bewegung geworden. 80'000 Bauern beteiligen sich inzwischen am Programm. Laufend schliessen sich neue an, beackern ihre Böden umweltschonend, erzeugen mit Biomasse und Fotovoltaikanlagen ihren eigenen Strom – nicht unbedingt, weil sie Grüne sind und besonders umweltschonend wirtschaften wollen, sondern weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Ríos sagt, das ökologische Bewusstsein der Bauern wachse erst mit der Zeit.

Auch der Staat musste umdenken. Nachdem er die Landwirtschaft technisch hochgerüstet hatte und zwischen 1960 und 1990 die Zahl der Ochsen von 400'000 auf 100'000 zurückgegangen war, startete er in der Krise der 90er Jahre ein Zuchtprogramm und entwickelte neue Geräte, die von Tieren gezogen werden können. Dafür bildete er Schmiede aus sowie Hersteller von Jochen und Zaumzeug. Heute arbeiten auf Kubas Feldern wieder so viele Ochsen wie 1959.

Strom aus Mist und Grünabfall

Wissenschaftler und Agrarinstitute haben Projekte und Produkte entwickelt für eine «organische Landwirtschaft». Ein Grossprojekt sind die «organopónicos», urbane Gemüse- und Gewürzgärten in Städten und Dörfern. Die Idee: freie Flächen für den Anbau nutzen, gesunde Lebensmittel dort produzieren, wo viele Menschen leben. Die staatliche Selbsthilfe hat sich zu einem wichtigen Wirtschaftszweig entwickelt. Laut offiziellen Angaben gibt es inzwischen über 7000 urbane Gemüsegärten. Im Anbau, Verkauf und der Weiterverarbeitung arbeiten 380'000 Menschen.

In mehreren Provinzen wird Bioenergie produziert, Treibstoff aus nicht essbaren Pflanzensamen, Strom aus Mist und Grünabfall. Für Biolandbau und Bioprodukte setzt sich unter anderem der Schweizer Lukas Kilcher ein. Der Agraringenieur vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick engagiert sich seit 1997 bei Biofruta – einem Projekt für Früchte, Zucker, Kaffee, Honig und Kräuter, alles bio. Ein Partner ist Coop, er verkauft Bio-Orangensaft aus Kuba.

Kilcher half auch mit, eine alte Zuckerfabrik in der Provinz Villa Clara vor der Schliessung zu retten. Heute ist sie ein Vorzeigebetrieb, für den 500 Bauern und Landarbeiter tätig sind. Sie produzieren Biofrüchte und Biozucker, aus der Melasse stellen sie mit einer Schweizer Brennerei einen Biorum her, mit den Abfällen erzeugen sie grünen Strom für ein ganzes Dorf. Kilcher sagt, Kuba gehe trotz Tausender Probleme «in die richtige Richtung».

Gegen die Multis

So paradox es klingt: Das Neue am Boden kann auch gedeihen, weil die Alten an der Macht politisch so starrköpfig sind. Sie schotten ihre Wirtschaft nach wie vor weitgehend von Fremden ab, die zu viel mitreden, mitmischen und vor allem mitverdienen wollen. Für ausländische Firmen ist Kuba ungemütlich. Der Staat ist allmächtig und kompliziert, er diktiert, wie das Geschäft läuft und wohin der Gewinn fliesst. Die Korruption grassiert. Schon mancher Investor hat auf der Karibikinsel sein Geld oder seinen Verstand oder beides verloren.

«Zum Glück für unser Land», sagt Humberto Ríos. Vertreter, die sich wie er für eine «Landwirtschaft von unten» einsetzen, sind überzeugt: Hätten die Castros in der Not Tür und Tor geöffnet für ausländisches Kapital, wäre all das, was in den letzten Jahren natürlich gewachsen ist, nicht möglich gewesen. Dann würde Kuba heute seine Böden nach den Rezepten und mit den Mitteln der Agro-multis bebauen. «Der Kampf gegen diese Konzerne ist auch so schon hart», sagt Ríos. Kuba geschäftet teilweise mit einzelnen Agrarkonzernen und hat bereits in einigen Provinzen Genmais angebaut – ohne das Volk und die Wissenschaftler und Agrarökologen zu informieren, die im Auftrag des Staates die Ökoprojekte vorantreiben.

Die «Landwirtschaft von unten», lokal, ökologisch und ohne Erdöl, ist das Gegenmodell zur globalen, industrialisierten Landwirtschaft, eine, die hoch subventioniert ist und mehr Energie frisst, als dass sie produziert. Umweltwissenschaftler, fortschrittliche Ökonomen und Agronomen rund um den Erdball sind überzeugt: Der Welt bleibt gar keine andere Wahl als der grüne Weg. Manche sehen Kuba als eine Insel der grünen Hoffnung. Der amerikanische Entwicklungsspezialist Peter Rosset schrieb schon 1994 von der Insel, die grün werde. Auch die indische Physikerin und Umweltexpertin Vandana Shiva lobt das Land, «das seine erneuerbaren Energiegrundlagen beispielhaft neu angepackt hat».

Eine «stille Revolution»

Unter der Führung des autoritären Pragmatikers Raúl Castro sehen die Hüter der Revolution langsam ein: Wir müssen die Kleinbauern fördern, nicht knebeln. Der Staat dezentralisiert die Landwirtschaft vorsichtig, schliesst marode Grossbetriebe, stärkt Kooperativen und hat innert drei Jahren 1,2 Millionen Brachland an 150'000 Kleinbauern abgegeben. Die Hälfte von ihnen war vorher nicht in der Landwirtschaft tätig. Auf Kubas Feldern trifft man neuerdings des öftern Bürolisten, Akademiker und Hausfrauen an – nicht wie früher als zwangsmobilisierte Fronarbeiter für den Sozialismus, sondern als Bauern auf ihrem gepachteten Land.

Obwohl der Boden im Besitz des Staates bleibt, sagt Rodolfo Hernández vom Deza-Büro: «Kubas Landwirtschaft wird allmählich privatisiert, zumindest in den Köpfen der Bauern. Sie fühlen sich verantwortlich für den Boden und das, was sie produzieren.» Das Gefühl von Eigenverantwortung in einem Land, wo der Staat alles bestimmt, komme einer «stillen Revolution» gleich. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.09.2011, 07:04 Uhr)

Humberto Ríos

Der Doktor der Agronomie arbeitet seit drei Jahren als Bauer und ist ein pionier der ökologischen Bewegung auf Kuba. (Bild: PD)

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