Die unsichtbare Verstümmelung
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 26.10.2011 14 Kommentare
Die Studie
Ronald Glasser: Broken Bodies – Shattered Minds. A Medical Odyssey From Vietnam to Afghanistan. History Publishing Company, New York 2011, 280 S., ca. 11 Fr.
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Seit 2004 erhalten die US-Soldaten in Afghanistan zwei Aderpressen für die Erste Hilfe. Entgegen dem ausdrücklichen Befehl aber verpacken sie die Pressen nicht im Kampfanzug, sondern binden sie lose um den Oberschenkel, bevor sie auf Patrouille gehen. Der Grund: Treten sie auf einen Sprengkörper, können sie die Pressen sofort anziehen. Wenn der Verletzte die Blutung damit rasch und wirksam stoppt, verliert er zwar einen Fuss oder ein halbes Bein, aber er überlebt mit grösster Wahrscheinlichkeit.
Die Kommandanten halten allerdings wenig von dieser Vorsorge. «Die Offiziere betrachten diese Art der Selbsthilfe als defätistisch und lehnen sie ab», sagt Ron Glasser. Denn wenn bekannt würde, dass die Soldaten mit der Erwartung ins Gefecht gehen, schwer verletzt zu werden, würde dies die amerikanische Öffentlichkeit schockieren. «Die Offiziere befürchten, dass uns allen bewusst wird, wie grausam dieser Krieg ist.» So spricht einer, der zwei Jahre als Kriegsarzt in Vietnam diente und nun, gut 40 Jahre später, als praktizierender Arzt in Minnesota mit Dutzenden von Verletzten aus Irak und Afghanistan und ihren Familien konfrontiert ist.
«Zerstörte Lebern, Nieren, Därme»
Im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» beschreibt Ron Glasser die immensen chirurgischen Entwicklungen der Militärmedizin seit Vietnam: «Wir können heute Soldaten retten, denen das halbe Hirn weggeschossen wurde. Wir können Menschen zum Funktionieren bringen, denen beiden Beine und beide Arme weggesprengt wurden.» Zu den direkten (und makabren) Folgen des medizinischen Fortschritts gehört der Umstand, dass in den USA so viele Amputierte leben wie nach dem Bürgerkrieg vor 150 Jahren.
Das Zusammenflicken der körperlich Verletzten und Verstümmelten ist allerdings nur die eine Seite der modernen Militärmedizin. «Die Standardsituation in Vietnam sah so aus: Die Soldaten geraten aus einem Hinterhalt unter Feuer. Die charakteristische Verletzung war eine klaffende Schusswunde mit grossem Blutverlust. Zerstörte Lebern, Nieren, Därme, ich habe alles gesehen.» Wer nicht sehr rasch evakuiert werden konnte – die ersten 60 Minuten gelten als die «goldene Stunde» –, verblutete. Das erklärt die relativ geringe Zahl von Verwundeten. In Vietnam kamen über 58'000 Soldaten ums Leben; rund 350'000 kehrten verletzt zurück.
Die Wucht der Taliban-Bomben
Ganz anders präsentiert sich das Bild heute: «In Irak und Afghanistan werden die Soldaten nicht erschossen, sondern in die Luft gesprengt», so Glasser. Die grosse Mehrheit überlebt dank den Kevlar-Schutzwesten, den Aderpressen und der raschen Evakuation. Was die Wundmedizin und Chirurgie an Verbesserungen gebracht haben, wird durch die Sprengsätze der Taliban jedoch wieder infrage gestellt. Die improvisierten Bomben entlang der Strassen und den Pfaden richten verheerende Schäden an, auch wenn der US-Marine überlebt.
Von den schweren Verletzungen ist in der amerikanischen Öffentlichkeit kaum je die Rede. Die Sprengsätze reissen vielen Männern die Genitalien weg. Unter den Soldaten gilt die Devise, vor dem Abflug in Richtung Kriegsgebiet eine Samenspende in den USA tiefgekühlt zu deponieren. Auch wenn diese Familienvorsorge durchaus Sinn macht: Die Offiziere sehen sie ungern. Auch sie gilt als defätistisch.
Unsichtbare Zerstörung
Das typische Verletzungsbild der neuen Kriege ist allerdings ein anderes, nämlich «die unsichtbare Zerstörung im Innern des Gehirns«, wie Glasser berichtet. «Wir beginnen erst langsam zu begreifen, wie dramatisch die Hirnschäden vor allem jener Soldaten sind, die mehreren Explosionen ausgesetzt waren.»
Exakte Zahlen gibt es nicht, doch Armeepsychologen schätzen, dass rund 300'000 Angehörige der Armee und der National Guard in den letzten Jahren Hirnschäden erlitten haben. Mehrere Zehntausend dürften so schwer verletzt sein, dass sie ihr Leben lang behindert bleiben. Die offizielle Zahl der Getöteten (derzeit rund 6000 Soldaten) täuscht: Tatsache ist, dass in Irak und Afghanistan praktisch gleich viele Soldaten und Zivildienstler verletzt wurden wie in Vietnam.
Das neue Verletztenbild stellt die Ärzte vor zahlreiche Rätsel. So zogen sie Erfahrungsberichte aus dem Ersten Weltkrieg zurate, um die Wirkungen der schweren Detonationen besser einschätzen zu können. Damals waren die Soldaten in den Schützengräben einem monatelangen Artilleriebeschuss ausgesetzt. Der Granatenhagel verursachte schwere, zuvor nicht bekannte Kriegsneurosen, die summarisch mit der Diagnose «Shell-Shock» beschrieben wurden. Spezifische Behandlungen gab es damals jedoch keine. «In Afghanistan und im Irak erleben die Soldaten wieder das gleiche Trauma, das die armen Hunde im Ersten Weltkrieg erlitten haben», sagt Glasser.
