Ausland

Ein ganzes Land im Koka-Rausch

Von Sandro Benini, La Paz. Aktualisiert am 12.01.2010 10 Kommentare

«Coca sí, cocaína no!», lautet der Slogan des sozialistischen Präsidenten Evo Morales. Dennoch wird ein grosser Teil der Koka-Ernte in Bolivien zu Kokain. Zu Besuch im Koka-Land.

1/5 Auf dem Kokablättermarkt von La Paz: Mit dem Anbau der Pflanze können sich bolivianische Bauern ein Einkommen sichern.
Bild: Keystone

   

Es war eine kleine Demonstration mit grossem Medieneffekt. Vor drei Jahren hob der bolivianische Staatspräsident Evo Morales während der Generalversammlung der Uno in New York ein Kokablatt in die Höhe, das er illegalerweise in die USA geschmuggelt hatte. «Was Sie hier sehen, ist nicht Kokain, sondern eine Pflanze. In meinem Land gehört es seit Jahrhunderten zur indigenen Tradition, sie zu kauen. Deshalb fordere ich, Koka von der Liste der illegalen Substanzen zu streichen.» Vergangenen März wiederholte er die Showeinlage bei der Uno-Drogenkonferenz in Wien, wobei er sich das Gewächs in den Mund steckte und es zerkaute.

Die Kokapflanze - wissenschaftlich Erythroxylum coca - wurde in Bolivien schon vor der spanischen Kolonialherrschaft angebaut. Heute ist das südamerikanische Land nach Kolumbien und Peru der drittgrösste Kokaproduzent der Welt. Beim Kauen entfalten die Blätter eine leicht anästhetisierende Wirkung. Sie vertreiben Hunger und Müdigkeit, wirken gegen Höhenschwindel, Kopfschmerzen und Magenverstimmungen. Unter bolivianischen Land- und Minenarbeitern sind sie ebenso beliebt wie bei Busfahrern; den Ureinwohnern gelten sie gar als heilig.

Seife und Zahnpasta aus Koka

Im Schöpfungsmythos des Inka-Reiches wird Manco Cápac, der Sohn des Sonnengottes Inti, auf die Sonneninsel im Titicacasee gesandt, um den Menschen die Kokapflanze als Geschenk zu überreichen. Man kann Koka benutzen, um Tee zu brauen, Seife herzustellen, Zahnpasta oder Hautcrème zu fabrizieren. Die unter Evo Morales verabschiedete neue Verfassung bezeichnet die Pflanze als «nationales Kulturgut», und es gibt Forderungen, sie auf dem Landeswappen abzubilden. Vor einigen Jahren schlug Aussenminister David Choquehuanca vor, den Schulkindern Kokablätter abzugeben, weil sie dank ihres hohen Gehalts an Kalzium, Eiweiss, Eisen, Phosphor und Vitamin A äusserst gesund seien. Kokaproduzenten sowie mehrere Mitglieder der verfassunggebenden Versammlung verlangten sogar, der Coca-Cola-Konzern müsse den Namen seines Getränkes ändern. Das Wort «Coca» sei schliesslich nicht amerikanisch, sondern urbolivianisch.

Weniger gern preisen sie die Kokapflanze als Rohstoff für die relativ aufwendige Herstellung von Kokain. Doch genau dafür wird der grösste Teil der Ernte verwendet, was das internationale Image Boliviens gefährdet. Evo Morales hat die politische Bühne des Landes als Anführer einer mächtigen Kokagewerkschaft betreten: Die «sechs Föderationen des Wendekreises von Cochabamba», welche die Bauern des Gebiets Chapare vertritt. Diese Position hält er bis heute inne, obwohl er seit vier Jahren Regierungschef ist. Schon während des Wahlkampfes 2005 forderte er, die von der amerikanischen Antidrogenbehörde DEA (Drug Enforcement Administration) orchestrierten Sprühaktionen gegen Kokafelder zu stoppen oder zumindest einzuschränken. «Sollen sich doch die Amerikaner zuerst ihre Nasen ausreissen!» lautete sein Slogan. «Coca sí, cocaína no!», skandierten seine Anhänger.

Gigantisches Rohstofflager

Im November 2008 warf er die Agenten der DEA aus dem Land, weil sie angeblich spioniert hatten. Die Antidrogenpolitik der Weltmacht sei ein Vorwand, um die imperialistische Knute zu schwingen. Laut Uno ist die Kokaanbaufläche in Bolivien allein 2008 um knapp 6 Prozent auf 30 500 Hektaren gewachsen; seit Morales’ Amtsantritt beläuft sich die Zunahme auf mindestens 30 Prozent. Gesetzlich wären lediglich 12'000 Hektaren erlaubt. Die US-Regierung wirft den bolivianischen Behörden vor, tatenlos zuzusehen, wie ihr Land zu einem gigantischen Rohstofflager für Kokain verkomme. Und diese Entwicklung gar zu fördern.

Solche Anschuldigungen akzeptiert Morales nicht. Während seiner Amtszeit seien grössere Mengen Kokain beschlagnahmt und mehr Kokainküchen ausgehoben worden als je zuvor. Laut seinen Angaben stürmt die Polizei allein in der oberhalb von La Paz gelegenen Elendsstadt El Alto durchschnittlich zwei Labors pro Tag. Ausserdem betont der Präsident, dass sein Land eines der strengsten Drogengesetze der Welt besitze und nicht nur Dealer, sondern auch Konsumenten vor Gericht stelle - selbst wegen kleinster Mengen.

