Hilfsgüter für Haiti bleiben stecken

Haitis Behörden versteifen sich auf Formalitäten, unter den ausländischen Regierungen kommt es zu Spannungen – und niemand weiss, wer den Wiederaufbau leiten soll.

Hilfe für Haiti: Das Hauptproblem besteht nicht darin, dass zu wenig Güter eintreffen, sondern in deren effizienter Verteilung.

Hilfe für Haiti: Das Hauptproblem besteht nicht darin, dass zu wenig Güter eintreffen, sondern in deren effizienter Verteilung.
Bild: Keystone

Drei Wochen nach dem Erdbeben in Haiti läuft die internationale Hilfsmaschinerie zwar auf vollen Touren. Die Anstrengungen reichen aber noch immer nicht aus, um alle rund 3 Millionen Betroffenen zu unterstützen. Das Hauptproblem besteht nicht darin, dass zu wenig Güter in der Hauptstadt Port-au-Prince eintreffen, sondern in deren effizienter Verteilung.

Mitarbeitern von Hilfsorganisationen zufolge hat sich die Situation verschlimmert, seit die haitianischen Behörden einen Teil der Lebensmittel- und Medikamentendepots kontrollieren. Im grössten Spital der Stadt sitze beispielsweise ein einheimischer Gesundheitsfunktionär vor dem überfüllten Medikamentenlager und notiere peinlich genau, was an- und ausgeliefert werde. «Das ist schlicht verrückt. Die haitianischen Behörden verplempern die Zeit mit dem Ausfüllen von Formularen», sagte ein Arzt gegenüber einer amerikanischen Zeitung.

US-Soldaten spielen Hauptrolle

Hinzu kommt, dass der Flugplatz von Port-au-Prince überlastet und der Hafen beschädigt ist. Die Strassen aus der Dominikanischen Republik, die als alternative Transportwege genutzt werden, sind verstopft. Laut Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon hätten zwei Wochen nach dem Erdbeben eine Million Menschen Nahrungsmittel aus dem Welternährungsprogramm erhalten sollen – in Wirklichkeit erreichte die Hilfe etwas mehr als die Hälfte. «Es war langsamer, als irgendjemand gehofft oder erwartet hatte», sagte John Holmes, der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe.

Bereits mehrmals ist es zwischen den wichtigsten an der Katastrophenhilfe beteiligten Ländern zu diplomatischen Spannungen gekommen, wobei vor allem die Vereinigten Staaten kritisiert wurden. Nachdem die Amerikaner die Kontrolle über den Flughafen übernommen hatten, reichten die brasilianische und die französische Regierung in Washington offizielle Protestnoten ein: Die USA würden eigenen Maschinen viel schneller eine Start- oder Landeerlaubnis erteilen als ausländischen. Die US-Regierung bestritt die Vorwürfe. Frankreich ist Haitis ehemalige Kolonialmacht, während brasilianische Militärs die Uno-Friedensmission Minustah kommandieren, die seit 2004 hauptverantwortlich für die öffentliche Sicherheit des Karibikstaates ist. Dass nun die Amerikaner durch die Kontrolle des Flughafens und die Entsendung von rund 12'000 Soldaten die Hauptrolle spielen, weckt besonders in Brasilien Eifersucht. Schon seit mehreren Jahren arbeitet die Regierung unter Präsident Lula da Silva beharrlich darauf hin, in Lateinamerika die politische Führungsrolle zu übernehmen.

Eclat USA-Italien

Zu einem diplomatischen Eclat kam es schliesslich zwischen den USA und Italien. Der Chef des italienischen Zivilschutzes Guido Bertolaso sagte im Fernsehen, die Vereinigten Staaten würden humanitäre Hilfe mit einem Militäreinsatz verwechseln. Darauf zeigte sich US-Aussenministerin Hillary Clinton «zutiefst verletzt», während der amerikanische Botschafter in Rom Bertolasos Kopf forderte. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi widersprach seinem obersten Zivilschützer, beliess ihn jedoch im Amt.

Inmitten all dieser Querelen ist die wichtigste Frage noch ungelöst: Wer soll langfristig für den Wiederaufbau des Landes verantwortlich sein, und wie hat dieser genau zu erfolgen? Während der letzten beiden Jahrzehnte hat Haiti insgesamt mehr als 5 Milliarden Dollar Hilfsgelder erhalten, ohne dass es den einheimischen Regierungen gelungen wäre, funktionsfähige staatliche Strukturen zu schaffen.

