Ausland
Doktor Vázquez verschreibt Wissen
Von Hans Moser, Buenos Aires. Aktualisiert am 23.04.2009
Den digitalen Graben überwinden
Der Graben zwischen digitalen Habenichtsen und Privilegierten ist gross. Der «Millennium Development Goals Report 2006» der Uno zeigt: Während in Industrienationen über die Hälfte der Bevölkerung Zugang zum Internet hatte, waren es in Entwicklungsländern gerade mal sieben Prozent. Der digitale Graben existiert aber auch in Industrienationen, die Grenze verläuft auch dort zwischen Arm und Reich.
Das ist wirtschaftlich und gesellschaftlich fatal, der Umgang mit digitalen Medien ist heute so grundlegend wie die Fähigkeit zu Lesen. Eine der Initiativen, die den Informatik-Graben verringern sollen, ist das «Ein Laptop pro Kind»-Projekt (OLPC, One Laptop Per Child), das der MIT-Professor Nicholas Negroponte ins Leben rief. Er nahm schon 1995 mit dem Buch «Being Digital» vorweg, was die zunehmende Digitalisierung für die Weltgemeinschaft bedeutet. Uruguay ist in Negropontes OLPC-Projekt seit Beginn 2005 involviert, zusammen mit Peru, Brasilien, Nigeria und Thailand.
Nicht nur Negropontes Projekt zeigt, wie unkonventionell Entwicklungsländer den digitalen Graben zuschütten: Kolumbien etwa fehlt das Geld für Breitbandinternet per Kupferkabel. Dafür verwenden etliche Städte einfach drahtlose Breitbandnetzwerke. Diese Technik ist billig und wäre auch in der Schweiz nützlich, etwa in Bergregionen. Swisscom und Co. haben aber rein finanziell daran kein Interesse.
Er ist Präsident, aber nach wie vor auch Arzt. Einmal in der Woche kümmert sich Tabaré Vázquez neben den Regierungsgeschäften weiterhin um seine Patienten. Als Staatsoberhaupt handelt er ebenfalls des Öfteren eher wie ein Doktor, pragmatisch, kurz entschlossen und getreu der Erkenntnis, dass nicht bloss im Gesundheitsbereich in der Regel vorbeugen besser ist als heilen.
Dieser Instinkt des Mediziners war wohl auch im Spiel, als er vor gut zwei Jahren am Weltwirtschaftsforum in Davos die gemeinnützige Initiative One Laptop per Child (jedem Kind sein eigener Laptop) des Informatikers Nicholas Negroponte kennen lernte. Das Projekt des Professors am Massachusetts Institut of Technology überzeugte Vázquez. Er sah darin eine einmalige Chance, wirksam gegen eine der hartnäckigsten Krankheiten in den Schwellenländern vorzugehen: die Ignoranz.
Keine langen Vorabklärungen
Nach seiner Rückkehr in die Heimat machte er sich daran, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Und zwar unverzüglich. Er liess nicht zuerst Machbarkeitsstudien erstellen oder hochkarätige Expertenkommissionen über die Vor- und Nachteile des Projekts diskutieren. Er klärte ab, wie viele Laptops nötig sind, damit künftig jedem Grundschüler in Uruguay ein solches Lern- und Arbeitsinstrument zur Verfügung steht, und bestellte daraufhin insgesamt 260'000 tragbare Computer. Weniger als ein Jahr nach Vázquez' Begegnung mit Negroponte in der Schweiz trafen die ersten Laptops ein.
Inzwischen haben bereits mehr als 170'000 Schüler und Lehrer ihren persönlichen Computer. Bis zum September wird Uruguay, ein Kleinstaat mit 3,7 Millionen Einwohnern, das erste Land der Welt sein, in dem sämtliche 260'000 Grundschüler einen Laptop ihr Eigen nennen. In Einführungskursen lernen Kinder und Lehrer, ihn sinnvoll einzusetzen. Die Schulen wurden mit Servern und Internet-Breitbandanschlüssen ausgestattet. Die Kinder nehmen die Laptops, die ihnen gehören, mit nach Hause, und manche geben dort ihre frisch erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten an die Eltern weiter, von denen viele nie eine Schule besucht haben. Befürchtungen, dass Laptops verloren gehen könnten oder gestohlen werden, haben sich praktisch nicht erfüllt. Ein raffiniertes Kontrollsystem sorgt dafür, dass entwendete Geräte nur noch sehr beschränkt funktionsfähig sind.
Freiwillige Schulüberstunden
Uruguays Laptop-Offensive begeistert die Kinder dermassen, dass heute wesentlich weniger die Schule schwänzen. Laut Rodrigo Arboleda, Forscher am Massachusetts Institut of Technology, verbringen die Kinder teilweise bis zu 50 Prozent mehr Stunden in der Schule – freiwillig. Die von Doktor Vázquez verordnete Kur scheint also ein voller Erfolg zu sein.
Frei von Nebenwirkungen ist sie freilich nicht. Bisher wurde Uruguay gern mit der Schweiz verglichen. Jetzt, so findet der Wissenschafter Arboleda in einem Kommentar in der argentinischen Tageszeitung «La NacÃon», sei es höchste Zeit, Uruguay in «Finnland Südamerikas» umzubenennen oder noch besser: Finnland, das in Bildungsfragen als besonders aufgeschlossen gilt, als «Uruguay Europas» zu bezeichnen. «Denn kein einziges Land der Alten Welt kann von sich behaupten, dass es wie Uruguay alle seine Primarschüler gegen die Unwissenheit geimpft hat.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.04.2009, 22:20 Uhr

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