Ausland
Die neuen Moralisten
Ein Kommentar von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 27.02.2012 36 Kommentare
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Der britische Philosoph Bertrand Russell hat sich einst über die katholischen Kirchenfürsten im zerfallenden Rom gewundert. Obwohl gotische Vandalen bereits im Begriff waren, die Stadt zu verwüsten, obwohl das Römische Reich und auch die katholische Kirche vor ihren Augen zerfielen, beschäftigte sie nur ein grosses Problem: die Keuschheit der Frauen und die Rolle der Lust.
Etwas in der Art spielt sich derzeit in den USA ab. Morgen finden die Ausscheidungswahlen der republikanischen Präsidentschaftskandidaten im Bundesstaat Michigan statt. Michigan ist einer der von der Wirtschaftskrise am meisten betroffenen Staaten. Detroit, einst Sinnbild amerikanischer Lebensfreude und des Wohlstands, ist auf Drittwelt-Niveau abgerutscht: Extrem hohe Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität, Drogensucht und Hoffnungslosigkeit prägen das Bild.
Die Kandidaten von einem anderen Planeten
Zu Beginn der 1990er-Jahre hatte sich Bill Clinton mit dem Motto «Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf» im Wahlkampf durchgesetzt. Angesichts der real herrschenden Zustände müssten wirtschaftspolitische Themen auch heute die Agenda der Kandidaten dominieren. Doch die Favoriten der Republikaner scheinen auf einem anderen Planeten zu leben. So stösst sich der streng katholische Rick Santorum nicht an der grassierenden Jugendarbeitslosigkeit, sondern an der Gewaltenteilung von Kirche und Staat. «Davon wird mir schlecht», sagt er, «ich glaube nicht an ein Amerika, wo die Trennung von Kirche und Staat absolut ist.»
Dem Mormonen Mitt Romney geht es ebenfalls in erster Linie darum zu beweisen, dass er ein wahrhaft konservativer Politiker ist. Wahrhaft konservativ ist gleichbedeutend mit: gegen Abtreibung, gegen Schwulenehe, gegen Immigranten und für tiefe Steuern. Um seine Verbundenheit mit den amerikanischen Werten zu unterstreichen, besucht Romney nun auch die Nascar-Rennen. Diese Autorennen sind nach der Kirche der grösste Hort der konservativen weissen Männer.
Mit mehr Moral ginge es den Armen besser
Nicht nur die konservativen Republikaner, auch die Intellektuellen der USA werden einmal mehr von einer Welle des Moralismus erfasst. Ausgangspunkt ist ein Buch des Soziologen Charles Murray, «Coming Apart». Seine These lautet zusammengefasst: Amerika hat eine Klassengesellschaft, aber nicht zwischen Reichen und Armen, sondern zwischen Tugendhaften und Zügellosen. Die Oberklasse ist reich, weil sie besser gebildet ist, mehr zur Kirche geht, weniger oft aussereheliche Kinder und eine tiefere Scheidungsrate hat. Murray setzt sich konsequenterweise nicht für eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes ein, sondern dafür, dass die Oberschicht das Lumpenproletariat wieder Moral lehrt.
Auch im Kampf gegen den amtierenden Präsidenten setzen die Republikaner auf die Moralkarte. So wollen sie eine Verfügung, wonach auch kirchliche Organisationen dafür sorgen müssen, dass ihre Angestellten gegen die Kosten der Empfängnisverhütung versichert sind, zu einem Verdikt gegen die Religionsfreiheit hochstilisieren. Umgekehrt hat der fromme Rick Santorum kein Problem damit, die ökologisch sehr umstrittene Keystone-Pipeline und das noch umstrittenere «Fracking» beim Gewinnen von Öl und Schiefergas zu fördern. Auch die von der Umweltbehörde verfügte Zwangsschliessung von sechs Kohlekraftwerken, die als schlimmste Dreckschleudern gelten, will er sofort rückgängig machen.
Erstellt: 27.02.2012, 15:18 Uhr
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