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Doktor Vázquez verschreibt Wissen

Uruguay ist weltweit das einzige Land, in dem bald alle Grundschüler einen eigenen Laptop haben werden. Staatschef Tabaré Vázquez machts möglich.

Die Schweiz Südamerikas: Zweitklässler mit Laptop in einem armen Vorort von Montevideo.

Die Schweiz Südamerikas: Zweitklässler mit Laptop in einem armen Vorort von Montevideo. Bild: Reuters

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Er ist Präsident, aber nach wie vor auch Arzt. Einmal in der Woche kümmert sich Tabaré Vázquez neben den Regierungsgeschäften weiterhin um seine Patienten. Als Staatsoberhaupt handelt er ebenfalls des Öfteren eher wie ein Doktor, pragmatisch, kurz entschlossen und getreu der Erkenntnis, dass nicht bloss im Gesundheitsbereich in der Regel vorbeugen besser ist als heilen.

Dieser Instinkt des Mediziners war wohl auch im Spiel, als er vor gut zwei Jahren am Weltwirtschaftsforum in Davos die gemeinnützige Initiative One Laptop per Child (jedem Kind sein eigener Laptop) des Informatikers Nicholas Negroponte kennen lernte. Das Projekt des Professors am Massachusetts Institut of Technology überzeugte Vázquez. Er sah darin eine einmalige Chance, wirksam gegen eine der hartnäckigsten Krankheiten in den Schwellenländern vorzugehen: die Ignoranz.

Keine langen Vorabklärungen

Nach seiner Rückkehr in die Heimat machte er sich daran, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Und zwar unverzüglich. Er liess nicht zuerst Machbarkeitsstudien erstellen oder hochkarätige Expertenkommissionen über die Vor- und Nachteile des Projekts diskutieren. Er klärte ab, wie viele Laptops nötig sind, damit künftig jedem Grundschüler in Uruguay ein solches Lern- und Arbeitsinstrument zur Verfügung steht, und bestellte daraufhin insgesamt 260'000 tragbare Computer. Weniger als ein Jahr nach Vázquez' Begegnung mit Negroponte in der Schweiz trafen die ersten Laptops ein.

Inzwischen haben bereits mehr als 170'000 Schüler und Lehrer ihren persönlichen Computer. Bis zum September wird Uruguay, ein Kleinstaat mit 3,7 Millionen Einwohnern, das erste Land der Welt sein, in dem sämtliche 260'000 Grundschüler einen Laptop ihr Eigen nennen. In Einführungskursen lernen Kinder und Lehrer, ihn sinnvoll einzusetzen. Die Schulen wurden mit Servern und Internet-Breitbandanschlüssen ausgestattet. Die Kinder nehmen die Laptops, die ihnen gehören, mit nach Hause, und manche geben dort ihre frisch erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten an die Eltern weiter, von denen viele nie eine Schule besucht haben. Befürchtungen, dass Laptops verloren gehen könnten oder gestohlen werden, haben sich praktisch nicht erfüllt. Ein raffiniertes Kontrollsystem sorgt dafür, dass entwendete Geräte nur noch sehr beschränkt funktionsfähig sind.

Freiwillige Schulüberstunden

Uruguays Laptop-Offensive begeistert die Kinder dermassen, dass heute wesentlich weniger die Schule schwänzen. Laut Rodrigo Arboleda, Forscher am Massachusetts Institut of Technology, verbringen die Kinder teilweise bis zu 50 Prozent mehr Stunden in der Schule – freiwillig. Die von Doktor Vázquez verordnete Kur scheint also ein voller Erfolg zu sein.

Frei von Nebenwirkungen ist sie freilich nicht. Bisher wurde Uruguay gern mit der Schweiz verglichen. Jetzt, so findet der Wissenschafter Arboleda in einem Kommentar in der argentinischen Tageszeitung «La Nacíon», sei es höchste Zeit, Uruguay in «Finnland Südamerikas» umzubenennen oder noch besser: Finnland, das in Bildungsfragen als besonders aufgeschlossen gilt, als «Uruguay Europas» zu bezeichnen. «Denn kein einziges Land der Alten Welt kann von sich behaupten, dass es wie Uruguay alle seine Primarschüler gegen die Unwissenheit geimpft hat.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.04.2009, 22:20 Uhr)

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