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«Fuck you, I love you»

Rahm Emanuels zahlreichen Feinde lasten dem Stabschef im Weissen Haus die Krise der Obama-Präsidentschaft an.

Der «Zen-Meister» und sein Mann fürs Grobe: Barack Obama mit Stabschef Rahm Emanuel.

Der «Zen-Meister» und sein Mann fürs Grobe: Barack Obama mit Stabschef Rahm Emanuel.
Bild: Keystone

Das virtuelle Schlachtfest ereignete sich 1996, in der Nacht nach Bill Clintons zweitem Wahlsieg: Ein sportlicher Mann, damals Mitte dreissig, rief bei einer Feier mit Getreuen des Präsidenten laut die Namen politischer Feinde – und schrie sodann nach jedem Namen «tot», ehe er ein ums andere Mal ein Messer in den Tisch rammte. Der Name des Messerstechers? Rahm Emanuel, derzeit Stabschef des demokratischen Präsidenten Barack Obama und damit zweitmächtigster Mensch im Weissen Haus. Oder womöglich noch mehr: Emanuel, befand die «New York Times» im Januar 2009, sei der «zweitmächtigste Mann im Land».

Seitdem ist ein Jahr vergangen, und Rahm Emanuel, der schnell ausrastende Ausputzer des Präsidenten, ist ins Gerede gekommen. Er sei ein Bremser und machthungriger Prosaiker, der bei Obamas alten Freunden nicht mehr wohlgelitten sei, weil er den idealistischen Präsidenten in die Wüste des Pragmatismus führen wolle, heisst es.

Dabei war die Wahl des überlebensgrossen Berserkers aus Chicago anfänglich als ein Geniestreich Obamas begrüsst worden: hier der abgehobene «Zen-Meister» Obama, ein Freund ausgeglichenen Naturells, der jegliches Drama verpönt, dort der machiavellistische Emanuel, der einem missliebigen Demoskopen einen toten Fisch schickte und dessen Sprache mit Obszönitäten gespickt sei. Washington bezeichnet der Stabschef als «Fucknutsville», am Telefon verabschiedet er sich mit «fuck you, I love you».

6000 Telefonnummern

Eigentlich wollte «Rahmbo» den Job im Weissen Haus nicht. Er machte sich als aufstrebender Star im Washingtoner Abgeordnetenhaus, wo er einen Kongressbezirk in Chicago repräsentierte, Hoffnungen auf die demokratische Fraktionsspitze oder gar das Amt des Sprechers. Der «erste jüdische Sprecher» werde er sein, sagte Emanuel. Trotzdem folgte er dem Ruf Obamas und zog im Januar 2009 mit 6000 Telefonnummern in sein Büro ein. Als die Nummernflut in die Computer eingespeist wurde, implodierte die Software des Weissen Hauses.

Zwischenzeitlich hat Emanuels Aura beträchtlichen Schaden genommen: Es kriselt, und des «Zen-Meisters» Agenda liegt im Argen, die Gesundheitsreform geradeso wie alles andere, was Obama zu einem «transformativen» Präsidenten à la Franklin Roosevelt oder Ronald Reagan adeln sollte, und Emanuel ist ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, karikiert als Obamas Rasputin und verteufelt als prinzipienloser Opportunist. Einer, der seine Mutter verkaufe, wenn es ihm eine Stimme im Kongress einbringe, wie der soeben zurückgetretene demokratische Abgeordnete Eric Massa sagt.

Tänzer und Banker

Es stimmt: Dabei zu sein, interessiert Emanuel nicht, allein der Erfolg zählt. So war es, als Tony Blair auf dem Höhepunkt der Lewinsky-Krise eine Pro-Clinton-Rede halten sollte und Emanuel ihm laut zuraunte, er solle die Rede ja nicht vermasseln. Und es war so, als Emanuel derart furios in Clintons Weissem Haus herumfuhrwerkte, dass er auf Betreiben Hillarys degradiert wurde.

