Ausland
Eine Supermacht leidet an Zerfallserscheinungen
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 12.07.2012
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Wer immer im November die US-Präsidentschaftswahlen gewinnen mag: Viel Freude ist dem Sieger womöglich nicht vergönnt. Immerhin mehren sich die Anzeichen, dass sich die Ära seit dem Fall der Berliner Mauer ihrem Ende zuneigt – mit negativen Auswirkungen für die USA als einzig verbliebener Supermacht.
Hatte der amerikanische Vordenker Francis Fukuyama 1992 frei nach Hegel das Ende der Geschichte und den unhaltbaren Siegeszug eines globalisierten Kapitalismus Hand in Hand mit liberaler westlicher Demokratie unter amerikanischer Vorherrschaft verkündet, so scherte sich die Geschichte in der Folge weder um Fukuyama noch um andere Propheten einer derartigen Weltordnung wie den «New York Times»-Kolumnisten Thomas Friedman. Die Historie marschierte munter weiter und markierte mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers sowie dem Beginn der grossen Rezession 2008 das Ende einer Epoche, in der die Vereinigten Staaten nahezu unangefochten als Weltpolizist agierten und Kriege an mehreren Fronten fochten.
Der Anbruch eines neuen Zeitalters naht
Das nahende Ende der Periode zwischen Mauerfall und Bankenkrise hatte sich bereits mit dem Streit über ein globales Regelwerk für den Welthandel in Doha angekündigt. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Schwächung der USA ist ein weiteres Indiz für den Anbruch eines neuen Zeitalters. Denn die Weltmacht leidet an Zerfallserscheinungen: Ihre Mittelklasse schwindet, Arbeitslosigkeit und vor allem Langzeitarbeitslosigkeit sind hoch, die sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich gravierend.
Nun befürchten die beiden Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology in Boston in einem neuen Buch mit dem Titel «Race Against the Machine», dass der amerikanische Arbeitsmarkt auf Dauer leiden und sich sogar von positiven wirtschaftlichen Entwicklungen abkoppeln wird. Aufgrund von Globalisierung und einer sich beschleunigenden Digitalisierung, die immer mehr amerikanische Arbeitsplätze vernichten werde, seien viele Amerikaner künftig nicht mehr in der Lage, angemessene Jobs zu finden. Andere US-Ökonomen beobachten mit Sorge eine Aushöhlung der Mittelklasse-Jobs: Ganz oben werden neue Arbeitsplätze geschaffen, ganz unten gleichfalls, jedoch verschwinden Jobs, die bislang ein Leben in der Mittelklasse garantierten.
Die Rolle des Weltpolizisten kostet Geld, das Amerika nicht hat
Hatten die Kriege in Afghanistan und im Irak die Bereitschaft der Amerikaner zu militärischen Interventionen bereits erschüttert, so dürfte das wirtschaftliche Malaise zusammen mit dem wachsenden Druck auf die amerikanischen Staatsfinanzen derartige Interventionen zusätzlich erschweren: Die Rolle des Weltpolizisten, wie republikanische Neokonservative sie nach dem Ende des Kalten Krieges definiert hatten, kostet Summen, über die Amerika nicht mehr verfügt. Falls sich Demokraten und Republikaner nach den Präsidentschafts- und Kongresswahlen im November nicht über die Sanierung der amerikanischen Staatsfinanzen einigen können, würde der Haushalt des Pentagons über Jahre hinweg automatisch schrumpfen.
Möglich wäre es schon, dass sich die Vereinigten Staaten fangen und zu neuer Blüte entwickeln könnten. Das aber setzte unter anderem die Reform eines politischen Systems in Washington voraus, das sich seit Jahren selbst blockiert und zusehends zu einer Plutokratie verkommen ist. Die Wahl 2012 könnte auch deshalb das Ende einer historischen Epoche amerikanischer Hegemonie signalisieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.07.2012, 22:38 Uhr


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