Port-au-Prince verschieben

Nicht zuletzt haitianische Oppositionelle fordern deshalb, das Land so lange wie nötig in ein Protektorat zu verwandeln und die Verantwortung dafür der internationalen Gemeinschaft zu übertragen. Ausländische Hilfsbemühungen seien in Haiti letztlich stets gescheitert, argumentiert die Gegenseite. Deshalb müsse man die Entscheidungen über den Wiederaufbau den haitianischen Behörden überlassen und sich darauf beschränken, bestimmte Bedingungen zu stellen – etwa an die Erdbebensicherheit der neu errichteten Gebäude.

Wahrscheinlich wird man einen Kompromiss wählen und die Souveränität zwischen einheimischen Behörden und ausländischen Institutionen teilen. Ob dies funktionieren kann, ist allerdings völlig offen – wie fast alles in Haiti. Mittlerweile wird nämlich selbst die Frage debattiert, ob es sich überhaupt lohne, Port-au-Prince wieder aufzubauen, oder ob es nicht besser sei, die Hauptstadt an einen tektonisch sichereren Ort zu verlegen. Denn das nächste Beben kommt bestimmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2010, 12:59 Uhr

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7 Kommentare

Peter Müller

09.02.2010, 14:30 Uhr
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Sehe das genauso! Schlussendlich ist wichtig, dass geholfen wird, und nicht, von wem. Der Bevölkerung muss einfach so schnell wie möglich ein geregelter Alltag ermöglicht werden. Wer noch nicht gespendet hat kann dies übrigens auf eine sinnvolle Art unter www.oneminuteofsilenceforhaiti.org tun. Man lädt sich eine Schweigeminute herunter wie einen Song, und spendet damit für den Wiederaufbau. Antworten


Bruno Darius

08.02.2010, 00:17 Uhr
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Geht es eigentlich um humanitaere Hilfe oder um Kinderspele: Ich war zuerst da also daf ich .......! Und wer leidet schlussendlich unter dem ganzen? Die Bevoelkerung von Haiti. Antworten


Thomas Grüter

05.02.2010, 09:45 Uhr
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Die Amerikaner sind gekommen, haben alles in die Hand genommen und eine spitzen Arbeit geleistet. Und dann kommen von überall diese Kleingeister die lieber meckern und motzen "oooh Militär statt zivile Hilfe", "buuuh, unser Flugzeug darf nicht landen". Ich zolle den Amerikanern Respekt! Sie haben getan was nötig war und sich um die Hilfe gekümmert. Niemand sonst hätte das fertig gebracht. Punkt. Antworten


Res Schall

04.02.2010, 10:30 Uhr
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Wie Europäer Krisen 'meistern' wissen wir seit dem Kosovo-Konflikt. Es wird sicher nicht lange gehen bis die Clichés des amerikanischen Imperialisten verbreiten. Den Notleidenen ist Priorität einzuräumen und nicht eitlen diplomatischen Empfindlichkeiten. Antworten


Ronald Lack

04.02.2010, 09:51 Uhr
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Ich glaube kaum dass Haitis - Regierung in der Lage ist den eigenen Leuten zu helfen, man sieht es Tagelang verkriechen SIe sich und dann kommen Sie und wollen mit der grossen Kelle anrichten. Es ist wichtig, dass die UNO endlich aus dem Schlaf erwacht und mehr tut. Sonst sollen sich die USA dafür einsetzten und den Wiederaufbau in die Hand nehmen. Antworten


Michael Meienhofer

04.02.2010, 09:42 Uhr
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Zeigt wieder einmal mehr, dass die UNO ein Club von unfähigen Beamten und Profiteuren ist, und wir machen da auch noch mit ! ich vermisse den Einsatz unserer UNO Vertretung. Wie hat doch Bern das Blaue vom Himmel geschnorrt, als es um die UNO-Abstimmung ging, wir hätten mehr Einfluss ! Das US Militär hätte im Auftrag der UNO erst einmal die korrupte Haiti-Regierung aus dem Verkehr ziehen sollen! Antworten


Hedvika Post

04.02.2010, 08:00 Uhr
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Eigentlich sollte die UNO in die Verantwortung gezogen werden: diese müsste einen strikten Katastrophenplan haben und die Koordination der Verteilung der Hilfsgüter machen. Doch Verteilungaprobleme sind immer schon das grosse Problem gewesen, nicht zuletzt, da Regierungen einen Vorteil darin sehen: Menschen, die bedürftig sind, sind einfacher zu manipulieren! Antworten



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