Nun hat der Blues Emanuel ereilt. Die Anschuldigung, er diene Obama schlecht und trage Schuld an dessen Schwierigkeiten, nage an ihm, sagt ein Freund. Wenngleich Emanuel dem Präsidenten stets riet, sich seine Siege häppchenweise zu holen: ein bisschen hier, ein bisschen dort. Stattdessen holte Obama weit aus. Es droht ein Scherbenhaufen, und die Demokraten zittern der Kongresswahl im Herbst entgegen.

Der einstige Balletttänzer, der Clintons Weisses Haus 1998 verliess und auf die Schnelle als Investmentbanker in zweieinhalb Jahren über 16 Millionen Dollar verdiente, ehe er 2003 als Abgeordneter in den Kongress einzog, dürfte sich inzwischen fragen, ob er nicht lieber im Kongress geblieben wäre, statt auf dem Schleudersitz des Stabschefs Platz zu nehmen. Um sechs Uhr morgens ist Emanuel bei der Arbeit, spät verlässt er sein Büro. Familienfreundlich ist daran nichts, weshalb der Stabschef seine Kinder weniger sieht als Obama die seinigen.

Der Fleiss garantiert, dass Emanuel überall Fingerabdrücke hinterlässt: Er mischt sich ebenso in die Aussen- wie in die Innenpolitik ein und fungierte zeitweilig sogar als Trainer des unerfahrenen Finanzministers Geithner. Ohne ihn läuft nichts im Weissen Haus. Die Gesundheitsreform hätte er lieber etappenweise erledigt, Obama aber wollte den grossen Wurf. Emanuel war gegen die Schliessung Guantánamos. Der Krieg in Afghanistan und die Gesundheitsreform, sagte er, seien «wie zwei Jumbojets», deren Landung nicht durch «Gänse» verunmöglicht werden dürfe. Guantánamo, das waren die Gänse.

Der «Zen-Meister» gewahrte keine Gänse. Volle Fahrt voraus, befahl er. Nun sitzt er in der Guantánamo-Falle und weiss nicht, wohin mit den Insassen. Emanuel riet ausserdem, Terrorverdächtige vor Militärtribunale und nicht vor ordentliche Gerichte zu stellen. Obama folgte aber seinem Justizminister Eric Holder und ordnete für den 9/11-Drahtzieher Khalid Sheikh Mohammed einen Zivilprozess in New York an. Jetzt rudert man zurück – wieder eine politische Pleite.

«Verdammte Vollidioten»

Dass er in manchen Dingen Recht hatte, hilft dem Stabschef nicht: Er wird dafür verantwortlich gemacht, dass der messianische Obama auf die Erde geplumpst ist. Vor allem die demokratische Partei-Linke möchte «Rahmbo» deshalb wegschiessen. Im vergangenen August beschimpfte er ihre Vertreter hinter verschlossenen Türen als «fucking retards», was so viel wie «verdammte Vollidioten» bedeutet. Der Ausdruck war politisch derart unkorrekt, dass die Freunde geistig Behinderter auf den Plan traten. Worauf Emanuel sich entschuldigte, ohne dass dies die Linken besänftigt hätte.

Schliesslich war es Emanuel gewesen, der mit der Pharmaindustrie einen faulen Deal ausgehandelt hatte: Wenn die Pillenfabrikanten bei der Gesundheitsreform stillhielten, würden sie im Gegenzug mit einem Importverbot billiger Medikamente belohnt werden. Der «Zen-Meister», lautete daraufhin das Fazit seiner enttäuschten Fangemeinde, hatte sich von Emanuel die Seele besudeln lassen. Hatte dieser Schmutzfink nicht gesagt, niemals stünde ein Mann «aufrechter, als wenn er auf allen vieren Ärsche küsst»? Denn nur so könne ein Deal unter Dach und Fach gebracht werden.