Die erste Kokain-Bar der Welt

Dennoch ist La Paz vor kurzem als Kokser-Eldorado in die internationalen Schlagzeilen geraten. Vergangenen August erschien in der englischen Zeitung «The Guardian» ein Artikel, der mit «The world’s first cocaine bar» betitelt war und von einer Bar namens Ruta 36 berichtete. In dem Lokal könne man Kokain bestellen, wie man anderswo einen Drink bestellt. «Der Kellner legt eine CD-Hülle in die Mitte des Tisches, daneben zwei Trinkhalme und zwei schwarze Säckchen mit Kokain.» Vor allem bei Rucksacktouristen, die gerne eine Linie ziehen, werde Bolivien immer beliebter. Um der Verfolgung durch die Polizei zu entgehen, wechsle die Ruta 36 häufig ihren Standort, doch könne einen jeder Taxifahrer hinbringen. Kurz darauf griffen die Behörden ein.

Die Ruta 36 befand sich gerade in einem Lokal, das als Reisebüro getarnt war, als die Betreiber bei einer Razzia verhaftet wurden. Laut lokalen Medien hatten einzig Ausländer Zutritt, wobei sie am Eingang ihren Pass abgeben mussten. Auf die Ruta 36 oder ähnliche Bars angesprochen, reagieren Taxifahrer in La Paz heute mit einem Schulterzucken. Ja, das habe es gegeben, aber vorläufig sei damit Schluss.

Hänge und Senken

Bolivien besitzt zwei grosse Kokaanbaugebiete: die Yungas in der Umgebung von La Paz und die Felder der Provinz Chapare im tropischen Tiefland. Wer die Yungas besucht, muss mehrere durch die Armee errichtete Strassensperren passieren, an denen Soldaten die Personalien des Fahrzeuglenkers notieren und eine Zutrittsgebühr verlangen. Die Kokaplantagen liegen in einer anmutigen Hügellandschaft. Sie bilden einen die Hänge und Senken sprenkelnden Flickenteppich aus rechteckigen Feldern; dazwischen breiten sich Büsche, Brachland und Wald aus.

Die einzelnen Gewächse mit ihren dunkelgrünen, spatelförmigen Blättern sind lediglich 1 Meter hoch. «Dank Koka verdiene ich viel mehr Geld, als wenn ich irgendwelche Früchte anpflanzen würde. Koka lässt sich drei- bis viermal im Jahr ernten und ist äusserst widerstandsfähig», sagt ein Bauer. Kümmert es ihn nicht, dass aus seinem Produkt auch eine harte Droge entsteht? «Ich kaue seit Jahrzehnten Kokablätter, genau wie meine Familie und meine Freunde. Dafür baue ich die Pflanze an, und dafür verkaufe ich sie. Zu verhindern, dass sie irgendwelche Leute zu Kokain verarbeiten, ist Aufgabe der Polizei.»

Mächtige Drogengewerkschaft

Vor einigen Wochen bezeichnete der Parlamentsabgeordnete Arturo Murillo, der die Provinz Chapare vertritt, das rasante Wachstum der Kokaanbauflächen als unvermeidlich. «Für eine Lieferung Kokablätter erzielt ein Bauer einen Preis von 1600 Bolivianos; für dieselbe Menge Orangen sind es 16 Bolivianos.» Hoch ist allerdings auch der ökologische Preis: Koka verdrängt andere landwirtschaftliche Produkte wie Früchte; die erodierenden Böden lassen die Hänge rutschen; die Wälder werden abgeholzt.

Laut eingefleischten Kokakauern sind nur die Blätter aus den Yungas geniessbar, während sich jene aus Chapare im Mund anfühlen wie hartes Brot. Dank ihres hohen Alkaloidgehalts eignen sie sich jedoch bestens für die Herstellung von Kokain. Experten von Uno und DEA behaupten, über 90 Prozent der Ernte aus Chapare werde für die Drogenproduktion verwendet. Falls dies zutrifft, wäre Boliviens Staatsoberhaupt Evo Morales zugleich Präsident einer Gewerkschaft, deren Erzeugnis fast ausschliesslich als Rohstoff für Kokain dient. Vergangenes Jahr haben ihm die «sechs Föderationen des Wendekreises von Cochabamba» eine Wahlkampfspende in Form von 18 Tonnen Kokablättern überreicht.

Kein Kraut gewachsen

Der kürzlich mit Glanzresultat wiedergewählte Morales kann es sich politisch nicht leisten, entschieden gegen das Wuchern der Kokafelder vorzugehen. Sonst würde er von seinen treusten Anhängern als Verräter gebrandmarkt. Und auch die Härte des Gesetzes bekommen nicht alle Dealer zu spüren. Im vergangenen September verhaftete die Polizei zwei Frauen, Juana und Elva Terán. Obwohl sie 147 Kilo Kokain besassen, wurden sie sofort wieder auf freien Fuss gesetzt. Ihre Schwester Margarita Terán ist Mitbegründerin der Partei MAS (Movimiento al Socialismo), der auch Evo Morales angehört. Und eine seiner engsten Vertrauten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2010, 08:56 Uhr

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10 Kommentare

rolf spinnler

12.01.2010, 12:50 Uhr
Melden

@Peter Müller. Sie haben recht. Gegen harte Drogen (Koks etc.) wird praktisch nichts mehr unternommen. So hat man mehr Zeit friedliche Kiffer zu jagen und zu kriminalisieren.. Antworten


philipp glanzmann

12.01.2010, 09:27 Uhr
Melden

beim klimawandel und der rezession ist es nur eine frage der zeit bis die pflanze von schweizer bauern angepflanzt wird und dann nach bolivien peru und kolumbien exportiert wird. Antworten




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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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