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Hundert Tage danach
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In Camp Corail gibt es alles, in Camp Obama nichts. Beide Lager für Erdbeben-Flüchtlinge liegen auf den Ausläufern desselben, kahlen Bergs. Nur vier Kilometer trennen die Camps, die verschiedener nicht sein könnten. Stellvertretend stehen sie über 100 Tage nach dem Beben vom 12. Januar für die ungleiche Verteilung der Hilfe auf Haiti.
An Hilfszusagen fehlt es nicht: Die internationale Staatengemeinschaft hat Haiti mehr als 12 Milliarden Dollar (etwa 9 Milliarden Euro) versprochen, allein 9,9 Milliarden Dollar (etwa 7,4 Milliarden Euro) wurden bei der Geberkonferenz am 31. März in New York zugesagt. Doch bis heute hapert es an der Koordination der Hilfen. Tausende Obdachlose harren in provisorischen Lagern aus.
Der Eingang von Camp Corail wird von UN-Blauhelmen bewacht. Hier wohnen etwa 3'000 Erdbebenflüchtlinge in geräumigen, Hurrikan-sicheren Zelten. Das Gelände ist gepflegt. Neuankömmlinge steigen aus klimatisierten Bussen, sie halten laminierte Lagepläne in den Händen und tragen grüne Bänder mit ihren Namen um die Handgelenke. Mitarbeitern der Hilfsorganisationen weisen ihnen Zelte zu, zeigen ihnen die Duschen, die Toiletten und das Polizeizelt.
Camp auf beschlagnahmten Land
Das Lager Corail ist das Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung von Hilfsorganisationen, den Vereinten Nationen, dem US-Militär und der haitianischen Regierung. Die Regierung beschlagnahmte kurzerhand Land und stampfte das Camp in einer Hauruck-Aktion aus dem Boden. Ingenieure der US-Marine arbeiten daran, das Camp vor dem Einsetzen der Regenzeit auszubauen. Es sollen 6'000 weitere Unterkünfte entstehen.
Die 23-jährige Manushka Lindor ist froh, mit ihrer Familie hier untergekommen zu sein. Zuvor campierte die Familie mit etwa 45'000 anderen Obdachlosen auf dem Gelände des Petionville Golfclubs. Dort war es schlammig, und sie fürchteten um ihre Sicherheit.
Jetzt sitzt Manushka mit ihrem dreijährigen Sohn im Schatten ihres Zeltes. Peterson St. Luis Jr. ahmt die Geräusche der UN-Lastwagen nach, die mit Baumaterialien ins Lager rollen. Vater Peterson St. Luis Sr. hat eine Schubkarre voll mit den üblichen Willkommensgeschenken bekommen: Genug Fertiggerichte für eine Woche, Seife, Zahnpasta, Toilettenpapier. Der 27-jährige Friseur will im hinteren Teil des Zeltes einen Salon zu eröffnen. Den Haarschneider will er zum Aufladen an eine Autobatterie anschliessen.
Das Lager der Verdammten
Camp Obama ist nach dem US-Präsidenten benannt - in der Hoffnung, die Ausländer würden dem Camp so mehr Beachtung schenken. Es liegt ein Stück hügelabwärts von Corail. Über dem verlassenen Zelt der Bürgerwehr weht die haitianische Flagge. Hier stehen notdürftig zusammengeflickte Baracken. Der Hang ist verschlammt, den etwa 8.500 Einwohnern fehlt es an allem.
Hier hat jeder eine Plastikplane bekommen, «Notunterkunftsmaterial», wie es im Jargon der Hilfsorganisationen heisst. Die Einwohner haben die Planen über Holzstöcke gespannt. Doch die Planen verrotten zusehends, die meisten lecken.
In Camp Obama, eines von vielen planlos errichteten Lagern, kommt nur sporadisch Hilfe an. Niemand kann sich genau daran erinnern, wann welche Hilfsorganisation hier war. Die einen haben einen riesigen Plastikbehälter für Trinkwasser dagelassen, die nächsten luden einen schwarzen Tank zum gleichen Zweck ab. Nun sind beide Behälter kaputt und leer.
Unbesetzte Ärztezelte
Kubanische Ärzte kamen und verteilten Malaria-Medikamente, so wie amerikanischen Ärzte auch. Doch während die medizinische Versorgung in Corail gut ist, bleibt das Ärztezelt in Camp Obama meist unbesetzt.
«Wir haben gehört, die Ausländer hätten viel Geld gegeben. Doch wir leben und sterben hier genauso wie zuvor», kommentiert Duverny Nelmeus die Lage. Der 52-Jährige war Schweisser und ist jetzt Koordinator von Camp Obama. Nelmeus' Kinder sind krank, haben Fieber und warten darauf, behandelt zu werden.
Keine Zäune
Die Organisatoren von Camp Corail fürchten, die Ungleichheit unter den Obdachlosen könnte für Schwierigkeiten sorgen. Gegenüber US-General Douglas Fraser, der den Hilfseinsatz der amerikanischen Streitkräfte koordiniert, haben sie abgelehnt, dass Zäune um das Camp gezogen werden. Zusätzliche Patrouillen, um die hilfesuchende Nachbarn notfalls abwehren zu können, stehen jedoch zur Diskussion.
Für manche Einwohner von Camp Obama heisst ihr Ziel gar nicht das besserausgestattete Camp Corail: «Das bessere Leben wartet in Amerika. Sollte ich es dorthin schaffen, sähe ich aus wie ein junger Mann, ich würde auf der Strasse tanzen», sagt Nelmeus. (jak/ddp)
Erstellt: 27.04.2010, 23:32 Uhr
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