Spätestens nach der Pleite in Massachusetts, als die Demokraten Teddy Kennedys Senatssitz verloren und die Republikaner dank des siegreichen Scott Brown plötzlich über eine Sperrminorität im Senat verfügten, geriet Barack Obamas Gesamtkunstwerk vollends ins Wanken; die Gesundheitsreform ist in Gefahr, ebenso der Rest seines ambitionierten Programms. Es droht Stillstand, weshalb sich die Washingtoner Heckenschützen bereits in Stellung gebracht haben, um einen Sündenbock zur Strecke zu bringen.

Und wer böte sich besser an als Rahm Emanuel? Nicht nur habe er den «Zen- Meister» verdorben, es fehle ihm überdies das nötige Organisationstalent, heisst es. Nachdem eine Reihe publizistischer Schwergewichte in den vergangenen Wochen zum Angriff auf Rahm Emanuel geblasen hatte, ereignete sich etwas Wunderliches: In der «Washington Post» verteidigte der viel gelesene Kolumnist Dana Milbank den Stabschef und befand, nur Rahm Emanuel trenne Barack Obama vom politischen Schicksal Jimmy Carters: bye-bye nach einer Amtszeit!

Milbank befand, die anderen Diener des Präsidenten im inneren Zirkel – Guru David Axelrod, Beraterin Valerie Jarrett und Regierungssprecher Robert Gibbs – seien dem «Kult des Obama» erlegen; ihre Hingabe zum Präsidenten schlage sie mit Blindheit. Emanuel dagegen sei Realist. Milbanks Verteidigung des einzig Sehenden in Obamas Umkreis geriet jedoch zum Rohrkrepierer; es machte den Anschein, Emanuel habe sie inszeniert und sich dabei über den Präsidenten erhoben.

Angriff unter der Dusche

Ein Freund Emanuels schwört, dass der Stabschef nichts mit der Kolumne zu tun gehabt habe, dennoch entschuldigte er sich beim Präsidenten. Das Washingtoner Geflüster über Emanuels Rücktritt schwoll noch mehr an. Auch erhielten die legendären Storys über «Rahmbos» Impertinenz neue Nahrung, als der demokratische Abgeordnete Eric Massa behauptete, Emanuel habe ihn wegen seines Widerstands gegen die Gesundheitsreform in der Dusche einer Sporthalle verbal angegriffen – splitternackt und «nicht einmal mit einem Handtuch bekleidet».

Falls der «Zen-Meister» nicht bald von der Stelle kommt, dürfte es für Rahm Emanuel eng werden; man wird seinen Kopf fordern. Und sollte er nach den Kongresswahlen im November ausscheiden, würde auch für ihn gelten, was Kenneth Duberstein, der ehemalige Stabschef Ronald Reagans, frühzeitig erkannte: «Im Weissen Haus beginnt der Stabschef mit einem Meter dreiundneunzig und hört gewöhnlich mit einem Meter achtundsiebzig auf; das liegt in der Natur des Jobs.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2010, 10:28 Uhr

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3 Kommentare

Patrick Bauer

10.03.2010, 12:31 Uhr
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Rahm Emmanuel ist berühmt berüchtigt. Wenn jemand mal die Serie "Entourage" gesehen hat wo Emmanuels Bruder als Schauspieler-Agent Ari Gold portraitiert wird kann man sich gut vorstellen in welchem Ton das zu und hergeht im Weissen Haus. Unterhaltsam allemal und nur der Erfolg zählt! Antworten


Daniel Rauch

10.03.2010, 12:00 Uhr
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Obama ist schon ein armer Teufel. Er muss den verwöhnten Amerikaner erklären das sie nicht der 5er und S Weggli und s Schoggistängeli für Gratis überchömed Antworten


Alexandra Hamilton

10.03.2010, 11:33 Uhr
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Ja klar. Wenn der Chef nichts leistet und in die Kritik kommt, sind die Angestellten Schuld. Es wird ja wohl nicht so sein, dass Rahm die eigentliche Politik festlegt, die gemacht wird? Falls es soweit kommt, dass Rahm gehen muss, ist das wohl eher ein Bauernopfer und an der Politik wird sich nichts ändern. Antworten



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