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«Haiti als Republik der Hilfswerke ist eine Horrorvision»
Von Christof Münger und Alain Zucker. Aktualisiert am 06.11.2010 2 Kommentare
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Hôpital Albert Schweitzer
Der Schweizer Kinderarzt Rolf Maibach arbeitet am Albert-Schweitzer-Spital in Deschapelles in Haiti. Nach ehrenamtlichen Einsätzen ist der 67-jährige Bündner aus Ilanz 2006 ganz nach Haiti gezogen. Von 2008 bis 2010 war er der medizinische Direktor des Spitals. Seine Frau Raphaela leitete das Labor. Die beiden haben vier erwachsene Kinder und planen, in Zukunft zwischen Haiti und der Schweiz zu pendeln. Das Hôpital Albert Schweitzer liegt 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince. Seit 1977 wird das Spital von der Bündner Partnerschaft Hôpital Albert Schweitzer unterstützt.
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Ein grosses Erdbeben, immer wieder Wirbelstürme und jetzt die Cholera: Denken Sie manchmal, dass Haiti verflucht ist?
Ich mache mir wenig Gedanken, wieso es immer die Ärmsten trifft. Wir sind einfach dort und leben von Katastrophe zu Katastrophe.
Die Haitianer trösten sich mit Voodoo und dem Glauben an andere okkulte Kräfte.
Viele glauben, dass das Erdbeben kommen musste. Das wird mit Vibrationen erklärt, die ja im Voodoo mit all den Trommeln eine Rolle spielen. Aber das ist für mich nicht wichtig. Als ich zwei Tage nach dem Erdbeben in Port-au-Prince ankam, erschrak ich: die Leichen, über die man steigen musste, der Gestank. Am schlimmsten war, dass die Leute nicht mehr lachten. Als ich aber nur eine Woche später wieder in der Hauptstadt war, lachten sie wieder. Das hält mich in Haiti: diese Fähigkeit, mit unglaublichen Problemen umzugehen.
Sie idealisieren Haiti.
Nein. Aber Haiti färbt auf mich ab. Ich bewundere die Leute, wie sie mit so wenig das Leben meistern. Ich habe ganz selten von einem Suizid in Haiti gehört.
Nun noch die Cholera. Wie ist das möglich?
Ich habe sie erwartet, allerdings in den Zeltstädten in der Hauptstadt und nicht im Artibonite-Tal, wo unser Spital liegt, und die sanitäre Situation relativ gut ist. Aber viele Leute sind aus der Hauptstadt zu uns geflüchtet und wohnen auf engstem Raum bei Verwandten. So kann sich der Keim schnell ausbreiten. Zum Teil haben die Leute ja nicht mal Toiletten.
Wer ist von der Cholera betroffen?
Vor allem die Ärmsten. Vom Erdbeben wurden sie zum Teil verschont. Ihre einfachen Hütten hielten. Die Cholera hingegen ist eine Frage der Abwehrkräfte. Es trifft also die Schwachen, Unterernährten. Inzwischen ist die Lage stabiler, unser Spital hat etwa 20 Fälle pro Tag, nicht mehr Hunderte wie vor zwei Wochen. Die Gefahr liegt jetzt darin, dass die Cholera auf die grossen Städte übergreift.
Wie kann man das verhindern?
Ein Glück ist, dass viele Arme ein Handy haben. Sie essen lieber zwei Wochen nichts, als darauf zu verzichten. Man kann sie also per SMS informieren, wie sie sich verhalten sollen. Im Prinzip ist es einfach: Hände waschen und kein verschmutztes Wasser trinken. Und doch ist es schwierig: Sauberes Wasser muss man erst kriegen, und Trinkwasser ist teuer.
Gibt es in Haiti wieder so etwas wie Normalität?
Nein. Nur schon, weil der Staat kaum existiert. Kein Wunder, redet man heute von der Republik der Hilfswerke. Eine Vorstellung, die für mich eine Horrorvision wäre. Aber nach dem Erdbeben kam man nicht mehr durch die Hauptstadt wegen all der NGOs. Und jedes wusste besser, was für Haiti gut ist. Zum ersten Mal haben wir Mühe, einheimische Chirurgen für unser Spital zu finden, weil sie von anderen Hilfswerken mit hohen Löhnen abgeworben werden.
Gibt es keine ordnende Hand?
Am Anfang war es die UNO. Aber jetzt – nein. Es gibt zwar Koordinationssitzungen zwischen den Hilfswerken. In Port-au-Prince können sie den ganzen Tag an Sitzungen verbringen . . .
. . . im Kampf gegen die Cholera muss jemand die Fäden zusammenhalten.
Die Behörden könnten ihre Handlungsfähigkeit beweisen. Prävention und Behandlung von Cholera sind einfach.
Wie überlebt ein gewöhnlicher Haitianer?
Ich könnte es nicht. Und Sie auch nicht! Darum bewundere ich diese Leute so. In den Bergen, wo fast nichts wächst wegen der Erosion, ist das Leben besonders brutal. Viele sagen: «Nous n’avons pas de patrie» – wir haben keine Heimat. Sie wollen nach all den Katastrophen nur noch weg. Doch die Ärmsten können nicht auswandern und richten sich ein.
Pflanzen die Leute ihr Essen an?