Mangelhafte Diagnosen
Erst seit kurzem liegt eine erste wissenschaftliche Studie zu den Sprengopfern im Irak und in Afghanistan vor. Die Untersuchung von 63 Kriegsversehrten wurde Anfang Juni im «New England Journal of Medicine» publiziert und bestätigt, dass die Wucht der Bomben bisher unterschätzt wurde. Mindestens 30 Prozent der Explosionsopfer im Irak und in Afghanistan haben der Studie zufolge messbare Hirnschäden erlitten. Die Verbindungen tief im Gehirn würden durch die Druckwellen und mikroskopisch kleine Knochensplitter zerstört, so Glasser. «Die Veränderungen sind so massiv, dass die Verwundeten eine starke Persönlichkeitsveränderung durchmachen. Ich erlebe oft, dass sie ihren Vater, Sohn oder Onkel nicht wiedererkennen.»
Um solche tiefe Verletzungen festzustellen, braucht es allerdings spezialisierte Geräte, sogenannte diffusionsgewichtete Magnetresonanz-Tomografen. In amerikanischen Spitälern gehören sie zur Standardausrüstung, um Opfer schwerer Motorradunfälle zu untersuchen oder Jugendliche, die im Eishockey-Training auf den Kopf gestürzt sind. Die Spitäler rechtfertigen die Aufrüstung mit Hochleistungsinstrumenten damit, dass sie Schadenersatzklagen wegen falscher Diagnosen und nachlässiger Behandlung vermeiden wollen.
Viele begehen Selbstmord
Nicht so im Militär, sagt Glasser. Die Armee verfüge erst über wenige solche Magnetresonanz-Tomografen; die meisten Verletzten würden nur einem konventionellen Gehirnscan unterzogen, der die tiefen Verletzungen nicht erkennen könne. Die Diagnose in diesen Fällen weist denn auch nur posttraumatische Stresssymptome aus. Behandelt werden die Patienten mit Psychopharmaka und Gruppentherapien. Schwer Gehirngeschädigte brauchen aber eine lebenslange, individuelle Therapie – und sie hätten Anrecht auf lebenslange Rente und Übernahme der Behandlungskosten. «Was mich stark beunruhigt, ist die wachsende Zahl von Suiziden unter unseren Kriegsveteranen», sagt Glasser. «Ich vermute, dies hängt mit den schweren Gehirnschäden und der falschen Behandlung zusammen.»
Eine typische Taliban-Bombe besteht aus drei 15,5-Zentimeter-Hülsen, gefüllt mit 45 Kilo Semtex-Plastiksprengstoff und eingepackt in mehrere Butangas- und Benzinkanister. Die Wucht einer solchen Bombe kann einen Panzer umstürzen und den Motorenblock eines Humvee durch das Fahrzeuginnere katapultieren. Im Umkreis von fünf Metern gibt es kaum Überlebende. Und alle in einem Radius von bis zu 30 Metern sind schweren Schockwellen ausgesetzt: Der Luftdruck steigt bis tausendfach.
Die unmittelbaren Folgen: Hirnerschütterung, Gedächtnisverlust, Erblindung, Taubheit. Es kann aber auch sein, so Glasser, dass kleinste Partikel des Schädels losgelöst und ins Gehirninnere getrieben werden. Je häufiger ein Soldat solchen Explosionen ausgesetzt ist, desto grösser die Schäden. Marines, die drei- oder viermal zum Krieg aufgeboten wurden, weisen markant mehr schwere Hirntraumata auf.
Bush war an keiner Trauerfeier
«Es ist beschämend, dass wir unseren Veteranen nicht die gleiche Betreuung anbieten können oder wollen wie normalen Unfallopfern», sagt Glasser. Nur ein Teil der Erklärung ist der anhaltende Spardruck, der das Verhältnis zwischen Pentagon und Kongress getrübt hat. Auch das frühere Missmanagement der Walter-Reed-Klinik in Washington, dem führenden US-Armeespital, schadete den Anliegen der Veteranen.
Hinzu kommen laut Glasser gesellschaftliche Strömungen: Anders als in Vietnam findet der Krieg im Irak und in Afghanistan praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Bezeichnend war das Verbot von Präsident Bush, Fotos von Särgen der Getöteten zu publizieren. Bush nahm an keiner einzigen militärischen Trauerfeier teil. Daran hat sich unter Barack Obama wenig geändert. Der Krieg im Namen der USA wird von nur etwa einem halben Prozent der Bevölkerung geführt, die überwiegend in den ärmeren Südstaaten zu Hause ist. «Unsere Armee ist zu einer Fremdenlegion geworden«, so Glasser. «Wir haben den Krieg verdrängt. Das Schicksal der Veteranen ist uns gleichgültig.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.10.2011, 12:28 Uhr
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14 Kommentare
Der respektlose Umgang der USA mit ihren Veteranen, ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie dieses Land - Stück für Stück vor die "Hunde" geht - leider! Seit Jahrzenten Dollarzerfall - Hohe Arbeitslosigkeit - Enorme Verschuldung - Kaum Soziales Netz etc...Bin ich heute froh, nie in dieses Land ausgewandert zu sein - was ich vor über 30 Jahren mal wollte - nur ein Zufall hat mich davor bewahrt! Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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