Viele sind Selbstversorger. Einiges kaufen sie auf dem Markt. Haitianer planen nicht für die Zukunft, aber sie sind die besten Improvisatoren, die ich kenne.
Ein Beispiel?
Ich möchte nicht in einem Schweizer Spital sein, wenn nach einem Unfall innert einer Minute 53 Schwerverletzte eingeliefert werden. In Haiti hatten wir das, nur einer starb. Nach 20 Minuten hatten alle eine Infusion und eine Voruntersuchung. Die Krankenschwestern wollten zeigen, dass sie kompetent sind, und improvisierten.
Nach dem Erdbeben wurde viel gespendet, gerade in der Schweiz. Kam die Hilfe überhaupt an?
Bei uns kommt das Geld an.
Diese Antwort haben wir erwartet.
Bei uns weiss ich halt, was mit dem Geld passiert. Die Spenden gingen in die Soforthilfe für 1500 Verletzte nach dem Beben. Die meisten Verletzungen waren offene Brüche. Hinzu kommen heute die Flüchtlinge aus Port-au-Prince in unserem Einzugsgebiet. Deshalb muss unsere Hilfe auch nachhaltig sein und sich über mehrere Jahre erstrecken.
Worauf konzentriert sich Ihr Spital?
Die Kinderabteilung umfasst die Hälfte aller Patienten. Und wir haben die grösste Prothesenfabrik Haitis aufgebaut. Aus Port-au-Prince kommen Busse mit Amputierten zu uns. Sie bleiben eine Woche für Anpassung und Fabrikation der Prothese. Und sie lernen gehen.
Wie viele Prothesen stellen Sie her?
6000 Menschen mussten nach dem Beben amputiert werden. Über 600 Prothesen sind fabriziert, pro Woche kommen 40 dazu; das ist Rekord.
Das Leben in Haiti ist schwierig genug. Wie werden Ihre Patienten mit den Amputationen fertig?
Typisch ist die Geschichte von Naomie. Die 13-Jährige lag stundenlang unter Trümmern. Die Eltern starben, und ihr musste man das zerquetschte Bein amputieren. Naomie war schüchtern, lernte aber rasch, mit ihrem neuen Bein zu gehen. Sie blühte auf und steckte mit ihrer Fröhlichkeit die anderen Amputierten an. Die Prothesenfabrik ist der positivste Ort in ganz Haiti. Das ist kein Klischee, die Leute lachen und strahlen, wenn sie wieder laufen können.
Eine berührende Geschichte. Sind die Leute nicht traumatisiert?
Doch. Ich wäre auch depressiv, wenn ich Beine, Haus und Familie verloren hätte. Drei Psychologinnen behandeln bei uns posttraumatische Belastungsstörungen mit Kurztherapien.
Woran denken Sie vor dem Einschlafen?
Ich schlafe gut. Doch die Bilder aus Port-au-Prince bleiben einem im Kopf, auch der Leichengeruch, der über der Stadt lag. Ich habe jedoch auch positive Bilder im Kopf wie die von Naomie.
Ist Ihre Arbeit nicht ein Tropfen auf einen heissen Stein?
Doch. Aber viele Tropfen geben einen Wasserfall.
5 Milliarden Dollar sind Haiti versprochen worden.Fast ein Jahr später hat der Wiederaufbau kaum begonnen.Wo ist das Geld?
Ich weiss es nicht. Aber man vergisst leicht, wie kaputt Port-au-Prince ist, eine Stadt – grösser als Paris. Es war eine unglaubliche Katastrophe, und es geht lange, bis man Fortschritte sieht. Meines Wissens hat man nicht einmal einen Masterplan für den Wiederaufbau.
Ergreifen die Haitianer bei all dieser Hilfe aus dem Ausland auch selber die Initiative?
In Port-au-Prince haben viele mit den Händen zu arbeiten begonnen, mit dem Schubkarren und der Schaufel, weil Bagger fehlten. Aber in einem Land, in dem 70 Prozent arbeitslos sind, ist es schwierig. Wo beginnen sie?
Woran fehlt es in Haiti am meisten?
Grundsätzlich? An Bildung! Die meisten Schulen sind privat. Deshalb lernen nur wenige reiche Kinder etwas. Doch nur eine gebildete Gesellschaft kann auf Naturkatastrophen reagieren. Das hat man in Chile nach dem Beben gesehen.
Erwarten Sie Dankbarkeit von den Haitianern?
Nein. Ich profitiere von meinen Einsätzen in Haiti mehr, als ich geben kann.
Wie?
Etwa wenn ein schwer krankes Kind, bei dem man die Hoffnung schon aufgegeben hat, einen anstrahlt, weil es wider Erwarten doch gesund wird. Die Haitianer können nicht gut Danke sagen, aber sie können den Dank ausdrücken, indem sie einen spontan umarmen. Diese Gefühlswellen, zumal über die Rassengrenzen hinweg, sind einzigartig.
Tun Sie das alles für sich und nicht, um zu helfen?
Nur helfen zu wollen, reicht nicht. Wenn man nur gibt, ist man in einer Woche leer. Wenn man hingegen etwas für sich macht, hat man Kraft und Energie. Das ist zwar eine Art Egoismus, aber ein spezieller Egoismus. Es geht nicht um Franken und Rappen. Und trotzdem werde ich mit jedem Tag in Haiti reicher.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.11.2010, 14:14 Uhr
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